Pakistans Energiekrise: Welche Rolle spielen chinesische Reaktoren?

29. Juni 2010
Von Pervez Hoodbhoy
 Jeden Tag stehen im atomaren Pakistan für einige Stunden die Fabriken still und ganze Städte versinken nachts in völlige Dunkelheit, weil der Strom mal wieder ausgefallen ist. Während Notfallgeneratoren die Häuser der Wohlhabenden automatisch mit Strom versorgen, wird die Sommerhitze für gewöhnliche Pakistanis unerträglich, weil Ventilatoren nicht mehr gegen die stickige Luft ankämpfen können. Wütende Mobs haben bereits Büros von Stromversorgungsunternehmen angegriffen, Transformatorengebäude abgefackelt und Regierungsangestellte zusammengeschlagen. In dieser Situation sieht Pakistan im Import von Kernkraftwerken eine schnelle Lösung des Problems.

Auf den ersten Blick erscheint es merkwürdig, warum es in Pakistan – einem Land, das Nuklearwaffen und Raketen herstellen kann und über eine Atomenergiekommission mit über 30.000 Angestellten verfügt – überhaupt zu Stromausfällen kommt. Pakistanische Behörden geben dem Westen die Schuld: er verweigere Pakistan nukleare Energie, weil das Land den Nichtverbreitungspakt (NVP) nicht unterzeichne. Der NVP verbietet ausdrücklich den Transfer jeglicher nuklearer Technologie, auch zur Stromerzeugung, an Nicht-Unterzeichnerstaaten.

Noch keinen Reaktor selbst gebaut
Allerdings war Pakistan in seiner 50-jährigen nuklearen Geschichte und trotz riesiger Ausgaben bisher nicht in der Lage, auch nur einen einzigen atomaren Reaktor zur Stromgewinnung selbst zu bauen. Pakistan ist abhängig von einem 40 Jahre alten kanadischen Reaktor in Karachi und einem zehn Jahre alten chinesischen Reaktor bei Chashma, die beide zusammen gerade zwei Prozent der Elektrizitätskapazitäten ausmachen. Seit 2005 ist ein weiterer chinesischer Reaktor bei Chashma in Bau, der im nächsten Jahr fertiggestellt werden soll.

Im Februar 2010 hat China nun der Anfrage Pakistans zugestimmt, zwei zusätzliche zivilgenutzte Nuklearreaktoren von je 330 MW in Pakistan zu bauen (das entspricht größenmäßig ungefähr einem Drittel der meisten modernen Atomkraftwerke). Damit sich Pakistan das leisten kann, hat China angeboten, 80% der Gesamtkosten von 1,9 Milliarden US Dollar in Form eines Darlehens mit über 20 Jahren Laufzeit zu übernehmen. Das Problem für Pakistan ist jedoch, dass China 2004 der 46 Staaten umfassenden Nuclear Suppliers Group (NSG) beigetreten ist und deren Vorschriften die Lieferung nuklearer Materialien an Nicht-NVP Staaten verbieten.
Bisher hat China die NSG noch nicht offiziell über die Lieferung der beiden neuen Reaktoren in Kenntnis gesetzt. Mit dem Bau des Chashma-II Reaktors konnte sich China noch mit Hilfe der sogenannten „Übergangsklausel für Altfälle“ aus der Affäre ziehen, indem man argumentierte, dass bereits vor Chinas Beitritt zur NSG das entsprechende Lieferabkommen geschlossen worden sei.

