Nellys Palomo

Nellys Palomo

Porträt

Nellys Palomo

Porträt von Nellys Palomo
Nellys Palomo, Foto: Marta Sánchez, Quelle: Colectivo Alas de Mariposa

16. September 2010
Von Jenny Jungehülsing
200. Jahrestag der Unabhängigkeit Mexikos


NELLYS PALOMO: DER KAMPF FÜR DIE AUTONOMIE INDIGENER FRAUEN

Die jüngst verstorbene Psychotherapeutin, Feministin und soziale Aktivistin Nellys Palomo zählt zu den wichtigsten Unterstützerinnen der mexikanischen indigenen Frauen im Kampf um ihre Rechte. Seit den 1970er Jahren setzte sie sich für die Entwicklung feministischen Bewusstseins, die Organisation und die politische Partizipation indigener Frauen in entlegenen Gebieten der mexikanischen Provinz ein. Gemeinsam mit den Frauen kämpfte sie für deren Selbstbestimmung, den Zugang zum Gesundheitssystem und die Legalisierung der Abtreibung.

Politisierung in Kolumbien und Exil in Mexiko

1956 geboren, wuchs Nellys Palomo als eines von fünf Kindern einer armen Familie im kolumbianischen Cartagena auf. Dennoch gelang es ihr zu studieren. Bereits während des Studiums war sie in der Studentenbewegung aktiv und trat der Revolutionären Arbeiterpartei PRT (Partido Revolucionario de los Trabajadores) bei. Nach dem Studium unterstützte Palomo durch den Krieg aus ihren Dörfern Vertriebene bei der Errichtung von illegalen Siedlungen auf besetzten Flächen der Stadt. Als die Bewohnerversammlung dem Viertel ihren Namen geben wollte, widersetzte sich Palomo und schlug stattdessen den der ersten weiblichen Arbeiterführerin Kolumbiens vor: Das „María Cano“ ist heute eines der größten Viertel der Stadt.

Nachdem verschiedene PRT-Führer ermordet worden waren und die Verfolgung der Linken in Kolumbien eskalierte, entschloss sich Palomo in den 1970er Jahren, nach Mexiko auszuwandern. In Mexiko-Stadt setzte sie ihre Arbeit mit städtischen Bewegungen für angemessenen Wohnraum im Movimiento Urbano Popular fort. Schwerpunkt war dabei nun die Organisierung der Frauen und deren Forderungen innerhalb der Bewegung.

Palomo gehörte zur Gründergeneration und politischen Führung der mexikanischen PRT. Als Mitglied der ersten Frauenarbeitsgruppe der Partei trug sie entschieden zur Entwicklung feministischen Bewusstseins innerhalb derselben bei.
Auch in Publikationen setzte sie sich für die Kämpfe der Frauen ein. Palomo leitete die Zeitschrift Desde los 4 puntos und schrieb hier wie auch in den Cuadernos Feministas, zu deren Herausgeberinnen sie zählte, zahlreiche Artikel. 1994 veröffentlichte sie gemeinsam mit Sara Lovera das Buch „Las Alzadas“ über die Rolle der Frauen im zapatistischen Aufstand 1994.

Der Kampf um Autonomie: Entwicklung feministischen Bewusstseins und Organisation indigener Frauen

In den letzten 15 Jahren ihres Lebens galt Palomos Engagement der Verbesserung der Situation indigener Frauen in Mexiko und Lateinamerika. Sie organisierte zahlreiche Konferenzen, Kurse und Workshops in Mexiko und anderen lateinamerikanischen Ländern. 1997 schuf sie mit anderen Frauen die Coordinadora Nacional de Mujeres Indígenas (Nationaler Koordinationsrat indigener Frauen). Sie trieb die Einrichtung von Frauenhäusern (Casas de la Mujer Indígena) in Mexiko voran, die indigene Frauen u. a. bei Missbrauch und sexueller Gewalt unterstützen. 1991 gründete sie die Organisation Kinal Antzetik („Land der Frauen“ auf tzeltal), die indigene Frauen in Chiapas im Kampf um ihre Rechte begleitet.

Vorrangiges Ziel ihrer Arbeit war dabei stets die Autonomie der indigenen Frauen. Unter Autonomie verstand Palomo das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und die Gleichberechtigung in der Familie, bei der Arbeit, in der Gemeinde sowie gegenüber staatlichen Institutionen. Der Kampf um Autonomie begann für sie in der Familie und der Gemeinde und bezog sich auf die Arbeitsteilung zu Hause, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und die Beteiligung der Frauen an Entscheidungen in der Familie und der Gemeinde.

Der erste Schritt war hierbei die Schaffung eines Bewusstseins der Frauen über ihre geschlechtsspezifische Diskriminierung und die Formulierung ihrer Rechte und Interessen. Hierzu unterstützte Palomo v.a. die politische Organisation von Frauen in indigenen Regionen, den Austausch über Misshandlungen und Diskriminierungen und die Entwicklung von Organisations- und Partizipationsformen zur Durchsetzung ihrer Forderungen.

Im Kampf um Autonomie stand die Partizipation der Frauen in politischen Entscheidungsorganen für Palomo im Mittelpunkt. Sie war überzeugt, dass die diskriminierenden politischen und gesellschaftlichen Strukturen nur durch die direkte Einflussnahme der Frauen auf Gemeindeverwaltungen und staatliche Behörden grundlegend verändert werden können. Nicht zuletzt bedeutete dies für Palomo auch, Elemente des traditionellen Rechts der usos y costumbres (Sitten und Gebräuche) in den indigenen Gemeinden infrage zu stellen.

Lernen von den Zapatista-Frauen: Den Kampf der indigenen Völker um Anerkennung mit dem der Frauen verbinden

Wie die Zapatista-Frauen, die gelernt haben, „ihren Kampf nicht zu teilen“, arbeitete Palomo darauf hin, den Kampf der indigenen Völker um Anerkennung einerseits mit dem der indigenen Frauen um ihre Rechte andererseits zu verbinden: Sie war überzeugt, dass die Frauen ohne eine verbesserte Stellung der benachteiligten indigenen Völker innerhalb des mexikanischen Staates keine nennenswerte Verbesserung ihrer Situation erreichen würden. Denn die geschlechtsspezifische Diskriminierung ist im Fall der indigenen Frauen häufig mit ethnischer Diskriminierung verbunden – so z.B., wenn Frauen sexuellen Missbrauch nicht anzeigen können, weil es bei den staatlichen Behörden keine Übersetzer für ihre Muttersprache gibt. Palomos Ziel war es deshalb, in den indigenen Regionen eine Frauenbewegung zu schaffen, die zugleich gegen ihre geschlechtsspezifische Diskriminierung und gegen die strukturelle Benachteiligung ihrer Völker kämpft. Dies bedeutete für sie auch, eine neue Beziehung der indigenen Gemeinden zum Staat herzustellen, was durchaus auch die Konfrontation mit staatlichen Institutionen bedeuten konnte. Mehr Autonomie und mehr Rechte der indigenen Gemeinden gegenüber dem Nationalstaat waren für Palomo die Bedingung für die Beseitigung ihrer strukturellen Benachteiligung und damit der Autonomie der indigenen Frauen.

Nellys Palomo starb im Juni 2009 bei einem Unfall.

QUELLEN:

Jenny Jungehülsing ist Politologin und promoviert an der Freien Universität Berlin über die Auswirkungen von Geldrücküberweisungen auf lokale Ökonomien im ländlichen Mexiko.

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