Mexiko: Der Ball kennt kein Geschlecht

Mexiko: Der Ball kennt kein Geschlecht

Mexiko: Der Ball kennt kein Geschlecht

19. April 2011
Ana Montenegro
In Mexiko sind wir aus ganzem Herzen Fußballfans, wir sind begeistert, wir haben selbstverständlich von klein auf unsere Mannschaft, zu deren Spielen wir gehen, wir kommen mit der ganzen Familie ins Stadion, um unsere Mannschaft zu unterstützen. Und wenn unsere Nationalmannschaft der Männer spielt, steht alles still. Ich denke, dass auch der Frauenfußball sehr viel mit dieser großen Leidenschaft zu tun hat, die wir als Land für diesen Sport empfinden.

Die Frau hat in Mexiko den ersten Kontakt zum Fußball über den Mann - den Freund, Cousin, Bruder, Nachbarn, Vater, etc. Sie sieht den Fußball mehr als ein Vergnügen an und nicht als etwas, das zur Absicherung sozialer oder wirtschaftlicher Notwendigkeiten dient - später könnte sie durchaus aufgrund von sozialen Notwendigkeiten diesen Sport wieder aufgeben.

Allerdings ist der Machismo das erste Hindernis dafür, dass Frauen diesen Sport ausüben. Als Fußballspielerin konnte ich beobachten, dass die Führungskräfte, Manager und Trainer der Nationalmannschaften des Frauenfußballs weiterhin Männer sind. Daher ist es notwendig, dass hier auch Frauen einbezogen werden. Wenn es schon beim Männerfußball keine Kultur der Verantwortung, Einsatzbereitschaft, Disziplin und des Ernstes gibt und man nur die kommerzielle Seite sieht, wie sollen wir dann erwarten, dass der Frauenfußball ernst genommen wird?

Vor meiner Zeit an der Universität ist mir keine Frau erinnerlich, die Fußball gespielt hätte. Ich spielte zwei Jahre für die Schweizer Profiliga, weil ich in meinem Land nicht die Chancen bekam, die ich brauchte und wollte. Anfangs fuhr ich allein mit einem Touristenvisum dorthin und hatte keine Spielerlaubnis. Später wurden dann meine Papiere in Ordnung gebracht, damit ich legal spielen konnte. Die Schweiz hat mir ihre Türen geöffnet und mir die Möglichkeit geboten, eine neue Welt kennenzulernen.

Wir werden besser, aber es liegt noch ein langer Weg vor uns

Jetzt wird die Frauenfußball-Nationalmannschaft besser unterstützt. Und obwohl es noch viel zu tun gibt und sich die Einstellung zu diesem Sport noch weiter ändern muss, gibt es doch schon große Fortschritte. Jetzt bieten die Schulen Frauenfußball an und immer mehr Mädchen schreiben sich für diese Kurse ein. Es gibt Fußballschulen nur für Mädchen (Andrea's Soccer) und es gibt Amateur-und Profiligen (mexikanische Fußballliga).

Mehr Medienpräsenz vonnöten

Wenn unsere Mannschaft bei der Weltmeisterschaft spielt, werden die Spiele im Fernsehen übertragen, aber ansonsten wird in den Medien sehr wenig darüber berichtet. Nur ein sehr kleiner Prozentsatz weiß, dass Mexiko an der Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland teilnimmt. Und nur einige von diesen Wenigen werden sich die Spiele ansehen. Allerdings ist das schon ein großer Fortschritt für unser Land, weil bis vor einigen Jahren überhaupt keine Spiele des Frauenfußballs im Fernsehen übertragen wurden, egal an welcher Meisterschaft man teilgenommen hatte.

Mit der Zeit gehen wir anderen Aussichten entgegen und den Frauen öffnen sich die Türen für ihre Beteiligung an diesem Sport. Trotzdem glaubt die Mehrheit der Bevölkerung auch weiterhin, dass Fußball ein Sport für Männer sei. Die ersten, die diese Denkweise ändern müssen, sind die Frauen selbst, denn sie sind die Grundlage für den Machismo. Der Ball hat kein definiertes Zielgeschlecht - er lässt sich unabhängig vom Geschlecht beherrschen. Die einzige Voraussetzung dafür ist Geschicklichkeit.

Fußballerinnen, keine Lesben

Ich denke, dass eine Bewertung, ob der Fußball ein Lesbensport ist oder nicht, vom wirtschaftlichen, sozialen und Bildungsniveau der einschätzenden Person abhängt. In den mittleren bis höheren Schichten wird Fußball als ein Sport angesehen, den jetzt auch Frauen ausüben können. Die Frauen kleiden sich weiterhin wie Frauen, haben die Interessen von Frauen, verhalten sich wie Frauen und verlieren nicht ihre feminine Seite. Auf einer niedrigeren sozialen Ebene wird der Fußball als Männersport gesehen, als etwas Raues, etwas für Mannweiber und Lesben, also für Frauen, die sich wie Männer kleiden und verhalten. Aber seit einiger Zeit haben Frauen die Möglichkeit, diesen Sport offener in der Gesellschaft auszuüben. Deswegen glaube ich, dass das alte Tabu immer weniger Bestand haben wird.

Obwohl in Mexiko von den männlichen Models die größte Anziehungskraft ausgeht, ziehen die Stars des Frauenfußballs die Aufmerksamkeit durchaus auch auf sich. Mia Hamm beispielsweise ist bei vielen Spielerinnen bekannt, die semi-professionell oder professionell aktiv sind. Sie beeinflusst viele dieser Frauen. Da die Medien eine sehr wichtige Rolle spielen und es für den Frauenfußball überhaupt keine Werbung gibt, können nur diejenigen Spielerinnen, die Zugang zu internationalen Medien haben, solche Spielerinnen wie Mia Hamm und Martha Viera kennen.

Fußball begeistert uns

Eine Analyse meiner Erfahrungen und Untersuchungen bringt mich zu dem Schluss, dass der Frauenfußball in Mexiko ohne Zweifel gewachsen ist und weiter wächst - wenn auch nur sehr langsam, weil sich zu wenige Menschen dafür einsetzen, diesen Sport zu unterstützen und weil es Machismo und die Angst gibt, dass wir als Frauen etwas erreichen, was die Männer auf diesem Gebiet noch nicht geschafft haben. Wir Frauen spielen in Mexiko Fußball aus einem einzigen Grund - weil er uns begeistert. Denn schon wenn wir uns für diesen Sport entscheiden, wissen wir, dass wir uns gegen den Strom bewegen müssen, selbst wenn viele Menschen aus unserer Umgebung uns inzwischen schon unterstützen.

Zur Fußball-WM der Frauen sind wir mit am Ball und erkunden die Fußballkultur der teilnehmenden Länder: Was kosten Eintritt und Stadion-Wurst? Wie viele Fans gibt es in Rio, Abuja und London? Wer hat das Zeug zur Torschützenkönigin? Gleichzeitig schauen wir auch über den Stadionrand hinaus und fragen: Wo birgt der Fußball Potenzial für gesellschaftliche Veränderungen? Wie wird Fußball für Frauen ein Emanzipationskick? Wir gehen auf Tour in die WM-Austragungsorte und laden ein in die Böll-Arena.

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