Der Naturverbrauch gehört in die Berechnung der Kosten

Der Naturverbrauch gehört in die Berechnung der Kosten

Der Naturverbrauch gehört in die Berechnung der Kosten

Zwischen ökonomischem und ökologischem Profit. Foto: kevindooley.
Dieses Foto steht unter einer Creative Commons Lizenz

28. April 2009
Von Irene Schöne
Von Irene Schöne

Das Emission Trading Scheme (ETS) der EU scheint gescheitert zu sein. Der Emissionshandel sollte einen marktwirtschaftlichen Anreiz zur Einsparung von Treibhausgasen bieten. Herstellern von Stahl, Zement oder Strom wurden limitierte Verschmutzungsrechte für Treibhausgase gewährt. Investieren sie in die Einsparung von CO2, können sie die nicht benötigten Rechte an andere verkaufen, die mehr emittieren. Die Umwelt würde entlastet.

Nun stellt sich heraus, dass die Firmen ihre Emissionsrechte nicht deswegen verkaufen, weil sie Emissionen eingespart haben, sondern weil sie wegen der globalen Krise weniger produzieren. Sie verkaufen, weil sie die Rechte aufgrund ihrer Wirtschaftslage nicht benötigen, nicht weil sie in effiziente Technologien investiert hätten. Eine Entlastung der Umwelt findet nicht statt.

Das war nicht vorgesehen, klagt Mark Lewis (CO2-Analyst der Deutschen Bank) im Guardian vom 28.01.2009. Er bemängelt, dass die EU mit diesem Instrument lediglich "heiße Luft" und wenig Nutzen für die Umwelt produziert hätte. Was Anreiz für Investitionen in CO2-sparende Technologien sein sollte, sei zu einer bloßen Geldumverteilungsaktion geworden.

Die Bilanz zeigt: wenn ein marktwirtschaftliches Instrument eingeführt wird, das einen direkten finanziellen Vorteil bietet, während das Ziel der Umweltentlastung indirekt bleibt, ist Fehlsteuerung die Folge. Es stellt sich nun die Frage, ob es ein geeigneteres Instrument gibt um CO2-Einsparungen zu erreichen.

Integrierte Bilanzierung

Ein geeigneteres Instrument wäre die Integrierte Bilanzierung. Diese setzt ein ökologisches Verständnis vom Wirtschaften als wechselseitigen Austauschprozess zwischen Natur und Mensch voraus.

Die Einführung einer direkten Berichterstattung über die CO2-Einsparung in Form der integrierten Bilanzierung ist nicht nur durch das Kyoto-Protokoll begründet, das für Deutschland bis 2012 eine Emissionssenkung um 21 Prozent gegenüber 1990 vorsieht. Sie lässt sich auch aus dem herleiten, was traditionell unter Ökonomie verstanden wird: die rationale und rationelle Kombination der Produktionsfaktoren Kapital, Arbeit und Boden, wobei Boden nur ein anderer Ausdruck für Natur ist. Darauf hat Karl Polanyi in "The Great Transformation" bereits 1944 hingewiesen.

Seit Luca Pacioli 1494 die doppelte Buchführung erfand, wurde von der Ökonomik lediglich eine Berichterstattung über den Produktionsfaktor Kapital für nötig gehalten. Doch heute, gut 500 Jahre später, macht der drohende Klimawandel eine Erweiterung der Berichterstattung erforderlich: auch ein Rechenschaftsbericht über die Nutzung der Natur ist nötig.

Die Integrierte Bilanzierung ist in einen ökonomischen und einen ökologischen Teil gegliedert. Die ökonomische Bilanzierung folgt den gesetzlichen Vorschriften und endet mit einem finanziellen Jahresergebnis. Einer Zahl, die fortschreibbar und sowohl mit den Vorjahren als auch mit den Ergebnissen anderer Organisationen vergleichbar ist. Die ökologischen Informationen werden – wie in der Umweltgesetzgebung – in Größen wie Fläche, Hohlmaß, Gewicht, Druck, Lautstärke angegeben, denn im Austausch zwischen Natur und Mensch machen in Geld ausgedrückte Daten keinen Sinn. Für ihre Austauschprozesse hat die Natur kein Tauschmittel entwickelt. Geld ist eine kulturelle Größe, eingeführt zur Erleichterung des Austausches zwischen Menschen.

Der ökologische Teil der Bilanzierung wird in die drei Bereiche Betriebs-, Produkt- und Humanökologie gegliedert. Zur Betriebsökologie gehören Daten wie: Nutzung von regenerativen und nicht-regenerativen Ressourcen für Energie und Wärme, Trink- und Abwasser, Materialnutzung, Entsorgung, Recycling, Lärm, Landschaftsschutz usw. Über die Eigenproduktion von Strom, die Nutzung von Abwärme, Abfallvermeidung, Boden- und Gewässerschutz sowie Luftreinhaltung wird informiert.

