Ein politischer Feldgottesdienst - also known as „the Obama Inaugural Celebration at the Lincoln Memorial“

Ein politischer Feldgottesdienst - also known as „the Obama Inaugural Celebration at the Lincoln Memorial“

Ein politischer Feldgottesdienst - also known as „the Obama Inaugural Celebration at the Lincoln Memorial“

Reinhard Bütikofer

19. Januar 2009
Von Reinhard Bütikofer
Von Reinhard Bütikofer

Mehr als eine Million Menschen kamen. Sie standen zwischen dem Obelisken, der an den ersten US-Präsidenten, Washington, erinnert und den Säulen des Gedenkbaus für den bedeutendsten, Lincoln. So viele Menschen hatte diese ehrwürdige Feierstätte der amerikanischen Demokratie, die National Mall, lange nicht gesehen. Die Leute kamen zu einer Veranstaltung ganz eigener Art: zu einer bewegenden Einheitsfeier unter dem Motto „We are one“, zu einem patriotischen Konzert, zu einem säkularen, demokratisch-republikanischen Feldgottesdienst. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Feier standen stundenlang friedlich-fröhlich, geduldig-aufmerksam, entspannt. Schon zwei Stunden, bevor es los ging, konnte man nicht mal mehr in Sichtweite der eigentlichen Bühne kommen. Die meisten, wir auch, verfolgten das Geschehen nur auf überdimensionalen Bildschirmen.

Könnte es so eine Feier in Deutschland geben? Ich kann es mir nicht vorstellen. Aber auch für die USA war das etwas Neues. „Bei keiner anderen Amtseinführung gab es jemals solch eine Veranstaltung“, sagte Steve Clemons von der New America Foundation, einem angesehenen Thinktank.

Gottesdienst und Kunstprogramm

Die Veranstaltung war von Anfang bis Ende durchchoreographiert. Zu Beginn die Nationalhymne und eine „invocation“. Invocations habe ich in den USA bei vielen Wahlkampfveranstaltungen erlebt: Ein Geistlicher bittet vor Eintritt in das eigentliche politische Geschäft um göttliche Unterstützung. Diese Invocation auf den Stufen des Lincoln Memorial hielt ein Bischof, der als schwul bekannt ist. Obamas Regisseure setzten damit einen Gegenakzent zur Invocation bei der Ablegung des Amtseides am Dienstag. Dass zu der ein im allgemeinen gemäßigt konservativer Pastor einer kalifornischen Mega-Gemeinde eingeladen wurde, der allerdings massiv gegen die Homo-Ehe mobilisiert hat, hatte viele der links-liberalen Anhänger Obamas empört. Obama wollte seine Avancen ins konservative Lager, die auch unter Republikanern für erhebliche Aufregung gesorgt hatten („Jetzt will der uns noch nicht mal die Evangelikalen kampflos überlassen!“), nicht als Kurswechsel interpretieren lassen. Deshalb jetzt diese Geste.

In bunter Folge traten danach Künstler und Prominente auf, die alle ein Thema variierten: „What we love about America“. Als Musikerinnen und Musiker waren zu hören Bono und Bon Jovi, Bruce Springsteen und Sheryl Crow, Herbie Hancock, John Mellencamp, John Legend, Stevie Wonder, Garth Brooks, Shakira, Queen Latifah und zum emotionalen Schluss Pete Seeger und Beyoncé.

