Potentiale und Instrumente für eine Europäische Energiewende

1. März 2010
Von Michaele Schreyer

Von Michaele Schreyer

Der Europäische Rat weiß, wie groß die klimapolitischen Herausforderungen sind. Die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten haben 2009 die Tatsache akzeptiert, dass die EU bis zur Mitte des Jahrhunderts ihre CO2-Emissionen um 80 bis 95 Prozent senken muss. Klar ist auch, dass sich dieses Ziel mit nur einigen Änderungen innerhalb des gewohnten Rahmens nicht erreichen lässt. Notwendig ist eine große Transformation der Ökonomie. Wie auch die Europäische Kommission in ihren energiepolitischen Strategiepapieren betont, muss dazu der gesamte Stromsektor in maximal vier Jahrzehnten CO2-neutral werden. Die Frage ist: Kann dies durch eine völlige Umstellung der Stromerzeugung auf erneuerbare Energien erreicht werden – sowie durch die Steigerung der Energieeffizienz und durch Einsparungen?

Eine große Transformation der Ökonomie

Die Antwort: Ja, das ist machbar. Die völlige Umstellung auf grünen Strom ist für die EU keine Utopie, es ist eine greifbare Vision.
Die EU ist in einer sehr glücklichen Lage. Sie verfügt über die nötigen Technologien, und Quellen für erneuerbare Energien sind ausreichend vorhanden. Dank der geologischen, hydrologischen und klimatischen Vielfalt Europas gibt es alle Formen erneuerbarer Energie, aus denen Strom gewonnen werden kann: Wasser, Wind, Sonne, Erdwärme, Wellen und Gezeiten sowie Bioenergie. Studien zeigen, dass das Potential dieser Energiequellen bei weitem ausreicht, um den heutigen und zukünftigen Strombedarf der EU zu decken.
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat 2006 das gemeinsame Potenzial der EU, von Norwegen, Island, der Schweiz, Kroatien, der Türkei und den westlichen Balkanstaaten zur Erzeugung von grünem Strom auf 5800 Terrawattstunden (TWh) geschätzt. Der aktuelle Verbrauch liegt bei 3800 TWh. In einer 2009 erschienenen Studie der Europäischen Umweltagentur wird veranschlagt, dass allein das Potenzial der Windenergie – onshore und offshore – ein Mehrfaches des Strombedarfs der EU beträgt.

Bisher wird in Europa jedoch nur ein Bruchteil davon genutzt. Während die Sorge um die Energiesicherheit die Politik umtreibt, bleibt gleichzeitig der allergrößte Teil der heimischen Energiequellen ungenutzt.

Ein Europa der Energieregionen

Natürlich sind die erneuerbaren Energiequellen nicht gleichmäßig über die Länder und Regionen der EU verteilt. Jedes Land, jede Region verfügt auf seinem Territorium über Quellen zur Gewinnung von grünem Strom, aber es gibt naturbedingt Konzentrationen: Windkraft an den Küsten der Nordsee, des Atlantiks, der Ostsee, Wasserkraft in den nördlichen Ländern und im Alpenraum, Solarenergie in den Staaten nahe des Sonnengürtels und Biomasse in Nord- und Zentraleuropa. Entsprechend ist das Potenzial mancher Länder für die Erzeugung von grünem Strom weit höher ist als ihr eigener Strombedarf. In anderen Regionen hingegen wäre es sehr schwierig und mit hohen Kosten verbunden, den Strombedarf aus heimischen erneuerbaren Quellen zu decken. Die Grenzen wurden nun eben einmal nicht gezogen, um einen optimalen Mix an erneuerbaren Energiequellen zu erhalten.

Eine gemeinsame europäische Politik, die Quellen erneuerbarer Energien zu nutzen, ist einer bloß nationalen Strategie unbedingt überlegen. In einem gemeinsamen Markt für erneuerbare Energien

  • ist es besser und effizienterer möglich, das fluktuierende Angebot von Strom aus Wind-, Wasser- und Solarkraft auszugleichen
  • können aufgrund der natürlichen Vielfalt vorhandene Kostenvorteile besser genutzt und saisonale oder tageszeitliche Schwankungen der Nachfrage besser ausgeglichen werden
  • ist der Bedarf an Speicher- und Reservekapazitäten geringer.

