Selbsterfüllende Prophezeiungen - Ein Kaffeegespräch

Selbsterfüllende Prophezeiungen - Ein Kaffeegespräch

Selbsterfüllende Prophezeiungen - Ein Kaffeegespräch

Robert Habeck, Foto: http://www.robert-habeck.de/

9. Februar 2009
Von Robert Habeck
Von Robert Habeck

Zu den langweiligsten Ereignissen der letzten Woche gehörte, dass Bundesaußenminister Steinmeier 20 Minuten mit Hillary Clinton geredet hat. Die spannenden Ereignisse waren hingegen dicht gedrängt: Obama verliert Tom Daschle und seine Glaubwürdigkeit, Obama holt sich die Glaubwürdigkeit zurück, indem er freimütig zugibt: „I screwed it up“, Obama setzt eine Einkommensgrenze von 500.000 US-Dollar für Manager durch, deren Unternehmen Staatshilfe brauchen, Obama unterzeichnet ein Gesetz, dass Kindern den Beitritt zur Krankenversicherung ermöglicht – gegen die Republikaner, Obama platzt der Kragen und er flucht über die Republikaner, die sein Konjunkturpaket zerreden, Obama stellt ihnen ein Ultimatum, Obama bricht drei Republikaner aus dem Block der Ablehnung, Obama, Obama, Obama – Die Woche begann mies, aber er schaffte es, das politische Momentum zurückzuholen.

„Es gibt bei den politischen Beobachtern ein Lauern, wie lange dieser Schwung anhält, wann er entzaubert wird, man wartet auf den Abstieg in die Niederungen der Politik. Aber irgendwie ist eher so, dass die Niederungen durch ihn auf sein Niveau geholt werden“, sagen die Journalisten, mit denen ich gesprochen habe. Wir trafen uns meist im Starbucks-Restaurant am Dupont-Circle. Das ist die Gegend der Botschaften und Thinktanks. Manche entschuldigten sich, dass es Starbucks ist, aber „alle treffen sich da. Und du willst doch einen echten Einblick kriegen.“ Irgendwie war es ein Vorzeichen für das Gespräch, dass wir in einem politisch inkorrekten Fastfood-Restaurant landeten. Sie überwanden die Fragen politischer Konvention. Dies ist ihr Zusammenschnitt.

Die Stimmen der Journalisten

Der Einstieg erfolgte über Fragen der Atmosphäre:

„Als ich hier vor drei Jahren hinging, da haben mich alle bedauert. Amerika war ein Schreckensbild. Jetzt würde jeder gern meinen Job haben – verrückt, wie sich das Bild und die Sympathie für ein Land so plötzlich ändern. Jetzt würde jeder mit mir den Job tauschen.“ Ich habe Ähnliches auch von einem Freund gehört, der aus Benin kommt. Wäre nicht Obama gewählt worden, wäre er wieder zurück gegangen. Jetzt wird er in einer Woche eingebürgert und sagt: „Ich bin stolz, Amerikaner zu werden.“

„Hat Amerika sich denn plötzlich geändert? War die Zeit nicht einfach reif für einen neuen Politikansatz?“, frage ich.

„In gewisser Weise schon. Ironisch kann man vielleicht sagen, dass nur, weil Bush so schlecht war, Obama siegen konnte. Das Bedürfnis nach etwas anderem war einfach radikal. Aber andererseits war dieses Bedürfnis noch vor zwei Jahren überhaupt nicht artikuliert. Vielleicht auch nicht bewusst. Es ist wohl schon eher so, dass es erst mit Obama zustande kam.“ „Er hat mal in einer Rede gesagt: ”We are the people, we have been waiting for.” Selbsterfüllende Prophezeiungen?”

“Ich habe ihn und Hillary bei Wahlkampfveranstaltungen begleitet. Hillary hat die Details der Gesundheitsversicherung erläutert. Die Leute sind fast eingeschlafen. Obama hat den Geist der Gemeinschaft beschworen. Da wusste ich, dass er Präsident werden würde. Hillary hat die Basis einer neuen Politik nicht verstanden, nicht gesehen, dass es einen Generationswechsel in der Politik gibt.“

„Generationswechsel? Das hab ich auch gedacht, endlich mal ein Jüngerer. Aber alle, Clinton und Fischer und Schröder, alle waren so alt wie er, als sie ins Amt kamen“

„Ich meine mit Generationswechsel nicht einfach ein anderes Alter. Ich mein einen anderen Angang, einen neuen Pragmatismus. Die letzten Jahre waren einfach ideologische Jahre. Und dieses Land ist ideologisch tief gespalten. Und jetzt kommt jemand, dem das ganze Hickhack egal ist. Einer, der die Dinge erledigt sehen will, der sich an seinen Taten messen lassen will.“

„Ist denn Pragmatismus das richtige Wort? Es riecht doch geradezu nach Vision und Idealismus…“, sage ich.