Zitate von Lincoln bis Reagan

Denzel Washington, Forest Whitaker und andere Prominente trugen Zitate vor. Tom Hanks las Passagen von Abe Lincoln. Lincoln wurde überhaupt viel zitiert. (Wie Lincoln war Obama am Vortag auch mit dem Zug von Illinois nach Washington gefahren.) Zu Wort kamen John F. Kennedy und Robert Kennedy, Franklin D. Roosevelt, Martin Luther King oder Rosa Parks, die schwarze Frau, Heldin der Bürgerrechtsbewegung, die sich 1955 in Alabama, müde, am Ende eines langen Tages, einfach geweigert hatte, im Bus von einem Platz aufzustehen, der für Weiße vorgesehen war. Zitiert wurden aber auch „Ike“ Eisenhower und Ronald Reagan. Jenseits einer so komponierten republikanischen - im Sinne der Republik ! - Selbstvergewisserung hatten die vorgetragenen Texte, im Zusammenhang gesehen, eine eindeutige historische Botschaft: Mit der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten kommt die US-Demokratie wirklich zu sich selbst. In den Worten von Lincoln: „As I would be no slave, I would be no master. … Whatever differs from this to the extent of the difference is no democracy.“ Am Abend würde die größte Gala der Latinos, tausende Gäste, die extra aus dem ganzen Land angereist waren, das vereinnahmend mit der Formulierung aufgreifen, dass der erste Präsident nicht nur der schwarzen Minderheit nun sein Amt antrete, sondern „the first president of color“.

„What we love about America“ hatte zwei Grundmelodien. Die eine sang vom „sweet land of liberty“ - „let freedom ring“. Die andere sang von den „einfachen Menschen“ - „ordinary Americans“. Dieser populistische Kult reichte von John Mellencamp „ain’t that America for you and me“ bis zu Tiger Woods, der von seinem Vater erzählte, der bei den Special Forces gewesen sei. Die zweite Tonart griff in einer sehr kurzen Rede Vize-Präsident Joe Biden auf. Das scheint, wie schon im Wahlkampf, eine seiner Rollen zu sein, dass er als „honest Joe“ die Werte der einfachen Leute hochleben lassen soll. Er habe in seiner Jugend gelernt, Arbeit zu ehren. Und es sei nun Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass die Leute, die eine Arbeit wollen, die auch finden können. Schmucklos kam das. Passte nicht ganz zu der Weihestimmung. Und zeigte, so scheint mir, dass sich Obama durchaus bewusst ist, dass sein persönlicher politischer Appeal gerade bei den Rednecks, der weißen Arbeiterklasse, immer noch am meisten Hilfe von anderen braucht.

Der Ernst beginnt

Obama hielt auch eine Rede, und sie war ungefähr so ernst wie die am Abend des 4. November, bei der Siegesfeier in Chicago. Wenige Generationen hätten je vor solchen Herausforderungen gestanden wie die heutige. Er zählte die Herausforderungen nicht alle auf, der Klimawandel wurde zum Beispiel nicht erwähnt. Obama kam es auf etwas anderes an. Er wollte die Zuhörerinnen und Zuhörer auf dem Feld und vor den Fernsehschirmen auf eine schwere Zeit einstimmen, eine Zeit auch mit falschen Ansätzen und Rückschlägen. Er wollte um Hoffnung und Geduld gleichzeitig bitten. Und er wiederholte sein Mantra: Ihr seid die Hoffnung! „What gives us greatest hope of all - it's you!“ „Eure Stimmen werde ich jeden Tag mitnehmen ins Oval Office. … Helft Ihr mir dabei, dass wir einmal mehr den wahren Charakter dieser Nation beweisen können.“

Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass die Stimmung in der Bevölkerung derzeit genau dort ist, wo Obama sie haben möchte. Die Menschen wollen „change“ - und rechnen damit, dass es dauert.

Die internationale Perspektive kam, wenn ich mich nicht täusche, nur einmal relevant vor. Bei Bono. Der sprach davon, dass die Hoffnungen der Menschen in den USA in vielen anderen Ländern von den Menschen geteilt würden, „in Europa, in Afrika, in Israel, in Palästina“. Ansonsten schaute Amerika an diesem Tag durch diese Feier ganz nach innen.

Am Abend traf ich eine Filmemacherin, mit jüdischen Vorfahren aus der Ukraine, indianischen Vorfahren und schwarzen, die noch von ihrer Urgroßmutter selbst gehört hatte, dass deren Eltern Sklaven waren. Sie sagte: „Zum ersten Mal in einer sehr langen Zeit sind wir in guten Händen.“


Reinhard Bütikofer war von 2002 bis 2008 einer der beiden Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen.

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