Chinas Reaktoren haben nur marginale Auswirkungen auf Energiekrise
Die Regierungen des Westens werden ingesamt wenig begeistert sein, gleichwohl hat die USA bisher lediglich einen schwachen Einwand gegen das Abkommen formuliert. Das liegt daran, dass die USA selbst die NSG 2008 dazu bewegen konnte, für Indien eine Ausnahme von deren Vorschriften zu machen. Von daher kann die USA auch kein glaubwürdiges Gegenargument vorbringen, um gegen einen ähnlichen Deal zwischen China und Pakistan zu protestieren. Außerdem würden ernsthafte Versuche ihrerseits, diesen Deal zu blockieren, Pakistan mehr als verärgern; und die USA sind andererseits beim Krieg in Afghanistan auf Pakistans Unterstützung angewiesen. Im Ergebnis haben also politische Notwendigkeiten und wirtschaftliche Interessen bisherige Beschränkungen für den globalen Nuklearhandel stillschweigend ad absurdum geführt.
Chinas Interesse an einem zügigen Nuklear-Deal mit Pakistan ist andererseits ziemlich klar: Der Verkauf von zwei kleinen Reaktoren an Pakistan ist nur ein Schachzug im dem viel größeren Plan, ein bedeutender Hersteller und Exporteur von Atomkraftwerken zu werden. Pakistan ist dabei bloß ein Testfall.
Die beiden chinesischen Reaktoren werden jedoch nur eine marginale Auswirkung auf Pakistans Energiekrise haben. Nach Vertragsabschluss wird es zwischen sechs und acht Jahre dauern bis Strom in das Versorgungsnetz eingespeist werden kann – vorausgesetzt, alles läuft nach Plan. Aber auch dann ist der Beitrag der beiden Reaktoren nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ineffizienz und unbezahlte Rechnungen
Die bereits vorhandenen Kapazitäten sind aber nicht Pakistans größtes Problem. Wenn alle vorhandenen Quellen genutzt würden, stünden Pakistan rund 19.000 MW zur Verfügung. Im Prinzip ist das für die derzeitige Nachfrage von 14.500 MW Strom mehr als ausreichend. Dennoch werden nur 10.200 MW generiert. Rund 30 Prozent der gegenwärtigen Kapazität wird nicht genutzt. Inkompetenz der Regierung und Missmanagement sind dafür verantwortlich.
Das Phänomen des “Circular debt” – d.h. die Nichtbezahlung der eigenen Stromrechnungen durch Militär und Regierungsbehörden bzw. kreislaufartige Abtretung ihrer Schulden an andere Regierungsbehörden – hatte letztendlich zur Folge, dass die Stromerzeuger nicht mehr in Lage sind, genügend Ölimporte zu bezahlen. Daher stehen nun auch teuer importierte Kraftwerke still.

Ein ineffizientes Verteilungssystem verschwendet zudem über 10 Prozent der Elektrizität, wenn der Strom über schlecht gewartete Fernleitungen und Transformatoren bei noch schlechteren Verteileranschlüssen ankommt. Hinzu kommt, dass es über das Stromnetz keine effektive Verteilung der Elektrizität von den Kraftwerken hin zu den Verbrauchern gibt.

Stromdiebstahl, durch Reiche und Arme gleichermaßen, ist ein weiterer bedenklicher Faktor. Für ein kleines Bestechungsgeld richten Angestellte von Energieversorgungsunternehmen unbewachte Nebenanschlüsse ein, die auch „kunda“ – illegale Anschlüsse mit Verbrauchszähler – genannt werden. Stromerzeuger und -verteiler verlieren dadurch Einnahmen.  Diesen Stromdiebstahl zu stoppen würde aber mehr Megawatt erbringen, als durch die vier Nuklearreaktoren bei Chashma generiert werden könnte, wenn sie denn irgendwann an Netz gehen.

Keine stromsparenden Technologien
Letztendlich nutzen pakistanische Fabriken, Büros und Haushalte auch Maschinen und Geräte, die enorm viel Energie verschwenden, aber verhältnismäßig wenig Arbeit mit der zur Verfügung stehenden Elektrizität verrichten. Ein ernsthaftes Programm zur Energieeffizienz und -konservierung wäre schnell implementiert und könnte den Bedarf an vielen weiteren Kraftwerken vermeiden.

Für neue Kapazitäten zur Stromgenerierung könnte Pakistan die riesigen Kohlevorkommen in der Wüste Thar nutzen und mit Hilfe geeigneter Technologie die negativen Auswirkungen für die Umwelt minimieren. Pakistan könnte aber auch mit Gas betriebene Kraftwerke bauen und dafür Erdgas aus Iran, seinem Nachbarn im Westen, importieren. Das einzige Hindernis sind die USA und ihre Entschlossenheit Sanktionen gegen Irans Öl- und Gasindustrie zu verhängen. Die Zeit wird zeigen, ob eine Konfrontation mit Iran wichtiger ist, als Pakistans Energiezukunft zu sichern und ein internationales System zur Kontrolle nuklearen Handels aufrecht zu erhalten.
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Der Autor Pervez Hoodbhoy unterrichtet Physik an der Quaid-e-Azam Universität in Islamabad.

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