Der Tod des Leistungsprinzips und seine Folgen

Der Tod des Leistungsprinzips und seine Folgen

Der Tod des Leistungsprinzips und seine Folgen

Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler (Rechtsanwalt und Autor von „Kein schönes Land in dieser Zeit“, Berlin), Brigitte Mergenthaler-Walter (Studienleitung Schule Schloss Salem)
Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler (Rechtsanwalt und Autor von „Kein schönes Land in dieser Zeit“, Berlin), Brigitte Mergenthaler-Walter (Studienleitung Schule Schloss Salem), Bild: Stefan Röhl, Lizenz: CC-BY-SA

13. Juli 2012
Corina Weber
Konzernmanager, Finanzspekulanten oder Erben häufen Millionenvermögen an, während mehr und mehr Deutsche die Erfahrung machen, dass sie sich trotz guter Ausbildung und harter Arbeit sozial und ökonomisch nicht verbessern können. Eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung von 2010 hat bestätigt: „Die Chancen, gesellschaftlich aufzusteigen, sind nur in wenigen industriellen Staaten so ungleich verteilt wie in Deutschland.“ Ist der Aufstieg durch Bildung nur noch ein Mythos? Wie gefährdet ist der Zusammenhalt, wenn wir Chancengerechtigkeit abschaffen und die soziale Spaltung vertiefen? Können wir ohne Leistungsprinzip ein leistungsfähiges Land bleiben? Diese aktuellen Fragen diskutierten wir auf der Veranstaltung: „Leistung, die sich lohnt? Das Versprechen der Chancengerechtigkeit“ im Rahmen ihrer Programmreihe „Was ist der deutsche Traum?“

Es war eine alarmierende Diagnose, die der Frankfurter Soziologe Sighard Neckel in seinem einführenden Vortrag über den Zustand Deutschlands stellte: „Wir haben es mit einer Verteilungsordnung zu tun, die auf Besitz von Anlagekapital gegründet ist und dadurch Sozialstrukturen etabliert, die aus Regeln einer bürgerlichen Leistungs- und Wettbewerbsordnung nicht mehr erklärbar sind.“ Längst würden in der Öffentlichkeit Zweifel laut, ob es noch Chancengerechtigkeit in Deutschland gebe. Neckel zitierte aus einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom November 2011: Zwei Drittel der Deutschen sagen, dass Leistung nicht mehr belohnt werde und nicht alle die gleichen Aufstiegschancen in Deutschland hätten.

Die Herrschaft der Reichen


Die obere Klasse der Reichen schotte sich vom Rest der Gesellschaft ab und zwar „wesentlich rigider als etwa in der Phase kollektiver Aufstiegsprozesse in den 1950er bis 1980er Jahren“, befand Soziologieprofessor Neckel, der an der Frankfurter Goethe-Universität zu sozialer Ungleichheit forscht. Er kam zu einem beunruhigenden Urteil für ein modernes, demokratisches Land: „An der Spitze der sozialen Hierarchie sprechen wir daher heute nicht ohne Grund von einer neuen Plutokratie, einer Reichtumsherrschaft, die alle Regeln des Leistungsprinzips weit hinter sich lässt.“

Dabei war es gerade Leistungsprinzip, mit dessen Durchsetzung das aufsteigende Bürgertum Deutschland im 18. Jahrhundert aus feudalen Verhältnissen erlöst und das normative wie narrative Fundament für eine moderne Gesellschaft gelegt hatte, zeichnete Neckel die historischen Entwicklung nach. Statt der Herkunft avancierte Leistung zum ideellen Ordnungsprinzip moderner Industriegesellschaften: Einkünfte, soziale Zugänge und Ämter sollten, so zumindest der Anspruch, nach Wissen und Können vergeben werden.
Ob das Ideal der Leistungsgesellschaft jemals Realität gewesen sei, spiele keine Rolle, betonte er. Relevant sei, dass Leistung als normative Richtschnur für die Verteilung der Einkommen angelegt werde und eben nicht die Durchsetzungskraft der mächtigsten Interessen. Darin liege seine Bedeutung für durchlässige Gesellschaften: Chancengerechtigkeit wird garantiert – etwa im Bildungssystem – und soziale Mobilität ermöglicht und legitimiert.

