Julieta Kirkwood

Julieta Kirkwood

Porträt

Julieta Kirkwood

Chilenische Flagge
Flagge der Republik Chile, deren 200. Jahrestag der Unabhängikeit sich am 18. September 2010 sich zum 200. Mal jährt. Foto: Espacio y Tiempo (Juan Francisco Toledo Carrasco). Dieses Foto steht unter einer Creative-Commons-Lizenz.

200. Jahrestag der Unabhängigkeit Chiles

18. September 2010
Von Jenny Jungehülsing
„Democracia en el pais y en la casa“: Julieta Kirkwood, Theoretikerin des modernen chilenischen Feminismus

Die Soziologin und Politologin Julieta Kirkwood gilt als eine der wichtigsten Theoretikerinnen des modernen chilenischen Feminismus.

Unter dem Motto „Demokratie im Land und in der Familie“ (democracia en el país y en la casa) stand sie zusammen mit anderen Frauen in den 1970er und 1980er Jahren an der Spitze des feministischen Widerstands nicht nur gegen die Pinochet-Diktatur, sondern auch gegen die patriarchalischen Strukturen der chilenischen Gesellschaft.

Feministische Theoretikerin und politische Aktivistin

Nach dem Militärputsch von 1973 wurden Frauen in den privaten Raum zurückverbannt: In der Ideologie des Pinochet-Regimes waren sie in erster Linie Mütter und Ehefrauen und hatten in der Politik nichts zu suchen. In Reaktion hierauf bildete sich in Chile eine neue feministische Bewegung, die sich gegen den Ausschluss der Frauen aus Politik und öffentlichem Leben zur Wehr setzte.

Für Kirkwood, eine der intellektuellen Anführerinnen dieser Bewegung, war die Verbindung von feministischer Theoriebildung einerseits und dem Kampf auf der Straße andererseits von zentraler Bedeutung. Feministische Theorie hatte für Kirkwood ihre Grundlage in den konkreten Alltagserfahrungen der Frauen und musste, angewendet im realen Kampf gegen ihre Unterdrückung, den „Praxistest“ bestehen.

Neben der Organisation von Protestaktionen und der Mitarbeit in Menschenrechtsorganisationen war Kirkwood Mitbegründerin mehrerer feministischer Widerstandsgruppen unter Pinochet, so unter anderem von MEMCH ´83 und Mujeres Por la Vida. 1979 gründete sie mit anderen Frauen den Círculo de Estudios de la Condición de la Mujer en Chile („Studienzirkel zur Situation der Frau in Chile“), eine der wichtigsten feministischen Organisationen Chiles.

Der Círculo wollte die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Situation der Frau in Chile vorantreiben und die feministische Forschung einem breiten Publikum zugänglich machen. Die Auseinandersetzung des Círculo mit bis dahin für den chilenischen Feminismus neuen Themenbereichen – wie Patriarchat und Sexualität, Feminismus und Demokratie, Autoritarismus und Männlichkeitswahn oder Frauenbewegung und politische Parteien – legte den Grundstein für die neue feministische Diskussion in Chile in den 1980er Jahren. Die von Kirkwood im Bulletin des Círculo (Boletín del Círculo de Estudios de la Mujer) und im Rahmen ihrer Arbeit als Wissenschaftlerin der Lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften (Facultad Latinoamericana de Ciencias Sociales, FLACSO) veröffentlichten Bücher und Artikel lieferten hierfür die entscheidenden inhaltlichen Impulse.

‚Ohne Feminismus keine Demokratie’: Bekämpfung des Patriarchats in Politik und Gesellschaft

Kirkwoods wohl wichtigster Beitrag zur feministischen Debatte in Chile besteht in ihren Überlegungen zur Dominanz patriarchaler Strukturen in der chilenischen Gesellschaft, die weit über die Politik Pinochets hinausgehen: Für sie ist die Diktatur nur der extreme Ausdruck der grundlegenden patriarchalen Dominanzverhältnisse, die die politische und gesellschaftliche Ordnung Chiles bestimmen. Frauen sind danach in der chilenischen Gesellschaft strukturell diskriminiert, der freien Wahl ihrer Lebens- und Arbeitsverhältnisse beraubt und in der Familie dem ganz alltäglichen und als „normal“ angesehenen männlichen Autoritarismus ausgesetzt.

