Bis in die späten 1980er Jahre war Walter Mossmann einer der wichtigsten bundesdeutschen politischen Sänger, außerdem Rundfunkjournalist, Dokumentarfilmer, Buchautor, Theatermensch und als ein Frontmann der Anti-AKW-Bewegung unterwegs in halb Westeuropa. Im Frühjahr 2009 taucht er wieder auf mit einem Buch über die 60er und 70er Jahre: realistisch sein - das Unmögliche verlangen. Es handle sich um autobiografische Skizzen bzw. um «wahrheitsgetreu gefälschte Erinnerungen», sagt er.
Weser Kurier: In Ihrem Buch schreiben Sie nicht sonderlich freundlich über die heutige «RAF-Memorial-Industrie». Was ist das?
Walter Mossmann: Erst kürzlich haben die deutschen Medien auf allen Kanälen das Dreißiger-Jubiläum der RAF abgefeiert, dass es nur so gekracht und geballert hat. Das Jahr 1977 wurde eingedampft auf die Moritat von der RAF, als ob es sonst nichts gegeben hätte. Ich habe in meinem Buch einmal aufgelistet, welche anderen Ereignisse dadurch im kollektiven Gedächtnis überlagert und ausgelöscht worden sind, es ist wirklich eindrucksvoll. Das Ergebnis dieser selektiven Wahrnehmung ist eine Art Geschichtsfälschung.
Vor 1968 waren Sie einer der Liedermacher von den Waldeck-Festivals und hatten schon ziemlich früh zwei LPs mit literarischen Chansons gemacht, eher unpolitisch ...
Das würde ich nicht so sagen. Die Themen dieser Chansons waren ja nicht nur Liebe und Wein, sondern auch Wehrdienstverweigerung, Gammler versus gesundes Volksempfinden, Nazieltern, Franco-Spanien, Vietnam, Neonazis – mit «unpolitisch» würde man die Songs der 60er Jahre schlecht verstehen. Aber Agitprop war das natürlich nicht, sondern Lieder für die Bühne, kritisch, ironisch, engagiert, «Zeitgedichte» hätte Heinrich Heine dazu gesagt.
1968 sind auch Sie zur Studentenbewegung gestoßen. Sind Ihnen damals auch die Ähnlichkeiten zwischen SDS und Hitlerjugend aufgefallen? Götz Aly hat uns kürzlich darüber aufgeklärt.
Kann sein, dass sich Götz Aly 1968 in Westberlin wie ein HJ-Pimpf aufgeführt hat, aber es interessiert mich wirklich nicht, das ist sein Problem. Ich finde es überhaupt ziemlich komisch, wie sich die Zeitzeugen von damals inzwischen als über den Wolken schwebende Zeithistoriker kostümieren, die meinen, sie könnten so etwas wie objektive Geschichtsschreibung liefern. Wahrscheinlich habe ich auch gegen eine derartige Objektivität angeschrieben und meine Erzählungen als ganz und gar persönliche und subjektive deklariert. Wer darin etwas Allgemeines entdeckt, tut das auf eigene Gefahr.
Wie ich aus Ihrem Buch erfahren habe, war für Sie sowieso das Jahr 1973 noch wichtiger als 1968. Sie schreiben von einem «Neuen Denken», der ökologisch orientierten Kritik am Fetisch Wachstum, von einem Demokratisierungsschub, der in den 70er Jahren nicht Willy Brandt, sondern den damals ganz neuen Bürgerinitiativen zu verdanken sei.
1973 war ich erstmals auf dem Larzac und erstmals in Wyhl, und von da an sah ich die Bürgerinitiativen als Erben der Apo an und habe mich dort eingeklinkt. In meinen Erzählungen wollte ich mit autobiographischem Material beschreiben, wie sich dieses Neue Denken und die neue politische Praxis vom äußersten Rand nach und nach in die Mitte der Gesellschaft vorgearbeitet hat.
Was gestern marginal war, ist heute Mainstream. Ist irgendetwas aus der Anti-AKW-Bewegung eigentlich noch aktuell?
Die Atomindustrie versucht zurzeit ein Comeback. Es ist zwar wider alle Vernunft, aber ich traue ihnen jede Unvernunft zu. Die Atomstromverkäufer sind aus demselben Holz geschnitzt wie die Hypothekenhändler. Sie betreiben völlig verantwortungslos ihr Geschäft für den kurzfristigen Profit. Ich erinnere nur daran, wie lange sie die lebensnotwendige Entwicklung erneuerbarer Energie blockiert und ausgebremst haben. Wer die Hypo Real Estate verstanden hat, versteht auch die Atomindustrie.
In Ihrem Buch finde ich nicht nur sehr viele überraschende und prägnante Kalendergeschichten aus den zwei Jahrzehnten, sondern auch eine Reihe größerer und kleinerer Portraits von Personen die Sie erwähnenswert finden, Ihre Mutter («meine Mutter liebte Soraya»), der Vater («der späte Nazi»), der entlaufene Rotbrigadist Marco Pisetta, der chilenische Sänger Juan Capra, die brasilianische Emigrantin Lourdinha, die ökologischen Avantgardisten vom Kaiserstuhl und aus dem Elsass – von allen erfahre ich aus Ihrem Buch zum ersten Mal. Gut, es gibt auch Passagen über Ihre Geschichte mit Wolf Biermann und Rudi Dutschke, ansonsten erzählen Sie nur von Leuten, die niemand kennt. Warum?
Unsere Wahrnehmung der Prominenten ist geprägt vom Klischee. Da kannst du sagen, was du willst, die Leser wollen nur ihr vorgeprägtes Bild von irgendeiner Ikone in einer x-beliebigen Variante irgendwie bestätigt sehen. Aber wenn ich von Unbekannten erzähle, habe ich die Chance auf den unvoreingenommenen Blick. Außerdem, wer erzählt denn die Geschichten von Lourdinha, Marco Pisetta, Juan Capra, Werner Mildebrath – wer, wenn nicht ich?
Was meinen Sie, warum sollten die nach 1980 geborenen Ihr Buch lesen – falls sie neugierig genug sind?
Ich habe keine Zielgruppe. Ich habe die Geschichten so erzählt, dass sie mir gefallen. Aber zu Ihrer Frage fällt mir eine gewisse Analogie ein: Den Heutigen sind die 60er, 70er Jahre etwa so fern wie uns beispielsweise 1968 die 20er Jahre waren. Ich habe damals jede Menge autobiografische Erzählungen aus den 20er Jahren gelesen, weil mir die üblichen Stereotype über die Epoche zu dumm waren. Es könnte ja sein, dass es junge Leute gibt, denen die Stereotype über die 60er, 70er Jahre nicht ausreichen (Langhans, Dutschke, RAF, K-Gruppen, Müsli, lila Latzhose etc.), die könnten wahrscheinlich in meinem Buch allerlei vom Klischee abweichende Einzelheiten finden – falls sie neugierig genug sind.
Das Interview führte Grit Fonseka (Freie Mitarbeiterin Weser Kurier). Das Interview ist am 18.04.2009 in der Printausgabe des Weser Kuriers erschienen.
Mit freundlicher Genehmigung des Weser Kuriers.
Lesetermine von Walter Mossmann:
- 22.04.09 Bremen, Weserterrassen
- 27.04.09 Weisweil, Bürgersaal
- 15.05.09 Freiburg
- 27.05.09 Hamburg, Politbüro
- 28.05.09 Kassel
- 29.05.09 Lüneburg
- 30.05.09 Burg Waldeck, Hunsrück
- 18.06.09 Offenburg
- 25.06.09 Waldkirch