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Großbritannien - Sozial unbeweglich: Seit 30 Jahren hat sich auf den britischen Inseln wenig geändert

23. September 2010
Von Ralf Sotschek
Vom Tellerwäscher zum Millionär – diese Hoffnung erfüllt sich in Großbritannien noch weniger als in den USA. Die Amerikaner haben immerhin einen Präsidenten gewählt, der Sohn einer alleinerziehenden Mutter ist, die zeitweise auf Lebensmittelmarken angewiesen war. In Großbritannien haben sie dagegen im Mai 2010 mit David Cameron zum 19. Mal einen Zögling der Eliteschule Eton zum Premierminister gemacht.

Sein Stellvertreter Nick Clegg sagte: «Es ist eine Schande und eine Tragödie, dass zwei Kinder, die zur selben Zeit im selben Krankenhaus geboren werden, in ihrem Leben völlig unterschiedliche Chancen haben, die vom Einkommen ihrer Eltern abhängen.» Diese Einschätzung stammt allerdings aus dem vorigen Jahr, bevor Clegg seine Liberalen Demokraten in eine Koalition mit Camerons Tories führte. Seine Äußerung bezog sich auf einen Untersuchungsbericht zu sozialer Mobilität, der von den Liberalen in Auftrag gegeben worden war. Der Bericht enthielt 27 Empfehlungen, um «die fortdauernde Ungleichheit in der Gesellschaft» zu beenden, darunter zinsfreie Darlehen an arme Familien.

Martin Narey, Geschäftsführer der Kinderwohlfahrtsorganisation Barnardo, der die Untersuchung leitete, sagte, Bildung sei nicht «der große Gleichmacher geworden, wie viele sich erhofft haben». Die Investitionen seien vor allem der Mittelschicht zugute gekommen. Ein grundlegendes Einkommen sei aber Vorbedingung für soziale Mobilität. Die oberen zehn Prozent besitzen in Großbritannien inzwischen jedoch mindestens hundert Mal so viel wie die unteren zehn Prozent. «Diese Analyse zerstört die Vorstellung», sagte Clegg, «dass Großbritannien eine freie und faire Gesellschaft ist.»

Nach Veröffentlichung des Berichts setzte der damalige Labour-Premier Gordon Brown eine «Social Mobility Commission» ein, die im Januar dieses Jahres zu einem ähnlichen Ergebnis kam. Alan Milburn, der Chef der Kommission, stellte fest, dass mehr als die Hälfte aller beruflichen Führungskräfte mit Menschen besetzt werden, die Privatschulen besucht haben, obwohl sie nur sieben Prozent aller Schüler ausmachen. Die vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen hören sich eher hilflos an: Zunächst einmal wird die «Social Mobility Commission» beibehalten und soll alljährlich einen Bericht über eventuelle Fortschritte vorlegen. Des Weiteren soll der öffentliche Dienst sozioökonomischer Ungleichheit entgegenwirken, der Zugang zu den Universitäten erweitert und das Beratungsangebot für junge Menschen verbessert werden.

Das Problem ist seit längerem bekannt. Bereits 2007 hatte die Wohltätigkeitsorganisation Sutton Trust darauf hingewiesen, dass sich die soziale Mobilität in Großbritannien seit 30 Jahren nicht verbessert habe. Spätestens im Alter von sieben Jahren fallen begabte Kinder aus armen Familien in ihren schulischen Leistungen hinter weniger begabte Kinder aus reichen Elternhäusern zurück. 44 Prozent der reichen Kinder schaffen einen Universitätsabschluss, bei den Kindern aus armen Familien sind es gerade mal zehn Prozent. «Es ist eine Schande, dass Großbritannien immer noch am Ende der internationalen Tabelle der sozialen Mobilität steht», sagte Peter Lampl, der Vorsitzende der Organisation. «Es ist erschütternd, dass der Lebensweg junger Menschen vom Einkommen der Eltern abhängt, und dass sich daran in 30 Jahren nichts geändert hat.»

Es gibt Widerspruch gegen diese These. «Diese Schlussfolgerungen halten einer näheren Prüfung nicht stand», sagt Anthony Giddens, der frühere Direktor der London School of Economics. «Wenn man von sozialer Mobilität spricht, sollte man sich klarmachen, dass es dabei um einen langfristigen gesellschaftlichen Prozess geht. Ein Mensch muss mindestens 30 Jahre alt sein, ehe beurteilt werden kann, wie sozial mobil er ist. Wir werden also noch lange nicht wissen, welche Auswirkungen die Politik des früheren Premierministers Tony Blair auf die soziale Mobilität haben wird.» Giddens gehörte zu Blairs Beraterstab.

Doch auch Martin Narey lobt die Investitionen der Blair-Regierung in «Sure Start Children’s Centres». Das sind Einrichtungen, die Eltern und Kindern seit 1998 frühkindliche Bildung, Tagesbetreuung, Gesundheitsfürsorge und Familienhilfe aus einer Hand anbieten. Die Initiative habe sich leider noch nicht so amortisiert, wie sie eigentlich sollte, fügte Narey hinzu. Aber vielleicht kommt es eines Tages noch dazu.

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Ralf Sotscheck lebt in Dublin und ist Korrespondent der taz.
 

Böll.Thema 3/2010: Sozialer Aufstieg

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