Grünes Licht für experimentellen Anbau von Genmais

Grünes Licht für experimentellen Anbau von Genmais

Grünes Licht für experimentellen Anbau von Genmais

Mexiko öffnet sich weiter der Gentechnik

17. April 2009
Von Katinka von Kovatsits
Von Katinka von Kovatsits

Würde man Cinteótl zu den neuesten Entwicklungen seines Landes befragen, man bekäme bestimmt nichts Gutes zu hören. Der mexikanische Maisgott steht Pate für das wohl wichtigste Getreide des Landes: Der Maisanbau beläuft sich in Mexiko auf 21 Millionen Tonnen jährlich und das auf einer Fläche von 8,5 Millionen Hektar. Es existieren über 60 Zuchtarten und bis zu 2000 Sorten (1), circa 3 Millionen Bauern leben vom Maisanbau, wobei die Mehrheit von ihnen als arm gilt (2). 

Eine neue Regelung der mexikanischen Regierung unter Präsident Felipe Calderón hat nun vor wenigen Tagen offiziell die Erlaubnis zur experimentellen Aussaat von Genmais gegeben. Profitiert hat davon nicht die Mehrheit der mexikanischen Bauern, sondern nur einige wenige Großunternehmen, allen voran der Monopolist im Genanbau "Monsanto". Von insgesamt 250 Experimenten mit Genmais waren 90 vom Genmaisgiganten "Monsanto" (3) , 90 Prozent der Patente der "Genveränderten Organismen" (GVO) gehören dem Monopolisten (4).  Und so wird das Gesetz auch das "Monsanto-Gesetz" genannt.
Doch auch andere Namen, wie Bayer, DuPont und Syngenta, sowie Weltbank und die Rockefeller Stiftung treiben die umstrittene Gentechnik voran. Schon 2003 setzte sich die Landwirtschaftsbehörde Sagarpa für die Erleichterungen bei der Einfuhr von GVO’s aus den USA und Kanada nach Mexiko ein ("TLC transgénico") (5). Das jetzige Gesetz ist nur der Gipfel vom Eisberg. Zwar handelt es sich grundsätzlich um ein Verbot von "Genmais", es lässt ein Experimentieren mit Mais jedoch im begrenzten Rahmen zu. Dies allerdings ohne die einheimischen Sorten unter besonderen Schutz zu stellen (6). Organisationen wie Greenpeace oder Bauernorganisationen wie zum Beispiel die ANEC (Asociación Nacional de Empresas Comercializadoras de Productores del Campo) klagen an, dass es weder eine Politik zur Biosicherheit, noch einen besonderen Schutz für die einheimischen Maissorten gibt, obwohl dies in der Regelung vorgesehen ist. Die offensichtlich bestehende Gesetzeslücke bleibt somit weiterhin offen.

Genmais -  Zukunft von Mehl und Tortilla

Die Gesetzesnorm gibt vor, dass die Experimentierfelder einen Minimalabstand von 200 Metern zum jeweils nächstgelegenen Anbaugebiet haben müssen. Hinzu kommen natürliche Abgrenzungen, wie zum Beispiel in Form von Bäumen (7).  In Deutschland waren es bis zum Verbot von gentechnisch verändertem Mais, am 14.4.2009, sogar nur 150 Meter zu herkömmlichen und 300 Meter zu ökologischen Anbauflächen. Jedoch fehlen in Mexiko die regulierenden staatlichen Kontrollen, sowie eine konsequente Strafdurchsetzung. Dass die neuen Maßnahmen ein bloßes Lippenbekenntnis sind, lässt sich schon jetzt erahnen: über Genmais wurde beispielsweise schon bevor offiziell "grünes Licht gegeben wurde" geforscht – illegal also und ohne rechtliche Konsequenzen. Ganz im Gegenteil: Strafen gab es für die verbotenen Investigationshandlungen keine, die Vergehen machte man einfach kurzerhand zum Gesetz.

Als wäre das nicht genug, ließ der mexikanische Landwirtschaftsminister Alberto Cárdenas jetzt schon verkünden, dass Mexiko nach und nach der Technologie für die Entwicklung genveränderter Pflanzen "die Tür öffnen" werde. Und Ariel Álvarez, der Geschäftsführer der "Comisión Intersecretarial de Bioseguridad de los Organismos Genéticamente Modificados (Cibiogem)" bestätigt, dass bereits jetzt 25 Anträge vorliegen, Experimente mit Saatgut vorzunehmen. Man könne innerhalb der nächsten 3 Jahre eine Kommerzialisierung dieser Produkte erwarten, heißt es (8).  Und schon zwei Wochen nach dem "Monsanto-Gesetz", wurden 100 Millionen Hektar für Experimente mit Saatgut  angeboten (9). 
Bereits 2005 hat Monsanto Mexiko als das "Mega Land der Biotechnologie" (10) bezeichnet, was sich nahezu bewahrheitet hat, denn es ist schon heute der Staat mit den zweitmeisten Fällen von Anbau mit genveränderten Samen auf dem amerikanischen Kontinent - auf Weltniveau ergibt das einen beachtlichen achten Platz. (11)  Die jüngsten Entwicklungen haben den Weg für einen weiteren Ausbau geebnet.

