Arme Kinder, armes Land

Strategien gegen vererbte Chancenlosigkeit

23. Mai 2008
Von Ernst-Ulrich Huster

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Vortrag von Ernst-Ulrich Huster, Evangelische Fachhochschule RWL Bochum
7. Mai 2008, Heinrich-Böll-Stiftung Berlin

In unserer Mediengesellschaft sind es immer wieder extraordinäre Einzelereignisse oder Daten, die kurzfristig die Sensibilität für gewisse Themen bzw. Tatbestände sozialer Ausgrenzung wecken, ohne dass diese allerdings nachhaltig die Politik verändern würden. Da kommt ein Kleinkind zu Tode, weil die Eltern ganz offensichtlich überfordert waren mit der Erziehung und Fürsorge; soziale Einrichtungen wie die Gesamtfamilie, Nachbarschaft und öffentliche Einrichtungen müssen gestehen, auch sie haben die Zusammenhänge in seiner Tragweite nicht richtig eingeschätzt. Daneben rütteln Meldungen auf, Kinder kämen verstärkt in die Schule, ohne gefrühstückt zu haben. Die Teilnahme an Klassenausflügen und Klassenfahrten sei heute mehr als früher aus finanziellen Gründen in Frage gestellt. Ca. zehn Prozent der schulpflichtigen Kinder kommen derzeit nicht ihrer Schulpflicht nach. Nach Versuchen mit polizeilichen Maßnahmen dagegen vorzugehen, sollen nun sozialpädagogische Projekte und Eingliederungsmaßnahmen Abhilfe schaffen. Nicht nur in Berlin gibt es sie, die Straßenkinder mit z.T. nur noch sporadischem Kontakt zur meist zerrütteten Herkunftsfamilie, sich fern ab der gesellschaftlichen Werten und Normen in prekären Subkulturen einrichtend. Kommt dann noch Gewalt hinzu, kennt der hessische Ministerpräsident Koch sogleich die Mittel zur Abhilfe. Nicht Kuschelpädagogik, sondern Jugendknast, und das gleich 15 Jahre lang!

Johan Galtung sprach von struktureller Gewalt, die von einer Gesellschaft ausgehen könne, dort nämlich, wo soziale Rahmenbedingungen gelingendes Leben behindern, verhindern und Menschen zwingen, von ihren Lebensplänen abzugehen. Dabei wissen wir seit Jahren aus der Arbeitslosen- und Armutsforschung: Länger anhaltende Armut und Arbeitslosigkeit wird als krisenhafter Einschnitt begriffen – Ali Wacker sprach vom „Schock zum Fatalismus“. Der Psychiatrieprofessor Erich Wulff aus Hannover hat schon vor Jahren hier auf einem Symposion in Berlin Arbeitslosigkeit in seiner Wirkung mit schweren Objekterfahrungen des Einzelnen verglichen, wie sie beispielsweise in politischen Gefangenenlagern erfahrbar seien. Zenke und Ludwig schließlich haben schon vor Jahren unterstrichen, Kinder erfahren Arbeitslosigkeit ihrer Eltern als genauso dramatisch wie die Eltern selbst.

Doch dessen ungeachtet stritt bzw. streiten gesellschaftliche Kräfte und Teile der Politik, ob wir denn überhaupt Kinderarmut hätten. Die Peinlichkeit im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des 10. Kinder- und Jugendberichts von 1998 ist heute leider schon vergessen. Damals wollte das CDU geführte Familienministerium verhindern, dass die Zahlen zur Kinderarmut vor dem Bundestagswahltermin veröffentlich werden. Rot-Grün ging dann zügig heran und erstellte zwei Reichtums- und Armutsberichte, den ersten sehr gerne, bezogen sich doch die Zahlen auf die Ära Kohl. Beim zweiten stiegen zwar bereits die Armutsquoten, aber auf dem Höhepunkt der Hartz-Gesetzgebung im Jahr 2005 sah man dieses eher als vorübergehendes Ereignis an. Die Warnungen, Hartz IV schaffe zunächst und vor allem mehr Armut, wurden zurückgewiesen. Nun warten wir gespannt auf den 3. Armuts- und Reichtumsbericht. DER SPIEGEL kam offensichtlich schon mal an Zahlen heran: Jede 4. Familie in Deutschland lebt demnach in Armut, von der Gesamtpopulation sind es 18,3 Prozent. DER SPIEGEL ist ansonsten ganz gut informiert – die Zahlen zur Kinderarmut aber hatte er noch nicht – wir können sehr gespannt sein! Die Bundesregierung hat nicht mehr viel Zeit mit der Veröffentlichung der Zahlen des Sozioökonomischen Panels. Denn Anfang August kommt der neue Datenreport 2008 des Statistischen Bundesamtes heraus – er hat die entsprechenden Zahlen des SOEP. Die Beiträge dafür dürften längst geschrieben sein. Stellen wir uns mal darauf ein: Kinderarmut in Deutschland ist ein Massenphänomen geworden. Dieses zeigte sich schon an den Sozialhilfequoten, an den Zahlen der Leistungsempfängerinnen und –empfängern von Sozialgeld etc. Kinder sind von den Altersjahrgängen her betrachtet die Gruppe mit den höchsten Armutsquoten. Insgesamt kann man derzeit von mindestens 2 Millionen armen Kindern ausgehen. (weiterlesen...)