Eine Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien wäre für alle Mitgliedstaaten von Vorteil. Wie kann eine Energiewende eingeleitet, wie kann die EU zu einer Europäischen Gemeinschaft für Erneuerbare Energien (ERENE) werden?

Von der EU zu ERENE

Zusätzlich zu der Umsetzung der nationalen Aktionspläne zur Erreichung der verbindlichen Ziele für den Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch im Jahr 2020, hat die EU im Jahr 2008 nationale Ziele beschlossen, um den Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch bis 2020 verbindlich zu erhöhen. Darüber hinaus muss es jedoch auch ein übergreifendes Programm geben, das die Weichen auf 100 Prozent erneuerbare Energien stellt. Zu einem solchen Programm gehören

  • verstärkte Forschungs- und Entwicklungsmaßnahmen für den Bereich der erneuerbaren Energien. Immer noch fließt das Gros der EU-Forschungsausgaben für Energie in den Atomsektor, der, seit der Gründung von EURATOM im Jahr 1957, massiv subventioniert wird
  • die Entwicklung eines europäischen „super smart grids“. Für eine Energiewende braucht es ein europäisches Stromnetz, das in der Lage ist, viele dezentrale Erzeuger und zentrale Anbieter zu integrieren, das fluktuierende Angebote aus unterschiedlichen Quellen ausgleichen sowie Stromangebot und Stromnachfrage managen kann
  • Geld für den Betrieb von Pilot- und Demonstrationsanlagen sowie möglicherweise ein gemeinsames Fördersystem für den transnationalen Stromhandel aus erneuerbaren Energien, das, ergänzend zu den nationalen Fördersystemen, Investitionen in erneuerbare Energien unterstützt.

Auch die Governance-Strukturen der EU müssen bedacht werden. Es ist nicht wahrscheinlich, dass sich alle 27 Mitgliedsstaaten in absehbarer Zeit darauf einigen, das Kohle- und Atomzeitalter zu begraben und auf erneuerbare Energien umzustellen. Beschlüsse, die den Energiemix grundlegend ändern, müssen im Rat jedoch einstimmig getroffen werden. Wie kann, vor diesem Hintergrund, in der EU der Weg hin zu 100 Prozent erneuerbaren Energien eingeleitet werden?

Avantgarde für erneuerbare Energien

Diejenigen Länder, die jetzt die Weichen für die völlige Umstellung auf erneuerbare Energien stellen, können als Avantgarde eine Gemeinschaft für erneuerbare Energien gründen – entweder auf Basis eines separaten Vertrages oder in Form einer verstärkten Zusammenarbeit unter dem Dach der EU, das heißt auf der Basis der bestehenden Verträge und mit ihren Institutionen und Entscheidungsverfahren. Es liegt nahe, nach regionalen Kriterien Gruppen zu bilden, die verstärkt daran arbeiten, eine Gemeinschaft für erneuerbare Energien zu schaffen. Ein Anfang könnte die „Baltic Sea Region Strategy“ sein; weitere makro-regionale Zusammenschlüsse könnten folgen. Solche regionalen Kooperationen können die Bausteine sein, aus denen schließlich eine Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien (ERENE) hervorgehen kann.

Nach dem gemeinsamen Binnenmarkt, der gemeinsamen Währung kann ERENE zu dem neuen, großen Projekt für Europa werden – einem Projekt, das deutlich macht, wie wichtig gemeinsames Handeln für die Zukunftsfähigkeit Europas ist.

Michaele Schreyer ist ehemaliges Mitglied der Europäischen Kommission und Vize-Präsidentin der Europäischen Bewegung Deutschland.

Das Webdossier versammelt zum Teil kontroverse Beiträge von Expertinnen und Experten, die an der Konferenz teilnahmen. Die in den Beiträgen vertretenen Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Sicht der Heinrich-Böll-Stiftung wider. 

Dossier

Europäische Energiepolitik

Der Abschied von Kohle, Öl, Gas und Atomkraft ist machbar. Der Übergang ins Zeitalter der Erneuerbaren Energien muss politisch vorangetrieben werden. Es geht um Investitionsanreize und Zukunftsmärkte, um Energiesicherheit und Machtfragen, um technische Innovationen und gesellschaftliches Umdenken.


Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert.
Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.