Debatte zu Wachstum: Wachsen mit der Natur

Debatte zu Wachstum: Wachsen mit der Natur

Essay

Debatte zu Wachstum: Wachsen mit der Natur

31. August 2011
Ralf Fücks
Am Wirtschaftswachstum scheiden sich die Geister. Von den einen herbeigesehnt, um das schuldenschwere Staatsschiff wieder flott zu machen, ist es in den Augen anderer eine Verirrung, von der wir uns so schnell wie möglich lösen müssen. Beinah vierzig Jahre, nachdem die „Grenzen des Wachstums“ zum Manifest der Umweltbewegung wurden, ist die Wachstumskritik zurück. Konservative Mahner wie linke Systemkritiker diskutieren über Wege aus der Wachstumsfalle. Die Überlastung der Ökosysteme, der unersättliche Energiehunger der modernen Zivilisation, die wachsende Schere zwischen Ressourcenverbrauch und begrenzten Rohstoffvorkommen geben dem Ruf nach Selbstbegrenzung neuen Auftrieb. Dazu kommen zivilisationskritische Motive: der Überdruss am Konsum als Lebenszweck, das Gefühl der Ohnmacht gegenüber den wildgewordenen Finanzmärkten und die wachsende Verunsicherung der Mittelschichten angesichts einer neuen ökonomischen Härte, die mehr Anstrengung fordert und weniger Sicherheit gibt.

Gibt nicht das wiederkehrende Krisengewitter auf den Finanzmärkten allen recht, die ein baldiges Ende des Wachstumsbooms voraussagen? In der Tat ist das schuldenfinanzierte Wachstum am Ende. Das gilt sowohl für die Ausweitung staatlicher Leistungen auf Pump wie für den kreditfinanzierten privaten Konsum, der vor allem in den USA die Konjunktur befeuert hat. Die von der Finanzkrise erzwungene Rückführung der Schulden auf ein tragbares Maß dämpft die Nachfrage in einer Situation, in der die Wachstumskräfte der alten Industrieländer ohnehin lahmen. In weiten Teilen Europas münden nachlassende ökonomische Dynamik, öffentliche Überschuldung und Bevölkerungsrückgang in einen sinkenden Lebensstandard für breite Bevölkerungsschichten. Erledigt sich also die Wachstumsfrage von selbst, wir steigen aus dem Hamsterrad des „immer mehr“ aus und entdecken die Vorzüge des beschaulichen Lebens?

So wird es wohl nicht kommen. Auch wenn Europa und, vorübergehend, die USA ökonomisch stagnieren: ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil, wir befinden uns erst am Anfang einer stürmischen Wachstumsperiode der Weltwirtschaft. Sie wird vorangetrieben von drei elementaren Faktoren: Erstens wird die Weltbevölkerung bis zur Mitte dieses Jahrhunderts von jetzt knapp sieben auf mindestens neun Milliarden Menschen wachsen. Zweitens wird sich die globale Erwerbsbevölkerung in diesem Zeitraum annähernd verdoppeln. Und drittens sind wir gerade Zeuge, wie Milliarden Menschen mit allen Kräften danach streben, an den Errungenschaften der modernen Zivilisation teilzuhaben: Wohnungen mit fließendem Wasser und elektrischer Energie, reichliche Nahrung, Kühlschränke, medizinische Versorgung, Bildung, Computer, Mobiltelefone, Mobilität. Sie plagen sich nicht mit der Frage „wie viel ist genug“, sondern arbeiten hart und investieren in die Bildung ihrer Kinder, um der Armut zu entkommen und all das zu genießen, was uns selbstverständlich geworden ist. Die Wucht dieser nachholenden Bedürfnisse von Milliarden ist ein mächtiger Wachstumstreiber über alle konjunkturellen Krisen hinweg. Morgan Stanley hat seine Prognose für 2012 gerade von 4,5 auf 3,8 % gesenkt. Schreibt man nur dieses „Krisenniveau“ fort, bedeutet das eine Verdoppelung des Welt-Sozialprodukts in weniger als 20 Jahren.

