3 Fragen an Aleksandër Trajçe zur albanischen Küste und zur Zukunft der europäischen Biodiversität

interview

Die Tourismuspläne für die Narta-Lagune und das Vjosa-Delta sorgen international für Aufmerksamkeit. Im Gespräch erläutert PPNEA-Direktor Aleksandër Trajçe die Konflikte um Naturschutz, Beteiligung und die Zukunft der Küstenentwicklung Albaniens.

Grafik mit Porträt von Aleksandër Trajçe. Text: „3 Fragen zu Albaniens Küste und Europas Zukunft der Biodiversität“. Heinrich-Böll-Stiftung.

Das Interview mit Aleksandër Trajçe führte Tea Zeqaj, Büro der Heinrich-Böll-Stiftung, Tirana.

Die internationale Aufmerksamkeit richtet sich derzeit auf die Pläne für groß angelegte Tourismusprojekte in und um die Narta-Lagune und das Vjosa-Delta im Süden Albaniens. Was als lokaler Widerstand gegen Bauarbeiten begann, hat sich zu einer breiteren öffentlichen Debatte über Biodiversitätsschutz, Regierungsführung, Bürgerbeteiligung und die Zukunft der Küstenentwicklung in Albanien entwickelt. Obwohl diese Ökosysteme außerhalb der Europäischen Union liegen, sind sie Teil eines der wichtigsten Biodiversitätskorridore Europas entlang der Adriatischen Zugroute (Adriatic Flyway) und werden zunehmend als entscheidend für die Biodiversitäts- und Renaturierungsziele des Kontinents anerkannt. Wir sprachen mit Aleksandër Trajçe, dem Geschäftsführer von PPNEA, Albaniens führender Umweltorganisation.

1. Worum geht es? 

PPNEA hat die Zerstörungen in der geschützten Landschaft Pishë Poro–Nartë als die schwerwiegendsten bezeichnet, die jemals in einem albanischen Schutzgebiet dokumentiert wurden. Die Regierung hingegen stellt das Projekt als legitime Investition dar, die die wirtschaftliche Entwicklung fördern werde. Was geschieht tatsächlich vor Ort?

Die für die geschützte Landschaft Pishë Poro–Nartë geplanten Entwicklungen sind in ihrem Ausmaß beispiellos. Fast 500 Hektar natürliche Küstenlandschaft werden für tourismusbezogene städtebauliche Entwicklung umgewandelt – in einem der letzten weitgehend intakten Delta-Ökosysteme des Mittelmeerraums.

Dieses Gebiet ist Teil des Vjosa-Delta und beherbergt Lebensräume von außergewöhnlicher ökologischer Bedeutung – nicht nur für Albanien, sondern für ganz Europa. Entlang der Adriatischen Zugroute gelegen, dient es als wichtiger Rast-, Überwinterungs- und Brutplatz für Zugvogelarten, die zwischen Afrika und Europa wandern. Seine Küstendünen gelten nach der EU-Habitatrichtlinie als prioritäre Lebensräume. Zudem bietet das Gebiet Nistplätze für die gefährdete Unechte Karettschildkröte (Loggerhead Turtle) und beherbergt mehr als 220 Vogelarten, darunter international bedeutende Populationen von Flamingos und Pelikanen.

Die Debatte betrifft daher nicht nur die Entwicklungsentscheidungen Albaniens. Sie betrifft auch den Schutz von Ökosystemen, die direkt zu den Biodiversitätszielen Europas und zu den umfassenderen Bemühungen um die Wiederherstellung der Natur auf dem gesamten Kontinent beitragen.

Besonders umstritten ist der Fall deshalb, weil der rechtliche Rahmen für Schutzgebiete kurz vor der Ankündigung dieser Projekte geändert wurde. Dadurch wurden Entwicklungsmaßnahmen erlaubt, die zuvor verboten waren. Albanien hat sich inzwischen im Rahmen seines EU-Beitrittsprozesses verpflichtet, diese Bestimmungen erneut zu überprüfen. Dennoch schreiten die Bauarbeiten voran, bevor die angekündigten Reformen umgesetzt wurden.

2. Wie wurde aus einem lokalen Protest eine nationale Bewegung?

Innerhalb weniger Wochen entwickelte sich aus einem lokalen Umweltkonflikt eine der größten Bürgerbewegungen, die Albanien in den letzten Jahren erlebt hat. Warum?

