Porträt: Lepa Mlađenović

Porträt: Lepa Mlađenović

Es ist sehr schwer, einen Text über Lepa Mlađenović in nur einer grammatikalischen Person zu verfassen, sei es nun in der ersten oder der dritten Person. Die Beschreibung der Frau, der 2013 der Anne-Klein-Frauenpreis verliehen wird, müsste von einem Chor von Frauenstimmen verfasst werden. Stellvertretend für all jene, die sie unterstützt hat, die sie dazu angeregt hat, zu sprechen und in sich einzukehren, in ihre innigste Gefühlswelt einzutauchen, indem sie ihnen half, diese zu erkennen und verstehen zu lernen, sowie für all jene Frauen, die sie gelehrt hat, sich zu lieben und anderen Frauen zu vertrauen – all den Frauen in ihnen selbst wie auch um sie herum. Lepa Mlađenović ist eine Person, die vielen Frauen ihre Stimme und ihren Glauben an andere geschenkt hat. In Serbien, aber auch weltweit.

Wer ist eigentlich Lepa Mlađenović? Sie ist eine Frau, die „unsere kleinen, inneren Welten Schritt um Schritt auf eine unglaubliche Art und Weise verändert“ (Ana Pandey). Sie ist „unsere Lehrerin, unsere Schwester in der Umarmung, aber auch im Kampf, in der Liebe und im Mut“ (Dagmar Schultz). Sie inspiriert Frauen überall auf der Welt (Elana Dykewomon), durchbricht Mauern zwischen verschiedenen Nationen (Igballe Rogova) und verleitet uns, unseren Idealen und unserem Tatendrang treu zu bleiben (Isabel Marcus). Ihre Worte sind „Mantras fürs Leben“ geworden (Zorica Spasojević), da sie die Gründung einer „Schwestern-Akademie, in der wir alle eines Tages unseren Abschluss machen werden“, initiiert hat (Rauda Morcos). „Intensiv sowohl im Kampf als auch im Spiel, eine Frau, die die Welt ändern würde, wenn sie es nur könnte“ (Joan Nestle). Lepa ist „eine kühne Friedenskämpferin und eine sanfte und liebevolle Kämpferin für die lesbische Freiheit“ (Sandy Butler). Lepa ist „mein Pink Panther“ (Slavica Stojanović), eine Frau, die stets Widerstand gegen Gewalt geleistet hat und Frauen gefeiert hat (Chris Corrin).

Als auf einer Reise ins belagerte Sarajewo die Grenzpolizei der Republik Srpska eine Muslimin zum Mitkommen aufforderte, stand Lepa Mlađenović auf und sagte: „Nehmt auch mich mit. Ich bin genau wie sie“ (Miloš Urošević). Als ihr im Jahr 1994 der Felipa de Souza Preis verliehen wurde, sagte Lepa Mlađenović: „Der Ort, aus dem ich komme, ist nicht das Land, in dem ich geboren wurde, sondern ein verlorenes, lesbisches Land, welches ich nie gehabt habe – aber es wird mir schon irgendwie gelingen, es zu erschaffen“. Siebzehn Jahre später kämpft sie immer noch für dieses Land (Haya Shalom), da das Land, in dem sie wohnt, weiterhin kein besserer Ort geworden ist. Mitte der Neunzigerjahre, als es persönlich und politisch wichtig war, „gleich zu sein“, schrieb Lepa Mlađenović ihren Namen mit Kleinbuchstaben, wie bell hooks. Wenn es schwierig wurde, wenn jede Tätigkeit zum Stillstand kam und alle Sehnsucht erloschen war, verschickte Lepa lustige Photographien, Lieder und Verse. In Serbien und weltweit.  