Der Kampf für die Demokratie bedeutet folglich für Kirkwood und den neuen politischen Feminismus in Chile nicht nur die Bekämpfung des Autoritarismus als politischem Herrschaftssystem, sondern zugleich die Befreiung der weiblichen 50 Prozent der Gesellschaft. Ohne eine Umwälzung der bestehenden patriarchalen Ordnung ist Demokratie für Kirkwood nicht denkbar: „No hay democracia sin feminismo“ (ohne Feminismus keine Demokratie). Der feministische Kampf muss sich also immer zugleich gegen den Patriarchalismus der Pinochet-Diktatur und den der Gesellschaft insgesamt richten.

Als „privat“ angesehene Konflikte müssen hierzu als politische begriffen werden. In ihren Schriften stellt sie deshalb wiederholt Themen wie häusliche Gewalt oder die Dämonisierung von Abtreibung ins Zentrum und macht sie so zum Gegenstand öffentlicher Diskussion. Im politischen Widerstandskampf prägte Kirkwood hierfür 1983 das Schlagwort „democracia en el país y en la casa“, das schnell zum Slogan der linken Frauenbewegung unter Pinochet wurde.

Kritik an der Geschlechterblindheit der Linken

In diesem Kontext kritisiert Kirkwood scharf die Geschlechterblindheit der chilenischen Linken. In ihrer Forschung nimmt die Auseinandersetzung mit der patriarchalen Ideologie innerhalb linker Parteien, Gewerkschaften und sozialer Bewegungen eine wichtige Stellung ein. Sie wirft der chilenischen Linken Ignoranz gegenüber der Unterdrückung der Frau vor, wodurch sie zur Bewahrung der patriarchalischen Herrschaftsverhältnisse beitrage. Mit der Fokussierung auf den Klassenkampf durch die Linke wird nach Kirkwood auch hier die Familie – in diesem Fall die proletarische – zur ‚black box’, deren interne Macht- und Dominanzverhältnisse nicht in infrage gestellt werden. Die Unterdrückung der Frau innerhalb der Familie wird dadurch hingenommen und die Trennung zwischen ‚Privat’ und ‚Öffentlich’ reproduziert.

Aus diesem Grund warnt Kirkwood Frauen davor, sich unkritisch den demokratischen Forderungen linker Parteien und Bewegungen anzuschließen und zu hoffen, mit dem Sturz der Diktatur würden auch die Frauen aus ihrer Unterdrückung befreit. Frauen dürfen sich also nicht auf den Kampf der ‚Linken’ verlassen, sondern müssen ihre Interessen in die Parteien und Bewegungen tragen und für die grundlegende Transformation der gesellschaftlichen Ordnung kämpfen – No hay democracia sin feminismo.

Kirkwood starb 1985 im Alter von 49 Jahren an Brustkrebs.

QUELLEN:

  • Cleary, Eda (1988): Frauen in der Politik Chiles. Zur Emanzipierung chilenischer Frauen während der Militärdiktatur Pinochets; Diss., techn. Hochschule Aachen; Alano-Verlag, Aachen
  • Kirkwood, Julieta (1986): Ser política en Chile. Las feministas y los partidos; FLACSO, Santiago de Chile
  • Kirkwood, Julieta (1985): Feministas y políticas; in: Nueva Sociedad, no. 78, julio-agosto 1985, pp. 62-70
  • Kohl, Mira (2008): Julieta Kirkwood: Rewriting History and Contesting the Present; LAWE; auf: www.macalester.edu/las/...2009/LAWE%20Biographical-Kohl.doc
  • Muñoz Saavedra, Judith (2007): JULIETA KIRKWOOD BAÑADOS: SABIDURIA FEMINISTA; Saberes feministas; Auf: http://saberesfeministas.blogspot.com/2007/03/julieta-kirkwood-baados-sabiduria.html
  • Salomone, Alicia/Luongo, Gilda (2008): Julieta Kirkwood: Tejiendo Rebeldías; Revista Signos, auf: http://julietakirkwood.blogspot.com/
  • Toledo, Ana Corina (2001): Partizipation von Frauen während der Militärdiktatur in Chile (1973-1990); Ergon Verlag, Würzburg

Jenny Jungehülsing ist Politologin und promoviert an der Freien Universität Berlin über die Auswirkungen von Geldrücküberweisungen auf lokale Ökonomien im ländlichen Mexiko.

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