Szenarium 2050 - Zukünfte für die Städte Europas


Babcock Ranch Wasserseite, Foto: Kitson & Partners Babcock Ranch, Quelle: Flickr Lizenz: CC BY-SA 2.0

13. April 2011
Matthias Böttger, Ludwig Engel, Stephan Carsten

Matthias Böttger, Stefan Carsten, Ludwig Engel

Alles ist unregelmäßige und ständige Bewegung, ohne Führung und ohne Ziel.
Michel de Montaigne

Fatale Gewissheiten

Wer von uns hätte zur Jahreswende 2010/2011 ernsthaft geglaubt, dass nur wenige Wochen später das Trinkwasser der größten Metropolregion der Welt nuklear verseucht sein würde? Und dass der Lebensraum von mehr als 35 Millionen Menschen möglicherweise von einem Atomkraftwerk, das 250 Kilometer entfernt ist, über viele Jahre hinaus bedroht wäre? Die Zukunft vieler Menschen, die mittel- oder unmittelbar von der Katastrophe betroffen sind, sieht in diesen Tagen anders aus. Dramatisch wurden innerhalb weniger Minuten die Lebensplanungen und Hoffnungen von Millionen Menschen verändert oder gänzlich zerschlagen.

Nichts ist so vergänglich wie die gegenwärtig antizipierte Zukunft. Eine Betrachtung zukünftiger Entwicklungen auf nur eine Möglichkeit zu reduzieren, ist nicht nur unmöglich, sondern offenbart ein grundsätzliches Missverständnis unserer gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge. Schon das Zusammenspiel weniger wichtiger Determinanten urbaner Gestaltungsoptionen zeigt die Unmöglichkeit einer linearen, eindimensionalen Zukunftsschau. Wie manifestieren sich zukünftig unsere Energiewelten (dezentral/zentral, nuklear/fossil/regenerativ), wie die Form und Ausprägung klimapolitischer Regulation (inzentiv/restriktiv, technisch/finanziell) und wie die sozial-räumlichen Arrangements (abgeschottet/integrativ) in der europäischen Stadt? Ganz gleich, ob sie von Kommunalpolitikern, Wissenschaftlern oder Wirtschaftsvertretern stammen, die Antworten werden niemals identisch sein und sind damit auch nicht Handlungsanweisungen für eine sogenannte. “bessere Welt”.

Für ein tiefes Verständnis der Zusammenhänge benötigen wir einen Möglichkeitsraum, der sich aus dem Erfahrungsraum des Vergangenen und dem Erwartungshorizont des Kommenden zusammensetzt. Nur im Zusammenspiel alternativer Möglichkeiten sind wir in der Lage zu erkennen, welche Pfade wir einzuschlagen haben. Diese alternativen Möglichkeitsräume nennen wir Szenarien. 

Warum wir „Zukünfte“ brauchen

Szenarien grenzen sich in unserem Verständnis - weit stärker als in der Alltagssprache - von sogenannten “Visionen” ab. Visionen projizieren ein gesellschaftliches Idealbild auf ein ungewisses Morgen und beanspruchen damit die Deutungshoheit über die vielen Entwicklungsmöglichkeiten, die die Zukunft für uns bereithält. Da eine Vision aber in der Regel einen Gegenentwurf zur Realität darstellt, stemmt sie sich im Grunde gegen jegliche mögliche Zukunft. Man könnte sagen: Eine Vision macht aus vielen möglichen Zukunftsformen eine unmögliche Zukunft. Auch die lineare Fortschreibung der Vergangenheit im Sinne der Prognostik hat sich als unbrauchbar erwiesen, wie in der Einleitung beschrieben. Planungen, die den Fortgang der Geschichte aufgrund ihres bisherigen Verlaufs vermeintlich exakt voraussahen, erwiesen sich im Ernstfall als zu starr und unflexibel, um mit radikalen Umfeldveränderungen umgehen zu können.

Trotzdem brauchen wir für zukunftsbezogenes Entscheiden und Handeln Visionen und Prognosen. Nicht als sich gegenseitig ausschließende ideologische Konstrukte, sondern in ihrer Gesamtheit. Im Nebel der verschiedensten Visionen und Prognosen liegt der Möglichkeitsraum unserer Zukünfte. Weniger metaphorisch heißt das: Um den Herausforderungen unserer Zeit begegnen zu können, brauchen wir multioptionale Handlungsstrategien, die auch morgen bei veränderten Umfeldbedingungen noch Gültigkeit besitzen, die sich auf die ferne Zukunft ausrichten und uns auf unvorhersehbare Ereignisse vorbereiten. Gemäß dem Leitsatz von Carveth Read “It is better to be vaguely right than exactly wrong.” gilt folglich: In unserem alltäglichen Streben nach Orientierung ist die bewusst eingenommene Perspektive der Ungewissheit zukünftiger Ereignisse hilfreicher als die fatale Fokussierung auf eine vermeintliche Zukunft. Je offener der Blick in die Zukunft ist, desto mehr Varianten zukünftiger Entwicklungen schließt er ein und desto vielfältiger sind die Gestaltungsoptionen, die wir erhalten. Wenn wir die Zukunft schon nicht wissen können, stehen wir ihrem Eintreffen dennoch nicht gänzlich machtlos gegenüber: Wir können sie schließlich gestalten.

