In Rendite vereint

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19. Juni 2012
Thomas Fatheuer
Natur und Ökonomie haben eine spannungsreiche gemeinsame Geschichte. Und heute scheiden sich in den aktuellen Debatten vor Rio+20 gerade an dieser Beziehung wieder die Geister. Sehen die einen in der Synthese von Natur und Ökonomie in einer Grünen Ökonomie den einzigen zukunftsweisenden Weg, vermuten andere eine Radikalisierung der Unterwerfung der Natur unter eine zerstörerische Wirtschaftsordnung. Ein kurzer Rückblick kann die aktuelle Debatte vielleicht etwas erhellen.

Immer wieder wird der modernen Ökonomie vorgeworfen, sie sei naturvergessen. Dies ist aber nicht ganz richtig. Die moderne Ökonomie hat die Natur vielmehr in Abgrenzung zu physiokratischen Thesen bewusst ausgeschlossen. Für die Physiokraten war nur die Landwirtschaft werterzeugend, weil sie die Natur nutzt. Die moderne Ökonomie basierte auf einer Verlagerung von der Natur hin zur Arbeit, die nun als entscheidender Produktionsfaktor in den Mittelpunkt rückte. Und tatsächlich ist es die ungeheure Entwicklung der Produktivität der Arbeit, die das Rückgrat der Industrialisierung des 19. und 20. Jahrhunderts  – im Kapitalismus wie im Sozialismus – bildet. Darüber geriet die Naturgebundenheit menschlichen Wirtschaftens in Vergessenheit. Naturressourcen schienen unendlich, ihre Erschließung war das Problem, nicht ihre Begrenztheit.

Erst mit der in den siebziger Jahren deklarierten ökologischen Krise tritt die Natur wieder mit Macht auf die öffentliche Bühne – und wird zunächst eher politisch wahrgenommen. Die Abhängigkeit der menschlichen Existenz von der Natur wird nun vor allem als Abhängigkeit von Rohstoffen gesehen, die endlich sind oder sich in falschen Händen befinden. Da Knappheit eines der großen Themen der ökonomischen Theorien ist, kann kaum überraschen, dass in dem Augenblick, in dem die Begrenztheit der Ressourcen verstärkt wahrgenommen wird, sich auch die Beziehung zwischen Ökonomie und Natur intensiviert. Es etabliert sich die Disziplin der ökologischen Ökonomie, die mit dem Weltbankökonomen Herman Daly eine Stimme findet, die gehört wird.

Die als "Weltumweltgipfel" proklamierte Konferenz in Rio im Jahre 1992 symbolisiert diese neuen Zeiten. Nach vielfachem Zögern und zahlreichem Widerstand war die Umweltpolitik im Mainstream angekommen – zumindest verbal. Umweltprobleme werden nun als Dimension einer globalen Krise wahrgenommen, die die Menschheit bedroht. Radikalere Änderungen als ein paar neue Umweltauflagen und Schutzgebiete waren notwendig geworden.

Biodiversität – ein Begriff macht Karriere

In Rio sind die Weichen gestellt worden, die zu der heute diskutierten "green economy" führen. In der allgemeinen Identifizierung der Rio 92-Konferenz mit dem Nachhaltigkeitsbegriff und der Klimakonvention ist die zweite Konvention – über den Schutz der Biodiversität – oft übersehen worden. Aber für eine folgenreiche Neubestimmung des Naturbegriffes war diese Konvention ein wichtiger Meilenstein. Der Begriff Biodiversität wird erst in den achtziger Jahren durch Veröffentlichungen von E.O. Wilson in Umlauf gebracht. Seine Bücher Biodiversity (1988) und The Diversity of Life (1992) werden zu den grundlegenden Werken.

Es ist schon eine beachtliche Karriere, mit der es dieser eher unverständliche Begriff in so wenigen Jahren in den Titel einer UN-Konvention geschafft hat, die neben der Klimakonvention steht. Mit "Biodiversität" gelingt es, dem verstaubten und oftmals romantisierenden Naturschutz eine neue Grundlage zu geben. Die Vielfalt von Ökosystemen und Arten ist eine notwendige Bedingung des Lebens auf unserem Planeten. E.O. Wilson ist Evolutionsforscher! Der Verlust der Artenvielfalt kann damit über die einzelnen lokalen Prozesse der Umweltzerstörung als globale Bedrohung gesehen werden.