Deutschland im Rückwärtsgang: Eine Refeudalisierung

Warum ist in Deutschland das Leistungsprinzip in die Schieflage geraten? Neckel identifizierte den Finanzmarkt-Kapitalismus als wesentliche Ursache, er schaffe „eine Verteilungsordnung wesentlich ungleicher Einkommen, mit einer verbreiteten Prekarisierung von Bevölkerungsschichten und einer Reichtumsoligarchie an der Spitze.“ Deutschland befinde sich im Rückwärtsgang in vorbürgerliche Zeiten: „So lässt sich als Refeudalisierung bezeichnen, dass die Schichtzugehörigkeit heute wieder weitgehend auf der dauerhaften sozialen Vererbung des gesellschaftlichen Status beruht.“

Dies sei bis zu den Geburtsjahrgängen vor 1960 noch anders gewesen: „Nicht nur in Deutschland hat sich ein dreihundert Jahre währender Trend zur stärkeren sozialen Durchlässigkeit mittlerweile dauerhaft umgekehrt.“ Trotzdem gelte das Leistungsprinzip weiter als „Fundamentalnorm“, werde zur Legitimation von Statusverteilung genutzt. Neckel verwies hier auf ein Paradox, wir erlebten gleichzeitig eine Aushöhlung und Ausweitung des Leistungsprinzips. Die Gewinner moderner Marktökonomie verdankten ihre Vermögen überwiegend spekulativen Renditen oder privilegierten Herkunftsbedingungen und nicht leistungsabhängigen Erfolgen. Dagegen würden Leistungsmaßstäbe neuerdings auf Gesellschaftsbereiche ausgeweitet, die früher nach dem Prinzip von Bedürftigkeit organisiert worden seien.

Wie Schule Ungleichheit reproduziert


Wenn Herkunft wieder der bestimmende Faktor für Lebenschancen ist, was ist aus dem Versprechen geworden, dass Bildung allen den Weg zum Aufstieg öffnet? Neckel verwies auf die Studie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, der bereits in den 70er Jahren kritisierte, wie das französische Schulsystem paradoxerweise dadurch, dass es alle Kinder gleich behandelte, Ungleichheit reproduzierte. Kinder aus mittleren und oberen Schichten erwerben bereits im Elternhaus kulturelles Wissen, das ihnen in der Schule einen Vorsprung gibt und durch Lernen von Kindern unterer Schichten schwer aufgeholt werden kann. „Auch im Schulsystem ist das Prinzip des Vorteils aufgrund sozialer Herkunft am Werk“, argumentierte Neckel. Dies belegten die PISA- und Armutsstudien der Bundesregierung. Kinder aus Zuwandererfamilien, die überdurchschnittlich oft niederen sozialen Schichten angehören, würden so zu Verlierern des Schulsystems, ihre Benachteiligung durch schlechtere Sprachkenntnisse und fehlende soziale Netzwerke noch verschärft.

Gegenwärtig vertiefe sich die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft: „Nicht offene Statuswettbewerbe und dynamische Übergänge bestimmen die Verteilung von Soziallagen, sondern die gleichsam archaischen Mechanismen von Einschluss und Ausschluss, drinnen und draußen, “ lautete Neckels düsteres Fazit. Er gab als Lösung mit auf den Weg, das Leistungsprinzips wieder verstärkt anzuwenden: „Es birgt ein Potential legitimer Kritik immer dann, wenn eine Gesellschaft die nützlichen Beiträge und Anstrengungen bestimmter Sozialgruppen missachtet.“

Erfolgsgeschichte mit Blessuren


In der anschließenden Podiumsdiskussion traf seine These von der Erosion der Leistungsgesellschaft auf zwei Menschen, die das meritokratische Prinzip schon aufgrund ihrer Biografie und von Berufs wegen verkörpern: der Berliner Anwalt und Buchautor Mehmet Gürcan Daimagüler, der es als Zuwandererkind bis nach Harvard geschafft hat und Brigitte Mergenthaler-Walter, Studienleiterin der Schule Schloss Salem, die in den Medien automatisch mit dem Zusatz „Elite-Internat“ genannt wird. Daimagüler stellte gleich zu Anfang klar: „Ich glaube nicht, dass wir in einer Meritokratie leben.“ Moderatorin Andrea Dernbach, Redakteurin beim Tagesspiegel, warf erstaunt ein: „Aber Sie haben es doch geschafft!“, und wies darauf hin, dass Daimagüler einer von acht Partnern einer Anwaltskanzlei am Kudamm und Mitglied im „Forum of Young Global Leaders“ des Wirtschaftsforum sei. Er schüttelte den Kopf. Mit dem rechten, ausgestreckten Zeigefinger zeichnete er eine zackige Linie in die Luft, die nach oben, aber auch nach unten, nach vorne und nach hinten ausschlägt. So sei sein Leben verlaufen, im Zickzack und eben nicht linear nach oben.