Bei der Produktökologie werden alle auf die Produkte bezogenen Daten aufgeführt, unterschieden nach dem Aufwand für Herstellung und Nutzung. Die Daten sollen über den gesamten Lebenszyklus eines Produktes Aufschluss geben. Durch die Fortschreibung dieser Daten können Informationen gewonnen werden, die helfen, die Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit und Recyclefähigkeit zu erhöhen.

Im Bereich Humanökologie wird über den Umgang mit internen Anspruchsgruppen (Entwicklung der Arbeitsplätze, ÖPNV-Leistungen, ökologische Nahrungsmittel in Kantinen usw.) berichtet. Bei den externen Anspruchsgruppen wird die Verantwortung des Unternehmens gegenüber den Eigentümern, Lieferanten, Kunden und Öffentlichkeit dargestellt.

Die ökologischen Informationen enden ebenfalls mit einer Zahl, nämlich den eingesparten Tonnen Kohlendioxyd (nach den bisherigen Möglichkeiten). Ein Beispiel für den ökologischen Teil der Integrierten Bilanzierung ist die CO2-Bilanz der UmweltBank AG, Nürnberg.

Ökomischer und ökologischer Profit

Das integrierte Jahresergebnis setzt sich aus dem ökonomischen Profit (ausgedrückt in Geld) und dem ökologischen Profit (ausgedrückt in eingesparten Tonnen CO2) zusammen. Beide Zahlen zusammen zeigen den Öko-Zuwachs einer Organisation oder eines Unternehmens pro Geschäftsjahr.

Die Integrierte Bilanzierung befriedigt nicht nur das Informationsbedürfnis über eine Organisation oder ein Unternehmen nach innen und außen, das ökonomische und das ökologische Ergebnis lassen sich mit dem Erfolg anderer Firmen vergleichen. Darüber hinaus vermittelt die Integrierte Bilanzierung auch den Anreiz, die konkrete Einsparung von Treibhausgasen zum Handlungsziel zu machen.

Durch die Integrierte Bilanzierung wird erreicht, dass das ökologische Handlungsziel gleichberechtigt neben das ökonomische Ziel tritt. Damit wird das Einsparen von Treibhausgasen von einer allgemeinen politischen Willenserklärung zur individuellen Verantwortung.

Vier Schritte zur Förderung der Integrierten Bilanzierung:

  1. Umweltorganisationen legen Rechenschaft über ihren Umgang mit der Natur ab, indem sie ihr ökologisches Profil in ihre Bilanz integrieren. Umwelt-NGOs werden an erster Stelle genannt, weil hier Klimabewusstsein nicht erst geschaffen werden muss.
  2. Politische Institutionen, Ministerien, Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten etc. verpflichten sich, eine CO2-Bilanz aufzustellen. Da es das Ziel von Politik ist, die Umwelt zu entlasten, stellt die CO2-Bilanz lediglich ein neues Instrument dar, aber kein neues Ziel. So baut die öffentliche Hand ihre Vorbildfunktion aus.
  3. Alle Verbraucher erstellen eine eigene CO2-Bilanz und richten ihr persönliches Handeln an der Einsparung von Treibhausgasen aus: Autofahren kann durch ÖPNV-Nutzung ersetzt, Fleischkonsum reduziert, Gemüse aus regionalem ökologischen Anbau verzehrt werden …
  4. Bilanzierungsvorschriften für Organisationen und Unternehmen werden um eine CO2-Bilanz erweitert. Das Bilanzrechtsreformgesetz (vom 18. Oktober 2005) lässt solche nicht-finanziellen Leistungsindikatoren ausdrücklich zu.

Eine noch zu gründende Plattform von Umweltorganisationen kann die CO2-Bilanzen auf Vollständigkeit und Richtigkeit prüfen sowie erzielte Einsparerfolge testieren und veröffentlichen. Mit diesem Nachweis könnte Organisationen, Unternehmen und Bürgern eventuell ein Bonus als Anreiz gewährt werden. Die Aufstellung einer Integrierten Bilanzierung erfordert Arbeit – wenn dieser Aufwand aber ins Verhältnis zur Klimakatastrophe gesetzt wird, wird schnell klar, wie sinnvoll diese Arbeit ist.


Irene Schöne ist Aufsichtsratsmitglied der Umweltbank AG

Zeitschrift: Böll.Thema Ausgabe 1/2009 - Green New Deal

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