„Idealismus, nicht Ideologie. Ja, das stimmt. Und das ist doch das andere: Die Visionen sind nicht abgekoppelt, sondern gesättigt mit tatsächlichen Beobachtungen und Entscheidungen. Sie entstammen gewissermaßen der Enttäuschung über die Wirklichkeit.“

Es liegt schon an ihm... Foto: Robert Habeck

„Visionen des Enttäuschten. Ist das der Generationsbruch?“

„Es ist schon handfester. Nimm den viel diskutierten Stimulus Plan. Die Kritik ist ja richtig, dass nicht alles, was da drin steht, unmittelbar der Wirtschaft nutzt. Er hat einen riesigen Bildungsanteil. Und Bildung wirkt nun mal eher nachhaltig. Und gerade dass ist das Gute. Obama müsste diesen Kampf gar nicht führen, aber toll, dass er ihn führt!“

„Aus deutscher Sicht ist das ganz schön viel Personenkult. Ich meine, wir beide sind doch so aufgewachsen, dass sich politische Inhalte von alleine durchsetzen…“
„Schön wär’s. Diese Woche zeigt es doch ganz gut. Dass er sich hinstellt und die Sache mit Daschle auf seine Kappe nimmt, das hat sich noch kein Politiker getraut. Und die Folge ist, dass die Leute sagen: Er hat Rückgrat. Fehler machen wir alle. Er gibt sie zu. Und sie gehen den nächsten Schritt: Wir haben ihn gewählt, um die Wirtschaft in Gang zu setzen, die Republikaner müssen jetzt springen. Nein, es liegt schon an ihm.“

„Was mich nervt, ist gerade die Rücksicht Obamas auf die Republikaner. Ist es nicht an der Zeit, die Dinge gegen sie durchzusetzen?“

„Das finde ich nicht. Beziehungsweise, ich finde, dass Obamas Haltung der weitergehende Ansatz ist. Das Land war wirklich tief zerrissen. Leute sind schon nicht mehr auf Partys gegangen, wenn sie hörten, dass da auch Republikaner eingeladen waren. Das ist etwas ganz anderes als ein Lagerwahlkampf in Deutschland. Es gab in den letzten Jahren einfach keinen gesellschaftlichen Konsens….“

„Weil sich die Republikaner so weit nach rechts bewegt haben…“

„Ja, aber deshalb ist es doch umso verdienstvoller, sie wieder zurückzuholen.“

„Ist das nicht eigentlich eine Verdrehung der politischen Weltlehrer: Die Konservativen sind radikal, wollen radikale Veränderungen, setzen auf ungebremsten Profit und die Liberalen und Progressiven kämpfen für den Bestand des Gemeinwesens, reden von Mäßigung und Werten und setzen sich für den Erhalt von Strukturen ein.“
„Ja, das ist interessant, nicht wahr. Im Grunde kann man sagen, dass die Demokraten die staatstragende Partei sind, während die Republikaner den Staat schleifen wollen.“

„Wenn man das auf Deutschland überträgt, können die emanzipatorischen, progressiven Kräfte dann etwas von Obama lernen?“

„Was würdest du denn sagen?“

„Ich würde sagen, dass es ein Widerspruch ist, wenn man für gesellschaftliche Veränderungen eintritt und man selbst kein positives Verhältnis zur Gesellschaft hat. Und das haben die linken Kräfte in Deutschland nicht. All die bürgerlichen Leitideen, Freiheit, Verantwortung, Leistung… die müsste man mit seinen Inhalten besetzen, nicht wortwörtlich „links“ liegen lassen.“

Das Gespräch wirft noch mehr Fragen auf

Inzwischen haben wir unsere Pappbecher zerdrückt, die BlackBerrys ein paar Male gerappelt...

„Wie geht es weiter in Washington?“, frage ich.

„Wenn Obama mit seinem Stil und seiner Regierung Erfolg hat, werden sich die Republikaner an daran anlehnen. Wenn er scheitert, werden sie ihre alten Konzepte und ihre alte Linie fortsetzen.“

„Das heißt doch, wenn Obama Erfolg hat, dann kopieren die Republikaner seinen Erfolg.“

„Das ist der Preis, wenn man etwas Neues versucht.“

„Selbsterfüllende Prophezeiungen?“

„Selbsterfüllende Prophezeiungen.“


Robert Habeck ist Schriftsteller und Parteichef der Grünen in Schleswig-Holstein.

Neuen Kommentar schreiben