Fairer Handel als brasilianisch-deutsche zivilgesellschaftliche Kooperation für nachhaltige Entwicklung

Lokale Potentiale und Lösungsansätze in Amazonien im Kontext globaler „soft-law“-Konzepte

11. Februar 2008
Von Luuk Zonneveld, Transfair Deutschland


Von Luuk Zonneveld
für Transfair Deutschland

Zum Dossier: Klima und Wandel in Amazonien

1. Fairer Handel in Brasilien

  •  20 zertifizierte Organisationen von kleinen Produzenten: zehn Organisationen die Kaffee produzieren, drei tropische Früchte, fünf Obst für Saftkonzentrate und zwei sogenannte Amazonien-Nüsse
  • Außerdem Produzenten von Soja, Matetee, Hängematten und weitere Handwerksprodukte, die an die fairen Handelshäuser gepa, el puente und andere liefern
  • Drei der Produzentenorganisationen befinden sich im Amazonien-Gebiet. Sie sammeln und verarbeiten Amazonien-Nüsse, Matetee, Trockenfrüchte, ätherische Öle und Handwerksprodukte. Ihre Export-Umsätze sind gering.
  • 12 zertifizierte brasilianische Handelsorganisationen: Verarbeiter und Exporteure.
  • Siegelorganisation in Aufbau: erste Produkte mit dem internationalen Fairtrade–Siegel  in den Supermärkten in Rio de Janeiro und Sao Paolo.
  • Forum des Fairen Handels in Brasilien: vereint vor allem NRO, die den fairen Handel in Brasilien mit landeseigenen Standards entwickeln wollen.
  • Zertifizierte Produzenten-Organisationen haben sich mit Unterstützung der globalen Organisation für den gesiegelten Fairen Handel FLO zur nationalen „Coordinadora de Comercio Justo“ zusammengeschlossen. Sie ist das brasilianische Mitglied der CLAC, dem Verein der (>500) zertifizierten Fair-Handels-Produzenten in Lateinamerika.
  • Gezielte Unterstützung des Fairen Handels, insbesondere der Produzenten-Organisationen, durch die GTZ, DED und in geringem Maße auch durch der Heinrich-Böll-Stiftung
  • Gewisses staatliches Interesse am Fairen Handel, vor allem vom Ministerium für „Familiäre Landwirtschaft“

2. Fairer Handel mit Brasilien in Deutschland

  • Mehrere Handelsunternehmen, die auf den Fairen Handel spezialisiert sind, haben intensive Kontakte zu den Produzenten-Organisationen in Brasilien und importieren Fairtrade-Produkte: acht größere (u.a. gepa mbH, el puente mbH, dwp eG) und etwa 20 kleinere Vereine und Organisationen
  • Verkauf der Produkte in über 480 Weltläden, mehrere Dutzend Fairhandels-Gruppen verbunden mit Kirchen und Aktionsgruppen, und über 27.000 Supermärkten und Lebensmittelabteilungen von Warenhäusern.
  • Transfair, mit Sitz in Köln, ist die Organisation, die das internationale Siegel des Fairen Handels an Unternehmen und Handel vergibt. Grundlage sind die Fairtrade Standards, die vom weltweiten Dachverband „Fairtrade Labelling Organizations International“ FLO e.V. entwickelt werden, und die Zertifizierung und das Auditing, welche von FLO-Cert GmbH durchgeführt werden. Sowohl FLO e.V. wie FLO-Cert haben ihren Hauptsitz in Bonn.
  • Unterstützungskampagnen wie „Fair feels Good“: 2003 bis 2005, koordiniert von der Verbraucherinitiative e.V., „Fairer Kaffee in die Kirchen“ 2005 bis 2007, koordiniert von Brot für die Welt und dem Evangelischen Entwicklungsdienst oder Großverbraucheraktionen in Universitätsmensen, durchgeführt von Transfair.
  • Die Fairen Wochen im September: eine breite Palette von über 1000 Aktionen und Veranstaltungen zum Fairen Handel, die jedes Jahr in der zweiten Septemberhälfte in Kooperation mit dem Forum Fairer Handel durchgeführt werden
  • Forum Fairer Handel: Plattform der Organisationen in Deutschland, die auf dem Fairen Handel spezialisiert sind
  • Deutsche Konsumenten kauften 2007 für etwa 150 Millionen Euro Produkte mit dem Fairtrade-Siegel, im Jahr  2006 waren es noch 110 Millionen €. Davon waren ca. 65% auch bio-zertifiziert, Tendenz steigend. Wie viele Produkte aus Brasilien kommen, ist leider nicht zu ermitteln. Fair gehandelter Organgensaft ist allerdings das wichtigste Produkt aus Brasilien im Fairen Handel.