Die Geschwindigkeit, mit der die Bewegung wuchs, spiegelt Sorgen wider, die weit über ein einzelnes Projekt hinausgehen.
Seit Jahren beobachten viele Albaner einen zunehmenden Druck auf Schutzgebiete und Küstenlandschaften. Fälle wie das Flughafenprojekt in Vlora, Entwicklungen mit Auswirkungen auf den Butrint National Park sowie Belastungen im Gebiet Buna–Velipoja haben bereits öffentliche Debatten ausgelöst. Viele Bürger empfanden die Ereignisse in der geschützten Landschaft Pishë Poro–Nartë jedoch als Wendepunkt – aufgrund des Ausmaßes und der Geschwindigkeit der Eingriffe.

Als die Bauarbeiten begannen, hatten viele Menschen das Gefühl, dass Entscheidungen über ein Schutzgebiet von nationaler Bedeutung ohne ausreichende Transparenz, Konsultation oder Bürgerbeteiligung getroffen wurden. Die öffentliche Besorgnis nahm weiter zu, als Bilder von zerstörten Dünen und Bauarbeiten in sozialen Medien weit verbreitet wurden.

Was folgte, war nicht einfach ein Umweltprotest. Die Bewegung wurde zu einem breiteren Ausdruck der Sorge um Regierungsführung, Rechenschaftspflicht und die Zukunft des natürlichen Erbes Albaniens. Der Flamingo entwickelte sich dabei zu einem starken Symbol, weil er für ein Ökosystem steht, das viele Albaner zunehmend als Teil ihrer kollektiven Identität und ihres gemeinsamen öffentlichen Reichtums betrachten. Gleichzeitig sind diese Feuchtgebiete Teil eines größeren ökologischen Netzwerks, von dem Zugvogelarten in ganz Europa abhängig sind. Die Proteste zeigen, dass die Bürger zunehmend hinterfragen, welches Entwicklungsmodell Albanien verfolgen sollte und wem dieses letztlich zugutekommt. Sie verdeutlichen auch ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass der Schutz der albanischen Biodiversität zugleich den Schutz eines Teils des gemeinsamen europäischen Naturerbes bedeutet.

3. Was muss die Europäische Union jetzt tun? 

Die Europäische Kommission hat erklärt, die Entwicklungen genau zu beobachten, während die Verhandlungen im Rahmen von Kapitel 27 (Umwelt und Klimawandel) fortgesetzt werden. Welche Rolle sollte die EU spielen?

Dieses Thema geht über ein einzelnes Investitionsprojekt hinaus. Es betrifft die Glaubwürdigkeit der Umweltpolitik, die Integrität des EU-Beitrittsprozesses und Europas Engagement für den Schutz der Biodiversität. Wenn einige der wertvollsten Feuchtgebiete und Küstenökosysteme des Kontinents während der Beitrittsverhandlungen geopfert werden können, wirft dies grundlegende Fragen über die Konsequenz der europäischen Umweltambitionen auf.

Albanien hat sich verpflichtet, seine nationale Gesetzgebung und Praxis an die europäischen Umweltstandards anzupassen. Schutzgebiete, Biodiversitätsschutz und Bürgerbeteiligung sind zentrale Bestandteile dieses Prozesses. Die Bürger erwarten, dass sich diese Verpflichtungen nicht nur in Gesetzen widerspiegeln, sondern auch in konkreten Entscheidungen vor Ort.
Die Europäische Union spielt daher eine wichtige Rolle dabei, sicherzustellen, dass die Beitrittskriterien in allen Kandidatenländern konsequent angewendet werden. Umweltverpflichtungen, die während der Beitrittsverhandlungen eingegangen werden, müssen auch praktisch umgesetzt werden. Werden europäische Standards nur selektiv angewandt, droht das Vertrauen der Öffentlichkeit sowohl in die Umweltpolitik als auch in den Beitrittsprozess Schaden zu nehmen.

Letztlich geht diese Debatte nicht nur um die geschützte Landschaft Pishë Poro–Nartë. Sie betrifft die Frage, ob Europas Verpflichtungen zum Schutz der Biodiversität über seine derzeitigen Grenzen hinausreichen und ob die EU-Erweiterung zu einem Instrument für den Schutz einiger der wertvollsten natürlichen Ökosysteme des Kontinents werden kann. Die Zukunft der Narta-Region und des Vjosa-Deltas wird daher nicht nur in Albanien aufmerksam verfolgt werden, sondern von allen, denen Europas ökologische Zukunft am Herzen liegt.

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