Die Zukunft von Mehl und Tortilla scheint also im Genmais zu liegen – moralische Bedenken oder Sicherheitsvorkehrungen scheinen dabei keine große Rolle zu spielen. Eine von der Technischen Universität Wien durchgeführte Studie über die Auswirkungen von gentechnisch veränderten Samen auf die Umwelt in Oaxaca, schloss mit klaren Empfehlungen ab: ein Verbot von genveränderten Samenimporten auf nationaler Ebene ist notwendig. Trotz der Gewichtigkeit - da immerhin 40 renommierte Wissenschaftler an der Studie teilnahmen - ignorierte die mexikanische Regierung die Einwände auf ganzer Linie (12).  Andere Studien wurden nicht in Auftrag gegeben. Die Petitionen von 16.139 Personen, welche seit April einen besonderen Schutz dieses wichtigen Korns einforderten, blieben ebenfalls ungehört.

Was hat dies für Auswirkungen auf mexikanische Bauern?

Das Land Mexiko hat einen solch hohen Grundbedarf an Mais, dass bereits ein Drittel der benötigten Maismenge aus den USA importiert wird. Hohe Anteile dieser Importware sind bereits gentechnisch verändert, zumeist ist es Mais, der in den USA als Viehfutter verwendet wird, in Mexiko aber problemlos in die Ernährung der Menschen eingeht. Schon jetzt wurden in Teilen des Landes gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut wie etwa in Oaxaca, Michoacán, Sinaloa, dem Hauptstadtbezirk und Tamaulipas. Gravierend daran ist, dass das genveränderte Saatgut nur in Kombination mit speziellen Agrochemikalien angebaut werden kann und diese Zusätze natürlich ebenfalls von den Großunternehmen vertrieben werden. Folglich entstehen alarmierende Abhängigkeiten. Eine ähnliche Situation auf den Philippinen zeigte, dass letztlich die Produktion keinesfalls ertragreicher ist, dafür die Kosten zwei- bis sechsmal höher sind als bei konventionellem Anbau. Außerdem stoßen GVO's vermehrt auf Ablehnung von Konsumenten – nicht zuletzt im biobewussten Europa (13).
Dass darüber hinaus die meisten mexikanischen Bauern Mais zum Eigenverbrauch anbauen, gibt dem ganzen eine sozialpolitisch brisante Note. Ihnen geht die Möglichkeit verloren, mit traditionellen Sorten auf Umweltveränderungen, wie Dürren, Plagen oder agrarökonomische Veränderungen zu reagieren.(14)

"Mexiko sollte seine Biodiversität, die Sicherheit und Eigenständigkeit seiner Nahrungsmittelversorgung schützen, stattdessen hat die mexikanische Regierung sich den Weg versperrt, der Kontamination den Rücken zu kehren oder diese zu kontrollieren", so Aleira Lara, Kampagnenleiterin von Greenpeace Mexiko (15).  Offensichtlich ist, dass das neue Gesetz weder dem Wohl der Gesellschaft dient, noch alle Risiken ausreichend berücksichtigt. Dafür profitieren jetzt einige wenige Großkonzerne von den neuen Regelungen und damit ihr Einfluss auf die Versorgung mit mexikanischen Grundnahrungsmitteln. Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace empfehlen Boykotte von Produkten, die genveränderte Saat enthalten, um Druck auf die mexikanische Regierung auszuüben. Dies ist leider auf Grund mangelnder Kennzeichnung nur erschwert möglich, denn Maismehl sieht am Ende eben aus wie Maismehl.

Nur bei einer Maissorte kann man sich in Mexiko sicher sein, dass er nicht genverändert ist: Schwarzer Mais. Wenn es den jedoch nicht mehr gibt, hat Cinteótl wieder eine Sorte verloren und Mexiko einen Teil seiner Kultur.

(1)   unterschiedliche Zahlenangaben

(2)   Vgl. La Jornada, 12.3. 2009: „ Mexico, pais de origen, levanta veda al maiz transgenico“

(3)   im Zeitraum von 1988 bis 2003

(4)   Vgl. Greenpeace México: „Crónica de un Cercado: Monsanto sobre el Maíz Mexiccano“, S. 148; in: ¿Un Mundo Partentado? La Privatización de la Vida y del Conocimiento“ (Publicaciones Boell)

(5)   Vgl. Greenpeace México: „Crónica de un Cercado: Monsanto sobre el Maíz Mexiccano“, S. 152; in: ¿Un Mundo Partentado? La Privatización de la Vida y del Conocimiento“ (Publicaciones Boell)

(6)   Artikel 2, Absatz XI

 (7)   Vgl. La Jornada, 12.3. 2009: „ Mexico, país de origen, levanta veda al maiz transgenico“

(8)   Vgl. La Jornada, 10.3. 2009: „Será gradual, la siembra comercial de transgénicos en México: Sagarpa“

(9)   Vgl. La Reforma, 26. 3. 2009: „Ofrecen héctares para maíz transgénico“

(10)   Presseveröffentlichung auf der Homepage von Monsanto vom 12. Januar 2005: www.monsanto.com

(11)   http://www.greenpeace.org/mexico/news/mexico-es-el-segundo-pa-s-con

(12)  Vgl. Greenpeace México: „Crónica de un Cercado: Monsanto sobre el Maíz Mexicano“, S. 151; in: ¿Un Mundo Partentado? La Privatización de la Vida y del Conocimiento“ (Publicaciones Boell)

(13)   Vgl. Publikation von Greenpeace: „Agricultura sustentable y transgenicos“

(14)   Vgl. Publikation von Greenpeace: „Agricultura sustentable y transgenicos“

(15)   Vgl. La Reforma vom 7.3.2009: „Critican Regals para transgénicos“


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