Lepas Freiheitsgeist findet seinen ersten Ausdruck während ihres Psychologiestudiums in Belgrad, als sie sich dem rigiden Ausbildungssystem widersetzt und Protestbriefe an die Professoren schreibt, in denen sie die Ausbeutung und Misshandlung der Studenten und Studentinnen kritisiert. Als sie mit der Situation in ihrem zukünftigen Tätigkeitsfeld näher bekannt wird, schließt sie sich der anti-psychiatrischen Bewegung an. Sie ist energisch und geht den Dingen auf den Grund: Mehrmals reist sie per Anhalter nach Italien, in die Zentren für die mentale Gesundheit der Gesellschaft Demokratische Psychiatrie. Sie lernt autodidaktisch Italienisch, verfasst ihre erste Texte und leistet Freiwilligenarbeit in verschiedenen Therapieeinrichtungen in London. So ist ihr erstes soziales Engagement die aktive Beteiligung im Netzwerk der Anti-Psychiatrie-Bewegung, das sich gegen eine Psychiatrie als Ort der Gewalt und Ausgrenzung wendet. Bereits 1982 organisiert sie die berühmt gewordene Konferenz Alternativen zur Psychiatrie im SKC (Kulturzentrum für Studierende) in Belgrad.

Das Kulturzentrum für Studierende war bereits 1978 ein Raum, in dem eine historisch wichtige Konferenz abgehalten wurde, die als Geburtsstunde des jugoslawischen Feminismus gilt, die Konferenz „Genossin Frau“. Lepa Mlađenović war eine von jenen jungen, feurigen Aktivistinnen, die es gewagt haben, auf dieser berüchtigten Konferenz eine neue und etwas andere Einstellung zur Frauenfrage anzustoßen. Seit der „Genossin“ fängt Belgrad an, auf eine neue Art und Weise zu pulsieren. Erstmals wird über Frauen gesprochen, ihre Erfahrungen und Erkenntnisse, über Frauensolidarität. Obwohl die Achtzigerjahre in vielerlei Hinsicht als „theoretische“ Jahre des jugoslawischen Feminismus gelten, werden zu dieser Zeit auch erste aktivistische Initiativen organisiert. Lepa besteht schon damals auf einem Austausch von Wissen und Erfahrungen, sowohl persönlich und als auch politisch, auf einer individuellen Radikalisierung des feministischen Tätigkeitsdrangs. Aus diesem Grund organisiert sie 1986 in Anlehnung an Selbsthilfegruppen die erste Frauengruppe, die entscheidend werden sollte für die Einleitung der zweiten feministischen Welle. Im Kleinen Saal des Kulturzentrums für Studierende wurden erste Workshops über Themen wie Abtreibung, Gewalt und Sexualität im Rahmen der feministischen Gruppe Frau und Gesellschaft abgehalten. Zur dieser Zeit entstand auch die erste lesbische Feministinnen-Gruppe in Belgrad. 

Lepa Mlađenović nahm an fast allen feministischen Veranstaltungen teil, die in den Achtzigerjahren in Jugoslawien organisiert wurden und prägte das Konzept des „jugoslawischen Feminismus“ mit. Dank ihres Engagements wurde nach Zagreb und Ljubljana die dritte SOS-Telefonhotline in Belgrad errichtet. Lepa Mlađenović ist eine jener Frauen, die fest daran glauben, dass Schwesternschaft keine Staatsgrenzen kennt. Als 1991 der Krieg ausbrach, wurde der Wille der Frauen, sich dem Krieg und den aufgezwungenen Grenzziehungen zu widersetzen, nur noch verstärkt. Sie beteiligt sich an der Gründung der Antikriegsorganisation „Frauen in Schwarz“ (Žene u crnom), die jahrelang immer mittwochs in Schwarz und schweigend gegen das totalitäre serbische Gewaltregime protestierte, das sie für den Krieg im ehemals gemeinsamen Land verantwortlich machte.

