Hangama Anwari: Wir benutzen den Islam als Waffe

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Ein Gespräch mit Hangama Anwari, Leiterin der Women and Children Legal Research Foundation (WCLRF), über Lobby-Arbeit, westliche Einflussnahme und Verhandlungen mit den Taliban

Die jüngste Kontroverse um das schiitische Familiengesetz hat einmal mehr gezeigt, wie stark die Lobby gegen Gleichberechtigung in Afghanistan ist. Das Gesetz gibt Männern sexuelle Verfügungsgewalt über ihre Ehepartnerinnen und schränkt deren Bewegungsfreiheit ein. Welche Möglichkeiten haben Frauenrechtsorganisationen wie WCLRF, Einfluss zu nehmen, bevor ein solches Gesetz verabschiedet wird?

WCLRF hat gemeinsam mit anderen Organisationen ein Komitee gegründet, das sich bereits seit einem Jahr mit dem Familiengesetz befasst. Wir haben einen eigenen Entwurf erarbeitet und uns mehrmals mit dem Parlamentssprecher und mit Präsident Karzai getroffen. Dabei haben wir sie dringend aufgefordert, dem Gesetz in der vorliegenden Form nicht zuzustimmen. Leider waren die Reaktionen wie so oft in solchen Fällen. Wir werden freundlich empfangen, erhalten im persönlichen Gespräch viel Zustimmung; doch sobald es um Entscheidungen geht, werden wir schlicht ignoriert.


Sie waren auch bei der Demonstration gegen das Gesetz dabei, dem ersten öffentlichen Protestmarsch von Frauen seit dem Sturz der Taliban. Dabei wurden sie von einer Überzahl an Gegendemonstranten mit Steinen beworfen und als «Handlanger der Christen» beschimpft. Die radikal-konservativen Kräfte bemühen sich offenbar, Frauenrechte als westlichen Werteimport zu diffamieren. Haben sie damit Erfolg?

Zum glück haben sich Afghanistan und das Denken in unserem Land in den vergangenen Jahren sehr verändert. Viele afghanische Intellektuelle setzen sich für Frauenrechte ein. Bei unserer Demonstration wurden wir von zahlreichen Männern begleitet. In der Regierung und im Parlament gibt es viele Frauen und Männer, die das Familiengesetz ablehnen. Auf Initiative von Außenminister Rangeen dadfar Spanta haben fünf Kabinettsmitglieder, allesamt Männer, die Regierung aufgefordert, das Gesetz zu überarbeiten. allerdings müssen wir auch der Realität ins Auge sehen, dass viele Leute den bestehenden Entwurf unterstützt haben. Zum Teil lässt sich dies auf ein mangelndes Verständnis des Islam zurückführen. Einige der Unterstützer verfolgen mit dem Gesetz vor allem ihre eigenen politischen Interessen oder haben entsprechend ihrer politischen Parteizugehörigkeit abgestimmt.


Wie gehen Sie als WCLRF damit um, wenn die Mudschahedin sie als Agenten des Westens verunglimpfen?

Unsere Strategie zielt vor allem darauf ab, Menschen auf der lokalen Ebene mit modernen interpretationen des Islam vertraut zu machen. Außerdem wollen wir das Bewusstsein für Afghanistans internationale Verpflflichtungen als Mitglied der Staatengemeinschaft schärfen. Erfolgreich war unsere Arbeit immer dann, wenn wir zeigen konnten, dass internationale Standards und die Menschenrechte nicht den Lehren des Islam widersprechen. Wenn andere den Islam missbrauchen, um Frauen zu unterdrücken, heißt das nicht, dass wir Frauen den Islam nicht als Waffe nutzen können, um unsere
Rechte zu verteidigen.


Nach dem Sturz der Taliban standen Frauenrechte zumindest in der Rhetorik hoch auf der Agenda der westlichen Regierungen. Internationaler Druck hat damals dafür gesorgt, dass das afghanische Parlament eine der höchsten Frauenquoten der Welt hat. Inzwischen gibt es Stimmen, die meinen, dass dieser Druck zu groß gewesen sei und – ähnlich wie beim Sturz des Reformkönigs Amanullah 1929 – eine Reaktion der konservativen Kreise provoziert habe. Was halten Sie von solchen Interpretationen?

Ehrlich gesagt nicht viel, denn tatsächlich hat sich der Westen nie besonders stark für Frauenrechte in Afghanistan oder unsere Arbeit als Aktivistinnen eingesetzt. Wir erwarten von der internationalen Gemeinschaft, dass sie sich für den Schutz von universellen Werten und Rechten stark macht, die unabhängig von Staats- und Religionszugehörigkeit gelten, und die uns unter der Taliban-Herrschaft verweigert wurden. Die westlichen Regierungen sollten also den Druck eher noch erhöhen und sich mehr in die innerafghanischen Debatten einmischen. Allerdings ist es wichtig, dass die afghanischen Stakeholder, vor allem Frauenorganisationen, dabei stärker als bisher konsultiert werden, damit sie nicht zwischen die Fronten geraten.


US-Präsident Obama hat angedeutet, dass es Gespräche mit einem Teil der Taliban geben könnte. Die afghanische Regierung setzt ebenfalls auf Verhandlungen. Besteht die Gefahr, dass Frauenrechte dabei zur Verhandlungsmasse werden?

Ja, das befürchten wir, wenn Frauen nicht als gleichberechtigte Interessengruppe und Bürgerinnen Afghanistans an den Verhandlungen beteiligt werden.
Mehr noch: Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern muss bei allen gesprächen mit den Aufständischen als eines der Hauptthemen auf der Agenda stehen. Nur so können die Frauenrechte geschützt werden.

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