Keine Atom-Debatte in Russland

Atomkraftwerk nahe St. Petersburg
Bild: C. G. P. Grey, flickr.com, Creative Commons BY-NC 2.0

17. März 2011
Jens Siegert, Moskau
Meine Freundesrunde in Facebook besteht vor allem aus Menschen aus Russland und aus Deutschland. Da es sich vor allem um politisch wache und aktive Menschen handelt, viele auch politisch engagiert als Umweltschützer oder in Menschenrechts- oder Genderfragen aktiv, reißt seit Freitag der Strom von Nachrichten, Anmerkungen, Kommentaren zur japanischen Katastrophe nicht ab. Das Mitleiden, das Bangen, das Hoffen ist hier wie dort groß. Die zumindest verbale Hilfsbereitschaft auch.

Und doch gibt es einen auf den ersten Blick einen verblüffenden Unterschied. Während in Deutschland fast augenblicklich eine Diskussion um die eigene Atomindustrie einsetzte, die eine konservative, atomfreundliche Regierung in Kürze bis zum taktischen Teilatomausstieg getrieben hat, schweigen die russischen Facebookfreundinnen und –freunde, bis auf jene fünf bis zehn unverbesserlichen Anti-AKW-Aktivisten, die sich auch zwischen ihnen finden.

Eine Diskussion über das russische Atomprogramm findet selbst hier, im durchaus repräsentativen Teil der progressiven und, wichtiger vielleicht noch, im Internet auch nicht gefilterten russischen Öffentlichkeit, nicht statt. Dabei ist Tschernobyl zumindest in allen Köpfen, wenn vom Drama um die abgeschalteten und vielleicht schon außer Kontrolle befindlichen japanischen AKWs berichtet wird.

Vom  (Staats-) Fernsehen sind kritische Berichte nicht zu erwarten. Doch selbst in nicht kremlfreundlichen Zeitungen wie dem Kommersant, wird sich vor allem über die westliche „Atompanik“ mokiert. Der Leitartikel am Dienstag begann so: „Die Unfallsituation im japanischen AKW Fukushima verschlechtert sich. Für die Bevölkerung besteht noch keine Gefahr. Allerdings beginnt sich, wie der Kommersant vorher gesagt hat, in der Welt eine Atomphobie zu verbreiten. Eine Reihe von Ländern in Europa und Asien wollen noch einmal die Sicherheitsvorkehrungen in ihren AKWs überprüfen, es erscheinen die ersten Erklärungen, Atomprogramme zu beenden. Russland entstehen dadurch keine Nachteile. Der staatliche Monopolkonzern ‚Rosatom’ und seine wichtigsten Auftraggeber haben nicht vor, auf die Entwicklung der Atomenergie zu verzichten.“  Das stimmt. Ebenfalls am Dienstag wurde ein Vertrag mit Weißrussland über den Bau in diesem von Tschernobyl am meisten betroffenen Land geschlossen.

Mögliche Ängste der Bevölkerung werden beruhigt. Atomexperten, und davon gibt es nicht wenige in Russland, erklären, dass man erstens zu wenig Informationen habe, zweitens aber die japanischen Spezialisten erstklassig seien und als solche schon die richtigen Entscheidungen treffen würden. Die gegenwärtige Sprachregelung ist: Mit Tschernobyl sei das alles dort in Japan nicht vergleichbar. Unterstützt wird diese Sichtweise von Meldungen über regelmäßige Strahlungsmessungen im russischen Fernen Osten, ganz in der Nähe Japans, und der Versicherung, es gebe keine erhöhten Messwerte.

Die russische Führung handelt zwar weniger demonstrativ als die chinesische, aber das eigene, sehr ambitionierte Atomprogramm wird nicht in Frage gestellt. Es gilt weiter das Diktum des starken russischen Mannes Wladimir Putin, dass neben Öl und Gas nur Atomkraft in ernsthafter Weise zur Energiesicherung beitragen könne. Alle anderen Energiequellen nannte Putin „Spielereien“.

Am Montag versicherte Premierminister Putin im sibirischen Tomsk, einem der Zentren der russischen Atomindustrie, man werde die eigenen Atompläne nicht ändern, aber selbstverständlich seine Schlüsse aus dem ziehen, was gegenwärtig in Japan passiert. Das hört sich an wie Angela Merkel noch am Sonntag im Gespräch mit ARD-Mann Ulrich Deppendorf. Doch auf einen Montag mit taktischer Teilabschaltung sollten russische AKW-Gegnerinnen und Gegner nicht hoffen.

Ein wenig Hoffnung gibt da schon eher die Frage nach der Wirtschaftlichkeit der Atomausbaupläne. Schon in der ersten Ausbauphase bis 2015 hinkt die Wirklichkeit den Plänen weit hinterher. Anstelle von mehr als 13 Gigawatt neuer Leistung werden wohl kaum mehr als 5 Gigawatt bis dahin ans Netz gehen. Das sind immer noch vier oder fünf neue Reaktorblöcke, jedoch weit weniger als geplant. Auch die russischen Exportpläne sind ins Stocken geraten. Außer aus Bulgarien gibt es gegenwärtig keine Bestellung für ein AKW russischer Bauart, trotz des geplanten Zusammengehens mit Siemens bei der Reaktorsicherheit. Aber ohne das Exportstandbein bekommt Rosatom auch mit dem Ausbau in Russland erhebliche Finanzierungsprobleme. Insofern, wenn also international die Käufer ausbleiben, könnte die japanische Katastrophe doch noch Auswirkungen auf das russische Atomprogramm haben.

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Jens Siegert ist Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau

Zum gesamten Themenkomplex Atomwirtschaft in Russland vgl.:

Dossier

Mythos Atomkraft

 Nach dem Atomunfall in Japan ist die Atomdebatte wieder aufgeflammt. Das Dossier liefert atomkritisches Know-How zu den großen Streitfragen um die Atomenergie.

Dossier

Tschernobyl 25 – expeditionen

Am 26. April 1986 explodierte der Atomreaktor in Tschernobyl. Nicht nur Teile der Ukraine, Weißrusslands und Russlands wurden verstrahlt. Die radioaktive Wolke überzog halb Europa. Die Katastrophe war aber nicht nur eine ökologische. Die Entwicklung der Kultur einer ganzen Region wurde unwiderruflich gestoppt. Die Ausstellung „Straße der Enthusiasten“, Lesungen, Diskussionen und ein internationales Symposium erinnern an den GAU und fragen, ob eine weltweite Renaissance der Atomkraft tatsächlich Realität wird.