Simón Ramírez-Voltaire, Freie Universität Berlin
Indigene Bewegungen in der Andenregion blicken auf eine lange Geschichte bis in die Kolonialzeit zurück, in der jüngsten Zeit wurden sie aber vor allem durch die Wahlsiege von Evo Morales im Jahre 2005 in Bolivien und Lucio Gutiérrez im Jahre 2002 in Ekuador zum Thema für die Politikwissenschaft. Neben den Forderungen nach mehr „indigenen Rechten“ auf nationaler Ebene sind es – so die Hypothese in diesem Forschungsvorhaben – in erster Linie kommunalpolitische Arenen, in denen neue politische Akteure entstehen und die partizipativ-demokratischen und symbolischen Arrangements transformieren. Die damit verbundene Neuinterpretation spezifischer Interessen als indigene Angelegenheiten, die darauf aufbauenden kommunalpolitischen Repräsentations- und Partizipationsstrukturen und die Konflikte mit den nationalstaatlichen Verfahren sind in der bisherigen sozialwissenschaftlichen Forschung eine black box. Der Status der entstandenen indigenen Zivilgesellschaft – also ihre demokratische Policy-Tauglichkeit – ist aus demokratietheoretischer Sicht ungeklärt. An dieser Forschungslücke setzt diese Untersuchung an.
Ausgehend von den politisch-institutionellen Rahmenbedingungen und auf Basis des theoretischen Ansatzes von Leo Avritzer zu partizipativen Öffentlichkeiten werden indigene Politisierungsprozesse in zwei andinen Landkreisen vergleichend untersucht. Dabei nimmt die symbolische Dimension von Politik einen zentralen Stellenwert ein, um die Verschränkung von politischer Ethnizität mit kommunalpolitischen Aushandlungsprozessen zu analysieren. Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf die Frage, ob die multikulturellen politischen Formen und die Konstruktion politischer Ethnizität im Andenraum Ansätze darstellen, mit denen die Fragmentierung in kommunale und zentralstaatliche Aushandlungs- und Legitimationszusammenhänge überwunden werden kann – im Sinne einer multikulturellen Demokratie – oder ob sie dies erschweren. Um die Forschungsfragen nach dem Demokratie-Konzept indigener politischer Organisationen zu beantworten wird eine interdisziplinäre Herangehensweise gewählt, die politikwissenschaftliche und sozialanthropologische Ansätze verbindet. Damit wird das politische Subjekt Indígena in der kommunalen Arena ins Zentrum gestellt. Die empirische Untersuchung besteht aus einer Politikstilanalyse, die mit der teilnehmenden Beobachtung kommunalpolitisch-zivilgesellschaftlicher Gremien sowie problemzentrierten Interviews verbunden wird.