Damaigüler erzählte, wie er, der in Deutschland geborene, einzige „Türkenjunge“ in den 70er Jahren in der ersten Klasse, nach zwei Wochen fast auf der Sonderschule gelandet wäre. Das hätte nur der unerschrockene Protest einer engagierten Nachbarin verhindert. Seine Eltern hätten ihn mit zwei Leistungscredos aufgezogen: Aufstieg sei nur über Bildung zu schaffen und „wenn du es schaffen willst, musst du besser sein als die Deutschen.“ Daimagülers Erfahrungen illustrierten wie komplex das Leistungsversprechen sich in der Realität zeigen kann, insbesondere für Menschen mit Migrationsgeschichte: Auf der Hauptschule hatte er positive Erlebnisse mit den Lehrern, schaffte später den Sprung aufs Gymnasium, schließlich studierte er Jura und Philosophie, promovierte, machte einen Abschluss in Harvard, arbeitete sich in der Politik als erster Deutsch-Türke bis in den Bundesvorstand der FDP hoch, aus der er 2007 wieder austrat und ist heute Partner einer Anwaltskanzlei. Ökonomisch ist er entsprechend seiner überdurchschnittlichen Leistung sicherlich oben angekommen.

Kein schönes Land in dieser Zeit

Allerdings fühle er sich bis heute aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen und nie wirklich zugehörig, egal wie viel er leiste, erklärte er. Insofern sieht er seine Lebensgeschichte auch nicht als Erfolgsgeschichte. Die meisten, die ihm in Harvard, Yale oder auf seinem späteren Berufsweg in einer Unternehmensberatung begegnet seien, hätten  erfolgreiche Eltern und elitäre Schulen als Ausgangsposition gehabt und ihn das immer spüren lassen: „Ich bin da halt der Straßenköter“, bemerkte er ironisch. „Aber Sie dürfen mitspielen“, konterte die Moderatorin. „Nur im Garten“, parierte er lächelnd.
Die Abschottung der deutschen Gesellschaft klagt Daimagüler auch in seinem 2011 erschienenen Buch: „Kein schönes Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration“ an. Ihm selbst sei das inzwischen egal, aber für das Land tue es ihm leid, erklärte er.

Dass Schulen wie Salem Kindern eine bessere Ausgangsposition für beruflichen Erfolg im Leben bieten, konnte und wollte Studienleiterin Brigitte Mergenthaler-Walter nicht leugnen. Das Credo Salems sei „Plus est en vous – es steckt mehr in Euch“, erzählte sie. Doch der Leistungsbegriff auf Salem sei vor allem ein ganzheitlicher und im Sinne der reformpädagogischen Tradition der Schule jenseits von Noten und Fachwissen auf die Persönlichkeit ausgeweitet: die Schüler würden auf Salem zu Werten wie Eigenverantwortung und Engagement für die Gesellschaft erzogen. Die Frage von Moderatorin Dernbach, ob bei Jahresgebühren von über 30.000 Euro nicht erreicht werde, dass eine bestimmte gesellschaftliche Schicht unter sich bleibe, verneinte sie. Sie verwies auf den Anteil von 22,5 Prozent Stipendiaten, wobei sie auf Nachfragen aus dem Publikum nicht beantworten konnte, wie viele davon nur Teilstipendien hätten und wie viele Schüler tatsächlich aus sozial schwachen Familien kommen.

Neckel widersprach ihr: Teure Schulen wie Salem richteten sich an Besserverdienende. Daran sei nichts einzuwenden, außer dass sich bessergestellte Familien damit aus dem öffentlichen Schulsystem verabschiedeten. Dies führe dazu, dass staatliche Schulen weiter verarmten und die Ansprüche immer mehr gesenkt werden. Als Beleg führte er an, dass in Deutschland in den vergangenen Jahren die Investitionen in Bildung unter den niedrigsten im OECD-Vergleich lägen.

Wie Deutschland gerechter werden kann

Hier sah Soziologe Neckel auch den zentralen Ansatzpunkt, um die zunehmende Refeudalisierung zu stoppen: Am wichtigsten seien Investitionen in die Infrastruktur von Bildung. Schulen müssten wieder so ausgestattet werden, dass sie auch jenen Bildungserfolge und sozialen Aufstieg ermöglichten, die nicht aus privilegierten Elternhäusern kämen: „Wir hatten das doch in den 1960er- bis 1980er Jahren erreicht, dass sich der soziale Raum öffnete, Es ist nicht einzusehen, warum das heute nicht mehr möglich sein sollte.“ Notwendig sei darüber hinaus die Rückbesinnung auf ein ökonomisches Marktsystem, in dem Bildung und Leistung zu Erfolg und Aufstieg führen können. Dann kann es auch wieder gelten, das Versprechen der Chancengerechtigkeit
 

Autorin

Corina Weber

Corina Weber (M.A.) lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Sie ist Absolventin der Deutschen Journalistenschule München.

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