Thailand: Debatten über den Atomeinstieg

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Thailand: Debatten über den Atomeinstieg

Foto vom Bausatz eines Atomkraftwerks
Bausatz eines Atomkraftwerks (Vorderseite). Foto: Alexis Dworsky. Lizenz: Creative Commons. Original: flickr.

24. März 2011
Jost Pachaly
Das nukleare Desaster in Japan hat dazu geführt, dass die Diskussion über die Zukunft von Atomenergie in Thailand wiederbelebt wurde. Erste Überlegungen zur Nutzung von Atomkraft wurden in Thailand schon in den 1960ern diskutiert. Aktiv wurde der Plan zum Einstieg in die Atomenergie jedoch erst seit 2007 verfolgt, als Atomkraft das erste Mal in den Energie-Entwicklungsplan der Regierung aufgenommen wurde. Im Jahr 2010 wurde der derzeitige Energie-Entwicklungsplan von der Regierung verabschiedet, dieser beinhaltet fünf Atomkraftwerke mit einer Leistung von jeweils 1000 MW; das erste Kraftwerk soll dementsprechend 2020 in Betrieb genommen werden. Die zwei offiziellen Hauptargumente für den Einstieg in die Atomkraft sind die Verminderung der Abhängigkeit von lokalem und importiertem Erdgas, welches momentan 70 Prozent des Energieverbrauchs in Thailand ausmacht, sowie die Reduktion von Treibhausgasen.

Eine endgültige Entscheidung über den Atomeinstieg Thailands wurde jedoch noch nicht getroffen. Momentan befindet sich die Planung noch in der ersten Phase (2008-2010), die im Wesentlichen aus Machbarkeitsstudien und der Öffentlichkeitsarbeit besteht. In dieser Phase wurden fünf potentielle Standorte für Atomkraftwerke ausgewählt: Ubon Ratchathanee (Nordostthailand), Nakhon Sawan (Zentralthailand), Trad (Ostthailand), Surat Thani und Chumporn (Südthailand). Die zweite Phase der Planung, die 2010 mit der offiziellen Zustimmung der Regierung, Festlegung der Standorte und Technologien, sowie dem Verfassen entsprechender rechtlicher Grundlagen beginnen sollte, wurde bereits vor dem Erdbeben in Japan verschoben. Gründe für die Verzögerung waren, dass einige Vorstudien noch nicht fertiggestellt waren, sowie die aktuelle politische Situation im Land, in dem in den nächsten Monaten Neuwahlen erwarten werden. Die Entscheidung über den Atomeinstieg soll von der nächsten Regierung getroffen werden.

Im Zuge des Erdbebens und dem darauffolgenden nuklearen Desaster in Fukushima wurden von Seiten der verschiedenen Regierungsstellen unterschiedliche Aussagen über die nukleare Option für Thailand gemacht. Die Regierung erklärte, dass die Pläne für einen Atomeinstieg aus Sicherheitsgründen nochmals überdacht werden müssen, gleichzeitig erwähnte sie mögliche Alternativen. Wenn die geplanten fünf Atomkraftwerke nicht gebaut werden, ist es nach Regierungsaussagen nötig, 13 Kohlekraftwerke und ein Gaskraftwerk zu errichten. Das für die Planungen zuständige Energieministerium rief die Öffentlichkeit dazu auf, aufgrund des Unfalls in Japan, nicht voreingenommen gegenüber Atomkraft zu sein und nicht darüber zu debattieren, ob Thailand in Atomenergie einsteigen soll oder nicht, da Thailands Eignung für die Errichtung von Atomkraftwerken noch untersucht wird. Die Kommission, die für die Planung zuständig ist, ging sogar noch weiter. Auf einer Veranstaltung, die ironischerweise „Save Our Planet“ hieß, sagte der Vertreter der Kommission Pricha Karussuddhi, dass es keine Alternative zur Atomenergie gebe, und dass, trotz des Unglücks in Japan durch die technischen Entwicklung der letzten Jahre die maximale Sicherheit der Atomkraftwerke sichergestellt wäre.