Die einleuchtenden Aspekte des Konzeptes Biodiversität haben aber oftmals den Blick auf die ökonomischen Implikationen der neuen Begrifflichkeit verstellt. Wilson argumentiert, dass Biodiversität unsere wertvollste Ressource darstellt – nicht nur aufgrund der Funktion der Vielfalt für die Evolution, sondern auch aufgrund des noch gar nicht entdeckten möglichen Nutzens von Pflanzen und Tieren. Es geht nicht mehr um ein romantisches Naturbild, sondern um den "praktischen Wert wildlebender Pflanzen" (Wilson). "Im Zeichen der neuen biodiversity endlich die große Synthese von Ökonomie und Ökologie!", konstatiert Joachim Radkau.

Mit der Biodiversitätskonvention verbreitet sich ein neues technizistisches Sprechen über Natur. "Genetische Ressourcen" wird zu einem gängigen Begriff. Biodiversität transformiert Natur in operationalisierbare Einheiten. Ökosysteme und Arten lassen sich klassifizieren, das Artensterben kann quantifiziert werden. Damit sind die Türen für eine Neubestimmung der Beziehung zwischen Natur und Ökonomie geöffnet.

Die Natur als Dienstleister

1997 gelingt Robert Costanza und anderen ein wissenschaftlicher, publizistischer Coup: Sie berechnen den Wert der Öksystemdienstleistungen der Welt mit 16 – 54 Trillionen pro Jahr, verglichen mit einem Bruttosozialprodukt von 18 Trillionen. Die Zahlen konnten letzlich nicht überzeugen, aber der Artikel hat den Begriff der Ökosystemdienstleistungen schnell etabliert. Damit wird nun der Wert der Biodiversität aufs Engste mit ihrem Nutzen für den Menschen verbunden. 2001 gibt der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan den Auftrag zu einer umfassenden Studie über den Zustand der Ökosysteme der Welt. Das 2005 veröffentlichte Millennium Ecosystem Assessment (MA) will den Blick auf den Nutzen lenken, den Menschen durch Ökosysteme haben. Dabei stellt es den Begriff Ökosystemdienstleistungen als "benefits people obtain from ecosystems" in den Mittelpunkt. Auch wenn MA nicht primär auf eine ökonomische Bewertung von Naturdienstleistungen abzielt, so nähern sich doch Natur und Ökonomie in den Begriffen einander an. So wird die Schädigung von Ökosystemen als Verlust von Kapitalgütern klassifiziert und das Fehlen von Märkten für Ökosystemdienstleistungen als eine Ursache für deren Degradierung.

Damit ist nun ein neues und folgenreiches Naturverständnis etabliert: Natur ist zu einer Bereitstellerin von Dienstleistungen geworden. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Dienstleistungen einen Wert haben und gehandelt werden können.

Die Ökonomie von Ökosystemen

Economics of Climate Change lautet der vielversprechende Titel des Reports von Nicholas Stern, dem ehemaligen Chefökonomen der Weltbank. Eine "kopernikanische Wende" in der Klimapolitik konstatierte Ottmar Edenhofer, der Chefökonom des PIK (Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung). Die Kosten des Klimawandels seien höher als die Kosten für eine ambitionierte Klimapolitik – das ist die Botschaft des Reports. TEEB* wurde 2008 ins Leben gerufen, um einen ähnlichen Report über die Ökonomie der Ökosysteme und Biodiversität zu platzieren – mit der Hoffnung, den publizistischen Erfolg Sterns zu wiederholen.

TEEB stellt mit seinem umfassenden Ansatz den zur Zeit wohl einflussreichsten Versuch dar, eine Ökonomie der Natur und ihrer angeblichen Dienstleistungen zu entwickeln. Für den Leiter der TEEB-Studie, Pavan Sukhdev, ist die Wurzel allen Übels, dass der ökonomische Wert der Natur unsichtbar bleibt. "Natur stellt uns verteufelt viel zur Verfügung, sei es saubere Luft, frisches Wasser oder Nährstoff und Wasser für Landwirtschaft. Es gibt so viel umsonst für uns. Wir nutzen die Natur, weil sie wertvoll ist, aber wir verlieren sie, weil sie umsonst ist."

"Put a Value on Nature" – der Natur einen Wert geben, das ist Motto und Glaubensbekenntnis von TEEB. Dabei ist Wert ein vieldeutiges Wort. Wert muss nicht monetär sein, darauf legen die TEEB-Forscher großen Wert. "Ich hasse den Begriff 'der Natur einen Preis geben' ", stöhnt Pavan Sukhdev. Aber gerade bei den Ökosystemdienstleistungen geht es auch und gerade um eine monetäre Bestimmung. So wird als Beispiel immer wieder zitiert, dass die Bestäubungsleistung der Bienen einem Wert von 190 Mrd. US-Dollar pro Jahr entspricht.

