Klimawandel, Landwirtschaft und Ernährung

Klimawandel, Landwirtschaft und Ernährung

Klimawandel, Landwirtschaft und Ernährung

Foto: Heinrich-Böll-Stiftung. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

1. Juni 2010
Christine Chemnitz, Referentin für Internationale Landwirtschaft der Heinrich-Böll-Stiftung, analysiert in der aktuellen Ausgabe des Böll.Thema: Landwirtschaft und Klimawandel die weltweite Nahrungmittelproduktion im Zusammenhang mit Klimawandel und Versorgung mit Grundnahrungsmitteln.

Klimawandel wird durch die steigende Konzentration von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2), Lachgas (N2O) und Methan (CH4) in der Atmosphäre verursacht. Der Agrarsektor erzeugt weltweit etwa 14 Prozent dieser klimaschädlichen Gase. (Stern, 2007) Zählt man zu den direkten Emissionen der Landwirtschaft auch die indirekten Auswirkungen durch Landnutzungsänderungen wie Entwaldung hinzu, sind es sogar 32 Prozent.

Die direkten Emissionen des landwirtschaftlichen Sektors treten vor allem in Form von Methan und Lachgas auf – wobei die Emission von einer Tonne Methan der von 21 Tonnen CO2 entspricht. Eine Tonne Lachgas hat sogar die klimaschädliche Wirkung von 320 Tonnen CO2.

Die bedeutendsten Emissionsquellen klimarelevanter Gase aus der Landwirtschaft stammen aus dem Einsatz mineralischer Düngemittel, aus der Tierhaltung und der Reisproduktion. So entsteht Methan sowohl bei der Verdauung von Wiederkäuern als auch durch Gärungsprozesse auf überfluteten Reisfeldern, während die unsachgemäße Lagerung und Ausbringung von Wirtschaftsdünger und Dung bedeutende Faktoren für die Lachgasemissionen der Landwirtschaft sind.

Zwischen 1990 und 2005 sind die Lachgas- und Methanemissionen der Landwirtschaft um 17 Prozent gestiegen, und bis 2030 werden sie aufgrund einer vermehrten Nachfrage nach Agrargütern voraussichtlich um weitere 35–60 Prozent zunehmen. (Greenpeace)

Die Zahlen verdeutlichen, dass der Agrarsektor in seiner heutigen Produktionsform massiv zum Klimawandel beiträgt. Gleichzeitig wird immer deutlicher, wie schwerwiegend die Folgen eben dieser Entwicklung für die landwirtschaftliche Produktion in der Zukunft sein werden. Diese reagiert aufgrund der starken Witterungsabhängigkeit extrem verletzlich auf klimatische Veränderungen: Steigende Temperaturen beeinflussen die Wachstumsbedingungen von Pflanzen und die Leistungsfähigkeit von Nutztieren. Aber nicht nur das, aufgrund der veränderten Bedingungen wird es auch einen veränderten Krankheits- und Schädlingsdruck für Pflanzen und Tiere geben. Hinzu kommt, dass sich durch den Klimawandel in vielen Teilen der Welt die Niederschlagsmuster verändern. Die jährliche Wasserverfügbarkeit wird voraussichtlich abnehmen, während extreme Trockenperioden vor allem in Afrika südlich der Sahara, in Asien und Australien zunehmen. (WDR, 2010)

Die Prognosen des 2010 von der Weltbank veröffentlichten Weltentwicklungsberichts zeigen, dass die landwirtschaftlichen Erträge sich in wenigen nördlichen Ländern der Welt verbessern werden. In den meisten Ländern aber, genauso wie im weltweiten Durchschnitt, werden die landwirtschaftlichen Erträge deutlich zurückgehen. Der geschätzte Produktivitätsrückgang bis 2080 liegt weltweit bei bis zu 16 Prozent – betrachtet man ausschließlich die Entwicklungsländer, liegt er sogar bei bis zu 21 Prozent. (WDR, 2010)

Nach Berechnungen des International Food Policy Research Institute (IFPRI) ist die Produktion von Grundnahrungsmitteln in Asien und Afrika besonders negativ von den Folgen des Klimawandels betroffen. Für die afrikanische Landwirtschaft wird prognostiziert, dass die durchschnittliche Reisproduktion um 14 Prozent, die Weizenproduktion um 22 Prozent und die Maisproduktion um fünf Prozent zurückgehen wird. Für Asien zeigen die Berechnungen, dass gemessen am Basisjahr 2000 die durchschnittlichen Erträge für Weizen um 50 Prozent, Reis um 17 Prozent und Mais bis zu sechs Prozent zurückgehen werden.

Die Erträge der Landwirtschaft werden also besonders in den Regionen sinken, in denen es ein starkes Bevölkerungswachstum gibt, die Landwirtschaft wesentlich zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt, große Teile der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt sind, die Kaufkraft sehr gering ist und schon heute viele Menschen akut unterernährt sind. Das Zusammenspiel dieser Faktoren führt dazu, dass sich die Ernährungssituation sowohl in Afrika als auch in Asien dramatisch verschlechtern wird.