Damit ist die wahre Herausforderung umrissen: wie kann dieses enorme Wachstum von Gütern und Dienstleistungen in nachhaltige Bahnen gelenkt werden? Es ist ja wahr, dass eine Verdoppelung des heutigen Verbrauchs an Kohle und Öl, des Flächenverbrauchs, der Abfallströme und der Kohlendioxid-Emissionen in Teufels Küche führen würde. Für ein immerwährendes „mehr vom gleichen“ reicht die Tragekapazität unseres Planeten nicht aus. Der fossile Kapitalismus hat die Grenzen des Wachstums bereits überschritten. Wer das leugnet, steckt den Kopf in den Sand. Wenn aber die Antwort darauf nicht in einer massiven Schrumpfung von Produktion und Konsum liegt, muss sie in einer ganz anderen Richtung gesucht werden: in der Entkopplung von Wohlstandsproduktion und Naturverbrauch. Das ist der Kern der grünen industriellen Revolution, deren Anfänge wir gerade erleben. Zum einen geht es darum, aus weniger mehr zu machen, also den Ertrag aus jeder Tonne Öl, Kupfer, Bauxit, Erz und aus jedem Kilowatt Strom zu vervielfachen. Die Steigerung der Ressourceneffizienz entlastet die Ökosysteme und gibt uns die Zeit für die zweite große Operation: den Übergang zu erneuerbaren Energien und Werkstoffen. Solarenergie, Wind, Wellenenergie, Geothermie müssen zur Basis der künftigen Energieversorgung werden; nachwachsende Rohstoffe und biotechnologische Verfahren zur Basis der künftigen industriellen Produktion. Die Blaupause für die Ökonomie der Zukunft liegt in der Produktivität der Natur selbst: in der Umwandlung von Sonnenlicht in pflanzliche und chemische Energie, in der noch kaum erkundeten Produktivität mikrobiologischer Prozesse, in den Prozessketten organischen Lebens, das keinen Abfall kennt.

Das ist kein Plädoyer für ein hemmungsloses „weiter so“, ganz im Gegenteil: es geht um den großen Sprung in eine Co-Evolution mit der Natur. Es geht um ein Wachstum, das die natürlichen Lebensgrundlagen erhält, statt sie zu zerstören, das Biodiversität vergrößert und die Bodenfruchtbarkeit erhöht. Städte, die mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen, energieeffiziente Verkehrssysteme, abfallfreie Produktionskreisläufe, High Tech-Ökolandwirtschaft, Herstellung von Wasserstoff aus künstlicher Photosynthese, die Rückgewinnung von Wüsten – all das sind konkrete Utopien in Reichweite des Machbaren.

Um sie zu verwirklichen, sind Erfindungsgeist und Unternehmerinitiative ebenso gefordert wie eine langfristig angelegte Politik. Eine so tiefgreifende Transformation erfordert eine aktive Rolle des Staates. Forschungsförderung, die Besteuerung des Ressourcenverbrauchs, eine sukzessive Verknappung von CO-2-Emissionsrechten, Investitionen in ein attraktives öffentliches Verkehrssystem und der Aufbau eines europaweiten Verbunds erneuerbarer Energien beschleunigen ökologische Innovationen. Nicht zuletzt bedarf es der sanften Macht von Bürgern, für die Moral und Lebensgenuss zusammen gehören. Ob „Geiz ist geil“ oder fairer Handel reüssieren, hängt maßgeblich von den täglichen Entscheidungen von Kunden und Verbrauchern ab.

Wir müssen nicht zurück in eine Lebensweise, die durch Enge, Kargheit, Verbote und bittere Verteilungskämpfe geprägt ist. Eine Welt, in der neun Milliarden Menschen ein selbstbestimmtes Leben auf der Höhe ihrer soziokulturellen Bedürfnisse führen, ist möglich. Wenn Europa in Zukunft mehr sein will als ein großes Freilichtmuseum, muss es bei diesem Aufbruch in die ökologische Moderne vorangehen.

Dieser Essay erschien zunächst in Die Welt.

Cover: Wohlstand ohne Wachstum

Buch

Wohlstand ohne Wachstum: Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt

Der britische Ökonom Tim Jackson skizziert in seinem Buch die Vision einer Postwachstumsökonomie, in der die Quellen für Wohlergehen und bleibenden Wohlstand erneuert und gestärkt werden.

Böll.Thema 2/2011

Grenzen des Wachstums. Wachstum der Grenzen.

Dieses Heft erörtert die Utopie einer „ökologischen“ Moderne aus unterschiedlichen Perspektiven. Peter Sloterdijk z.B. diskutiert die Alternativen eines auf Selbstbeschränkung zielenden grünen Puritanismus und einer Erweiterung der Grenzen der Natur durch eine Verschmelzung der Biosphäre mit der Technosphäre. Weitere Beiträge beziehen sich auf die weltweite Jagd nach Rohstoffen, die Lektionen aus der atomaren Katastrophe in Japan und auf die Diskussion um Wachstumsverzicht.

Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Er publiziert in großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet zum Themenkreis Ökologie-Ökonomie, Politische Strategie, Europa und Internationale Politik.

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