Eine starke und sofortige Reaktion auf das Unglück in Japan kam von Seiten der NGOs und Gemeinden, die von den geplanten Atomkraftwerken betroffen sein könnten. Bereits am 15. März wurde ein Forum vom Sustainable Energy Network Thailand (SENT), Nuclear Monitor, MeeNEt, Greenpeace Southeast Asia Thailand und der Heinrich Böll Stiftung organisiert, um die Konsequenzen des Unfalls in Japan mit Vertretern der möglicherweise betroffenen Gemeinden zu diskutieren. Auf der folgenden Pressekonferenz verdeutlichten die Gemeindevertreter ihr Anliegen, dass Atomenergie keine Option sei und dass Atomkraft aus dem Energie-Entwicklungsplan gestrichen werden müsse, da das Risiko der Nutzung von Atomenergie zu groß sei. Anstelle eines Atomeinstiegs sollte die Regierung die Vorhersagen für den Energiebedarf überprüfen sowie in Energieeffizienz und die Förderung von erneuerbaren Energien investieren. Diese Forderungen wurden auf einer Demonstration, an der sich 500 Menschen beteiligten und die vom „Uban Anti Nuklear Movement“ organisiert wurde, am nächsten Tag wiederholt.

Die von der Regierung angedeutete Alternative des Baus von mehr Kohlekraftwerken anstatt Atomkraftwerken ist jedoch für lokale NGOs und Gemeinden keine Option, da auch der Neubau von Kohlekraftwerken entschieden abgelehnt wird. Im Jahr 2004 kämpften Gemeinden gegen zwei Kohlekraftwerke, die in Bo Nok und Hin Krud, Südthailand, errichtet werden sollten. Der starke Widerstand hatte zur Folge, dass die Kraftwerke in anderen Provinzen errichtet wurden und statt Kohle Gas genutzt wird. Seitdem stieg der Widerstand gegen Kohlekraftwerke im ganzen Land und wird täglich stärker. Dies führt dazu, dass die Regierung große Schwierigkeiten hat, neue Kohlkraftwerke gegen den Willen der gut organisierten Gemeinden zu errichten.

Ein neuer Ansatz für die Sicherheit der zukünftigen Energieversorgung in Thailand ist notwendig. Dieser sollte auf einem dezentralen Energieversorgungssystem aufbauen, welches alternativen Energien eine reale Chance gibt und auf einer realistischen Einschätzung des künftigen Energiebedarfs basieren, da Thailand bereits jetzt über Reservekapazitäten von 29 Prozent verfügt. Außerdem sollte die Energieeffizienz deutlich verbessert werden, womit der Energieverbrauch um 30 Prozent verringert werden könnte.


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Jost Pachaly, Direktor des Südostasien Büros, Heinrich Böll Stiftung

Internationales Symposium: Atomkraft nach Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011)

25 Jahre nach Tschernobyl spielt Nukleartechnologie in den energiepolitischen Strategien vieler Staaten wieder eine wichtige Rolle. Kann Atomenergie relevante Mengen an CO2 einsparen und einen Beitrag zum Klimaschutz leisten? Wo kommt der Nuklearbrennstoff her? Sind atomare Energieerzeugung und die Verbreitung von Atomwaffen voneinander trennbar? Wie werden die Meiler finanziert? Kurzum: Stehen wir vor einer „Renaissance der Atomkraft“? Welche Lehren wurden (nicht) gezogen?

Mit: Mycle Schneider, Rebecca Harms, Samai Jai-In, Vladimir Milov, Pradeep Kumar Dadhich, Stephen Tindale u.v.m.

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Mythos Atomkraft

 Nach dem Atomunfall in Japan ist die Atomdebatte wieder aufgeflammt. Das Dossier liefert atomkritisches Know-How zu den großen Streitfragen um die Atomenergie.

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Tschernobyl 25 – expeditionen

Am 26. April 1986 explodierte der Atomreaktor in Tschernobyl. Nicht nur Teile der Ukraine, Weißrusslands und Russlands wurden verstrahlt. Die radioaktive Wolke überzog halb Europa. Die Katastrophe war aber nicht nur eine ökologische. Die Entwicklung der Kultur einer ganzen Region wurde unwiderruflich gestoppt. Die Ausstellung „Straße der Enthusiasten“, Lesungen, Diskussionen und ein internationales Symposium erinnern an den GAU und fragen, ob eine weltweite Renaissance der Atomkraft tatsächlich Realität wird.

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