Katrin Simon, Freie Universität Berlin
In der Arbeit werden Strategien der Selbstverortung amerikanischer Muslime sowohl innerhalb der US-muslimischen Community als auch innerhalb der nichtmuslimischen amerikanischen Mehrheitsgesellschaft untersucht, wobei die identitätskonstituierende Faktoren wie Rasse/Ethnizität, Klasse, Gender, Alter im Zentrum des Forschungsinteresses stehen.
Diese Arbeit möchte die gesellschaftspolitische Selbstverortung von Muslimen in den USA analysieren, indem sie anhand dreier exemplarischer Themenfelder die dazu in der muslimischen Community stattfindenden Diskurse nachzeichnet. Damit soll die Frage geklärt werden, ob es ungeachtet deren inneren Heterogenität dennoch dominierende Meinungen zu bestimmten Themen gibt, die auf die Community als Ganze prägend wirken, so dass der Islam in seiner Funktion als normative Kraft und Referenzrahmen zumindest in Teilbereichen als gesellschaftspolitisches Integrationsmoment wirkt. Gegenstand der Untersuchung sind hierbei die Protagonisten, die die Diskurse der amerikanischen Muslime gestalten, die Foren, auf denen dies geschieht, sowie die aus den Diskursen resultierenden Standpunkte.
In den USA leben je nach Schätzung sechs bis acht Millionen Muslime. Da verwundert es nicht, dass politische Debatten, die in einem religiösen Kontext stets auch theologische Debatten sind, lebhaft geführt werden. Im Fokus des Forschungsinteresses stehen in dieser Arbeit Protagonisten mit mindestens nationaler Reichweite. Neben einer Auswahl an nationalen Organisationen und Verbänden sowie den zahlreichen an den Diskursen beteiligten muslimischen WissenschaftlerInnen in den USA sollen auch neuere und im Hinblick auf ihren Einfluss auf die muslimische Jugend zunehmend wichtige Protagonisten wie charismatische religiöse Führer und Stars aus der islamischen Musikszene berücksichtigt werden. Besondere Beachtung wird ferner die Genderdimension erhalten, da sowohl feministische als auch homo- und transsexuelle muslimische Bewegungen in den USA im Vergleich zu anderen Ländern vergleichsweise offensiv auftreten.
Als "Wedge Issues" werden im amerikanischen Kontext kontroverse, populistisch verwertbareThemen wie Homosexualität oder Einwanderung bezeichnet, die soziale und politische Gruppen dazu benutzen, die Öffentlichkeit und konkurrierende Gruppen in mehrere Lager zu "spalten" (to wedge) und gleichzeitig die eigene, meist selbst diverse Anhängerschaft auf eine gemeinsame Agenda zu verpflichten. Ausgehend von der Annahme, dass amerikanische ‚Wedge Issues‘ für muslimische Amerikaner eine ebenso große Bedeutung hinsichtlich ihrer gesellschaftspolitischen Selbstverortung haben wie für die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft – und genau dies legen Umfragen unter amerikanischen Muslimen nahe (MAPS 2001, 2004) –, soll in dieser Arbeit der Fokus beispielhaft auf drei Debatten gelegt werden, die die amerikanische Öffentlichkeit seit vielen Jahren auf der Ebene politischer und religiöser Institutionen sowie in den Medien führt: Neben den für Muslime wichtigen Themen der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik sowie der Debatte um die moralischen Werte soll als dritte Debatte die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit analysiert werden, die gerade für afroamerikanische Muslime, zunehmend aber auch für Latino-Muslime und muslimische Feministinnen ein Dreh- und Angelpunkt ihres islamischen Selbstverständnisses darstellt.