In dieser Zeit bekommt die politische Einstellung von Lepa Mlađenović klare Umrisse. Seit dem Beginn der Neunzigerjahre setzt sie sich mehrere politische Schwerpunkte, die jedoch miteinander verknüpft sind: Die Umstände verlangen, den Kampf gegen den Nationalismus und Militarismus des serbischen Staates in den Vordergrund zu rücken, dessen Hauptideologie die Feindschaft gegen allen Andersseins war. Der Antinationalismus von Lepa Mlađenović war von jeher außerordentlich feministisch geprägt. Dies hatte zur Folge, dass sie Frauen unterstützte, die Opfer des Krieges wurden (zum Beispiel grenzüberschreitend Lebensmittelpakete verschickte, Flüchtlingslager besuchte, Kommunikation mit den „verfeindeten“ Frauen aufrecht hielt), dazu beitrug, ein Bewusstsein über die Lage der Frauen im Krieg und über die Gewalt, der sie ausgesetzt waren, zu entwickeln, sowie darum zu ringen, dass die Verbindungen erhalten blieben, die von der allgegenwärtigen Aggression und dem Hass bedroht wurden. Aus diesen Erfahrungen entsprang ihre feste Überzeugung, dass Frauensolidarität eine spezielle Form des feministischen Antifaschismus und die Care-Ethik der erste Schritt hin zur Sorge um sich selbst und für die anderen sei. „Frauen in Schwarz“ war die Organisation für ihre unmittelbaren Aktivitäten und das Zentrum für Frauenstudien und Kommunikation, das sie 1992 mitbegründet hatte, ihre Denkfabrik. Allgegenwärtige Themen wie Gewalt und Solidarität sind die Arbeitsgebiete zweier Organisationen, die sie mit gegründet hat und für die sie sich bis heute engagiert: das ‚Autonome Frauenzentrum’ (Autonomni ženski centar, gegründet 1993) und ‚Arkadien’ (Arkadije, gegründet 1991).

 Lepa Mlađenović war eine der ersten öffentlich bekennenden Lesben in Serbien. Als Frau, Feministin und Antinationalistin bereits der Gewalt einer patriarchalischen Gesellschaft ausgesetzt, ließ sich Lepa nicht hindern, sich auch noch öffentlich zu ihrem Lesbisch-Sein zu bekennen - in einer Zeit, als das förmlich undenkbar war. Im festen Glauben, dass lesbische Frauen die Schöpferinnen einer neuen Zeit seien, widersetzte sie sich öffentlich der Homophobie, zuerst durch ‚Arkadien’, später durch ‚Labris’ – einer Organisation, die sich seit der Gründung  1995 mit lesbischen Menschenrechten befasst. Damit hat sie einen Weg für viele Frauen geebnet, die von ihr viel über die Freiheit und Offenheit des Lesben-Seins gelernt haben. Einen besonderen Ausdruck aufrechter Dankbarkeit für ihr Lebenswerk stellt die Gründung des ‚Lepa Mlađenović Leseraumes’ im Juni 2011 seitens der Lesbischen Organisation von Novi Sad (NLO) dar.

 Lepa Mlađenović ist ein Name, der allen Frauen der feministischen Bewegung bekannt ist. In Belgrad, wo sie geboren wurde und das sie nie verlassen hat; in Serbien, das sie kreuz und quer durchstreift und sich dabei für eine bessere und demokratischere Gesellschaft einsetzt; im ehemaligen Jugoslawien, in dem sie ein Symbol der Frauenbewegung geblieben ist; in der Welt, wo sie eine Vielzahl von Frauen mit der ihr eigenen strömenden Energie inspiriert hat. Lepas Imperativ ist uns Frauen bekannt: „Die Andere hören, wie sie sich selbst hört“. Genau so bekannt ist auch ihre Frage: „Was hast du daraus gelernt?“ Jede und jeder von uns hielt schon einmal inne und fragte sich, ob wir der- oder demjenigen gegenüber auch die nötige Achtung erweisen. Deshalb am Schluss wieder im Gleichklang mit Tijana Popivoda, ihrer besten Freundin: Wir sind stolz, dass der Anne Klein-Frauenpreis an Lepa Mlađenović verliehen wird, „der Aktivistin, die mit ihrer Hingabe diese Welt für uns Frauen und Lesben erleuchtet hat, damit wir durch sie freier und glücklicher gehen können“. Für die Frauen in Serbien, für die Frauen weltweit.

 
 

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