Mögliche Formen von Zukunft

Wie entwickeln sich die europäischen Städte bis ins Jahr 2050? Was sind die most pressing challenges? Welche Strategien (auf institutioneller Ebene) und Taktiken (auf individueller Ebene) können wir heute implementieren, um die Städte Europas „zukunftsfähig“ - im Sinne von sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit - zu machen? Wie können wir heute den Weg ins Jahr 2050 gestaltend beginnen? Wie bewegen wir uns - als Gesellschaft, als Menschen und urbane Akteure - in diese Zukunft?

Eine methodische Annäherung an diese Fragen kann mit Hilfe von Szenarien erfolgen, die alternative, konsistente Bilder möglicher Zukünfte aufzeigen. In einem Szenarioprozess erschließen wir den Möglichkeitsraum einer bestimmten Fragestellung – in unserem Fall der Entwicklungsmöglichkeiten der Städte Europas. Die Szenarien zeigen nicht, wie sich die Städte bis zum Jahr 2050 entwickeln werden, sondern wie sich die Städte bis 2050 entwickelt haben könnten, um daraus Rückschlüsse auf aktuelle Gestaltungspotentiale zuzulassen.

Die Szenarien werden in ihrer radikalen Interpretation so ausgeformt, dass sie heutige Signale von Entwicklungslogik und -dynamik überspitzt abbilden. Anspruch der Szenarien ist nicht, eine mögliche zukünftige Realität abzubilden - keines der Szenarien wird in all seinen Aspekten so eintreten wie beschrieben - aber zukünftige Entwicklungen werden sich möglicherweise im Rahmen der von den Szenarien vorgegebenen Möglichkeiten abspielen. Die Szenarien regen dazu an, eigenen Hoffnungen und Ängsten für die urbane Zukunft nachzugehen und - im Sinne der Zukunftsgestaltung - darüber nachzudenken, welche Entwicklungen heute unterstützenswert und welche vermeidenswert erscheinen.

Der Umgang mit Unschärfe erfordert Mut, sich auf Neues einzulassen. Die Entwicklung von Szenarien kann dazu beitragen, einen Prozess über mögliche Zukünfte anzustoßen bzw. „anders“ fortzuführen. Das heißt in diesem speziellen Fall, nicht ausschließlich vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung Europas und als prognostische Verlängerung des Vergangenen in die Zukunft, sondern zusätzlich unter Einbeziehung des „Neuen“ in Form von Rekombination des Bekannten, des historisch Nichtableitbaren, das im Heute nur als schwaches Signal am Rand möglicher Zukunftsoptionen aufleuchtet.

In dem Szenarium, das während der Konferenz von „raumtaktik“ abgehalten wird, entstehen mögliche Zukünfte für Städte in Europa: Zusammen mit der Stiftung Neue Verantwortung und dem Architekturbüro Cityförster entwickeln Matthias Böttger, Stefan Carsten und Ludwig Engel Zukunftsbilder, die schließlich als Basis für die Ableitung der szenario-spezifischen und -übergreifenden Konsequenzen dienen. Die Konferenzteilnehmer sind aufgefordert, diesen Prozess zu begleiten, und können die Bilder als Anregung schon zum Ende der Konferenz mitnehmen und so über Europa verbreiten.

raumtaktik - office from a better future:

Matthias Böttger ist Architekt und Stadtforscher. Er war Generalkommissar “Updating Germany” auf der Architekturbiennale Venedig 2008 und lehrt „Kunst + Architektur“ an der ETH Zürich. Stefan Carsten ist Geograph und Zukunftsforscher. Er arbeitet seit 1997 in der Daimler Zukunftsforschung und ist Gastprofessor an der HBK Braunschweig. Ludwig Engel ist Kulturwissenschaftler und Zukunftsforscher. Er promoviert zum Thema „Manifestationen Urbaner Utopien im 21. Jahrhundert“. 

Gemeinsam arbeiten sie an urbanen Herausforderungen, räumlicher Aufklärung und entwickeln Optionen für eine bessere Zukunft.
» www.raumtaktik.de 

Dossier & Konferenz

Urban Future 2050

Szenarien und Lösungen für das Jahrhundert der Städte

Mit „Urban Futures 2050“ knüpfen wir an die Konferenzen „Urban Futures 2030“ (2009) und „Die große Transformation“ (2010) an. Es geht darum, die Zukunft der Städte neu zu denken und praktisches Handeln zu inspirieren. „Urban Futures 2050“ bringt Stadttheoretiker/innen und Stadtpolitiker/innen, Architekt/innen und Planer/innen zusammen, die den Übergang ins post-fossile Zeitalter gestalten wollen.