Die Zahl der Hungernden wurde im letzten Jahr von der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) auf etwa 1,02 Milliarden Menschen geschätzt. Etwa die identische Zahl von Menschen leben unterhalb der absoluten Armutsgrenze von einem US-Dollar am Tag.

Fast 75 Prozent der Hungernden leben auf dem Land, etwa die Hälfte davon in kleinbäuerlichen Familien. (UNEP, 2005) Weitere 22 Prozent sind Landarbeiter, acht Prozent Nomaden. Mehr als 60 Prozent der chronisch hungernden Menschen sind Frauen.

Es sind genau diese Menschen, auf die sich die Folgen des Klimawandels in der Landwirtschaft überproportional stark auswirken. Die Gründe dafür sind vielfältig: Kleinbäuerliche Produzenten wirtschaften auch ohne die Auswirkungen des Klimawandels in prekären Strukturen. Sie reagieren aufgrund ihrer relativ geringen Kapitalausstattung und ihres schlechten Zugangs zu Informations- und Wissenssystemen besonders verletzlich auf externe Schocks. Hinzu kommt, dass traditionelles Wissen aufgrund der sich wandelnden Produktionsbedingungen immer mehr an Bedeutung verliert.

Kleinbäuerliche Produzenten sind als Netto-Nahrungsmittelkonsumenten besonders hart von steigenden Preisen für Lebensmittel betroffen. Auch ohne Klimawandel werden die Preise für die wichtigsten Grundnahrungsmittel aufgrund von Bevölkerungswachstum, wachsenden Einkommen und einer größeren Nachfrage nach agrarischen Rohstoffen für die Energieproduktion voraussichtlich steigen. IFPRI schätzte 2009, das von 2000 bis 2050 der Preis von Reis um 62 Prozent, Mais um 63 Prozent und Weizen um 39 Prozent klettern wird. Berechnet man die Folgen des Klimawandels mit ein, so kommt es zu einer zusätzlichen Steigerung von 35–37 Prozent für Reis, 52–55 Prozent für Mais und 94–111 Prozent für Weizen. Diese Zahlen verdeutlichen, wie dramatisch sich die Ernährungssituation für einkommensschwache Menschen, die oft mehr als 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, verschlechtern wird.

Aber wie könnten neue Wege und nachhaltige Lösungen in der Landwirtschaft aussehen? Welchen Beitrag kann die Landwirtschaft als eine Hauptverursacherin des Klimawandels selbst leisten?

 

Zentraler Bestandteil der Anpassungsstrategien, welche die großen Forschungs- und Geberinstitutionen vorlegen, ist die landwirtschaftliche Produktivitäts- und Effizienzsteigerung. Unterlegt mit dem Grundgedanken eines weitreichenden Technologietransfers ist diese Forderung alles andere als neu. Im Gegenteil, sie erinnert an die Ansätze der Grünen Revolution der späten 50er-Jahre. Wie damals liegt der Schwerpunkt auf Technologietransfer und Produktionssteigerung. Darauf konzentriert sich die Agrarforschung allerdings schon seit Jahrzehnten – ohne signifikante Fortschritte bei der Bekämpfung von Hunger und Armut und vor allem ohne jeglichen Beitrag zu einer ökologisch nachhaltigen Landwirtschaft.

Aber es gibt auch Stimmen, die einen grundlegenden Perspektiv- und Strategiewechsel in der Landwirtschaft fordern. So brachte der 2008 veröffentlichte Bericht des IAASTD (International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development) in einem vierjährigen internationalen Dialogprozess mehr als 400 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie Vertreter und Vertreterinnen von Zivilgesellschaft und Wirtschaft zusammen, um gemeinsam neue Konzepte für eine nachhaltige Landwirtschaft zu entwickeln. Er vereinigt Stimmen verschiedener kultureller und professioneller Hintergründe, und es ist beeindruckend, wie anders die Konzepte einer zukunftsfähigen Landwirtschaft aussehen, wenn diese vielfältigen Erfahrungen ernst genommen werden.

Der IAASTD fordert, traditionelles Wissen und ökologische und soziale Fragen stärker in die Agrarforschung einzubeziehen, und er entwirft ein Konzept für eine ökologisch und sozial nachhaltige Landwirtschaft. Die Förderung kleinbäuerlicher Produzenten, lokal angepasste, integrierte Produktionsweisen, angepasste Forschung und Technologien, vielfältige Sortenwahl und gute Beratungssysteme sind einige der wichtigsten Komponenten. Der IAASTD zeichnet ein multifunktionelles Bild einer Landwirtschaft, die nicht nur in ihrer Rolle als Lebensmittelproduzentin ernst genommen wird, sondern auch als Lebensgrundlage für die ländliche Bevölkerung und für den Erhalt von Ökosystemen und Ressourcen gewertet wird.

Dieses umfassende Verständnis der Landwirtschaft fordert den Mut und den politischen Willen, sich von alten Konzepten und Strukturen loszusagen und einen agrarpolitischen Wandel einzuleiten. Ernährungssicherheit, Armutsbekämpfung und Klimaschutz müssen intelligent miteinander verknüpft werden – nur daraus entwickelt sich eine nachhaltige Agrarpolitik mit Zukunft.

Landwirtschaft und Klimawandel

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