Monetarisierung kann sinnvoll sein

Aber nicht jede Monetarisierung muss gleich einer bedenklichen Vermarktung der Natur Vorschub leisten. Eine – wenn auch nur annähernde – Bestimmung von monetären Größen ist zum Beispiel wichtig, um Schaden zu ermessen. Welche Entschädigung sollen die Betreiber der Deepwater Horizon für die Schäden am Ökosystem der Tiefsee zahlen? Welchen Schaden richtet ein Schiff an, das ein Korallenriff durchpflügt?

Dass in Versicherungsverträgen Entschädigungen für den Verlust einer Hand in Geld ausgedrückt werden, bedeutet ja auch nicht, dass hier ein Handel mit Händen vorbereitet wird. Und sicherlich macht es auch Sinn, abzuwägen, ob etwa die Investition in Wasseraufbereitung oder in den Schutz von Quellgebieten teurer ist.

Der Natur einen Preis geben, das soll laut TEEB Politikern und Unternehmen bei Entscheidungen helfen, und zwar in einer Sprache, die sie verstehen. Unternehmen sollen Risiken erkennen, Politiker versteckte Kosten und langfristige Folgen ihres Handelns besser wahrnehmen.

So weit so gut, und in der hochkochenden Debatte über "Monetarisierung" der Natur sind Differenzierungen sicherlich angebracht. Aber immer wieder taucht in den Formulierungen von TEEB der den Ökonomen so vertraute Gedanke auf, dass die Dienstleistungen der Natur gefährdet sind, weil sie keinen Preis haben, weil sie die Eigenschaft haben, umsonst zu sein. "Wir brauchen einen Weg, um den Erhalt und die Wiederherstellung von Ökosystemen profitabel zu machen, so dass sie mit anderen Formen der Landnutzung wie Landwirtschaft konkurrieren können. Das ist eine Tatsache des Lebens in der kapitalistischen Welt, in der wir leben", stellt Joshua Bishop, Koordinator des TEEB for Business, kategorisch klar.

Sozialer Kontext und Gerechtigkeit

TEEB ist durch den Glauben an die Macht der Ökonomie beseelt. "It ’s the Economy, stupid", schallt es allen entgegen, die zweifeln. Wenn die Ursachen der Umweltzerstörung die falschen Preissignale (umsonst) der Umweltdienstleistungen sind, dann kann die Lösung nur sein, Märkte mit den richtigen Preissignalen zu schaffen. In Zeiten, in denen die Welt das Vertrauen in die Rationalität der Wirtschaft und insbesondere des Finanzsektors zunehmend verliert, verkündet der Leiter des Rates für globale Nachhaltigkeit, János Pásztor: "Sie können die Führer des Finanzsektors zusammenrufen und Sie können ihnen sagen: Wenn Sie dies nicht machen, werden wir in fünf oder zehn Jahren in echten Schwierigkeiten -stecken. Oder andersherum: Wenn wir handeln, werden wir die Möglichkeit haben, mehr Geld zu verdienen, als Sie denken, aber auf eine andere Art."

Die Befürworter der Ökonomisierung der Natur verlieren kaum einen Gedanken an den sozialen Kontext, in dem viele der Ökosystemdienstleistungen erbracht werden, ja ihre Begriffe verschleiern geradezu die sozialen Zusammenhänge. Denn es ist ja nicht die fleißige Natur, die für ihre Dienstleistungen bezahlt werden soll, sondern es sind deren Besitzer.

Aber eine Vielzahl der letzten erhaltenen Ökosysteme befindet sich in Gebieten von indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften. Was wären die Konsequenzen, wenn ihre "Dienstleistungen" marktwirtschaftlich bewertet würden und das Land, auf dem sie leben, eine neue Inwertsetzung erführe? Solche Fragen stehen ebenso wenig im Blickpunkt der neuen Naturökonomie wie Fragen nach Gerechtigkeit. Sie müssen aber gestellt werden und werden in weiteren Debatten sicherlich eine entscheidende Rolle spielen.

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Thomas Fatheuer hat von 2003 bis 2010 das Brasilien-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung geleitet. Er lebt zur Zeit als freier Autor in Berlin und berät die Stiftung im Themenbereich Wald – Klima – Biodiversität.

* TEEB-Studie: Die Initiative « The Economics of Ecosystems and Biodiversity » (Die Ökonomie der Ökosysteme und Biodiversität) wurde auf dem Umweltministertreffen der G8+5 in Potsdam 2007 angestoßen und nahm 2008 unter der Leitung des Deutsche-Bank-Managers Pavan Sukhdev seine Arbeit auf. Ziel des Vorhabens war es, den ökonomischen Wert der Dienstleistungen von Ökosystemen und der Biodiversität erfassbar zu machen, um sie vor Zerstörung und Raubbau zu schützen. Der Abschlussbericht von TEEB wurde 2010 auf der Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens zur Biologischen Vielfalt (COP 10) im japanischen Nagoya vorgelegt.
 

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