3. Stand der brasilianisch-deutschen Fairer Handel

  • Viele Aktionsgruppen, Kirchengruppen und Weltläden verknüpfen ihren Produktverkauf mit Aufklärungs- und Bildungsarbeit zur Lage der Produzentinnen und Produzenten, zur Situation und Perspektive in den Produzentenländern, zu Unternehmen und Entwicklung, zu Fairem Handel, Klima- und Umweltproblematik und zu den ungerechten Bedingungen des internationalen Handels. Manche von ihnen sind auf Brasilien spezialisiert.
  • Mehrmals im Jahr kommen brasilianische Produzentinnen und Produzenten nach Deutschland, um an Bildungs- und Vermarktungskampagnen teilzunehmen, manchmal auch zur eigenen Schulung.
  • Zurzeit erreicht der Faire Handel mehrere Millionen Menschen in Deutschland – in Umfragen sagen über 35% der Deutschen, selten, gelegentlich oder regelmäßig Fair Trade Produkte zu kaufen. Jedoch liegt die Vermutung nahe, dass die wenigsten mehr als oberflächlich über die Umwelt- und Lebensbedingungen in Brasilien und anderen Produzentenländern oder über die Bedingungen des internationalen Handels informiert sind. Hier gäbe es bildungspolitische Möglichkeiten

4. Ausbau der brasilianisch-deutschen Kooperation

Überlegungen zu einem möglichen „Bündnis“, wie in der Ankündigung der Konferenz formuliert, erscheinen unrealistisch, weil:

  • die übergroße Mehrheit der Produzenten in Brasilien und der Konsumenten in Deutschland, die im Fairen Handel aktiv sind, sich nicht kennen und meistens nicht einmal wissen, dass sie als Produzent bzw. als Konsument über den Fairen Handel etwas miteinander zu tun haben
  • auch wenn sie theoretisch gemeinsame globale Interessen haben – z.B. nachhaltige Entwicklung, Erhalt des Amazon-Waldes usw., ist es ihnen praktisch unmöglich, diese gemeinsam zu artikulieren. Außerdem haben sie praktische, reale Interessen die nicht gemeinsam sind und manchmal sogar zumindest indirekt entgegengesetzt: z.B. ein westlicher Lebensstil, der nicht nachhaltig ist und wenn dieser in größeren Umfang von Brasilianerinnen und Brasilianern übernommen würde, die globalen Umweltprobleme noch zunehmen würden.
  • Bündnis = Zusammenschluss, Pakt; dies ist aus schon aus rein praktischen Gründen kaum möglich.

Es erscheint konzeptionell und politisch sinnvoller von Kooperation zu sprechen, d.h. von Aktivitäten in Deutschland und in Brasilien, die aufeinander abgestimmt sind, die praktische Ziele verfolgen, die einander verstärken und die politischen Synergien zum Erreichen des gemeinsamen Ziels einer nachhaltigen Entwicklung ermöglichen.

Der fairen Handel kann eine solche Kooperation zwischen den Zivilgesellschaften in Brasilien und Deutschland voran bringen, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind, wie:

  • dass die betroffenen zivil-gesellschaftlichen Organisationen tatsächlich von den Erst-Betroffenen gesteuert oder maßgeblich beeinflusst werden können, statt von „Interessenvertretern“ aus der Bewegung. In Deutschland ist dies einigermaßen dadurch gewährleistet, dass alle Fairen Handelsorganisationen von einer Vielzahl zivilgesellschaftlicher Organisationen getragen werden (NRO, Kirchen, lokale Gruppen, Gruppen die Weltläden betreiben usw.). In Brasilien ist dies problematischer, weil die Produzenten meist isoliert voneinander in abgelegenen Gebieten leben, und wenig Zeit und Geld haben für ihre Interessenvertretung. So ist das brasilianische Forum Fairer Handel v.a. eine NRO-Angelegenheit, dessen Koordinator ein Niederländer ist.
  • Der wirtschaftliche Erfolg der Kooperation soll zu jeder Zeit prioritär sein, d.h. die Produzenten in Brasilien müssen ausreichend Produkte zu fairen Handelskonditionen verkaufen können, damit sie nachhaltig ihren Lebensunterhalt finanzieren können. Die Konsumentinnen und Konsumenten in Deutschland müssen ausreichend brasilianische Fairen Handels-Produkte von guter Qualität kaufen können, um den zusätzlichen Aufwand (weil die FH-Produkte nicht überall angeboten werden und öfters etwas teuerer sind) zu rechtfertigen.
  • Ausreichende externe Finanzierung der Organisationen auf beiden Seiten des Atlantiks für bewusstseinsbildende und politische Aktivitäten muss vorhanden sein, weil nicht erwartet werden darf, dass sie diese Aktivitäten aus eigenen Mitteln oder aus dem Handelsgewinn finanzieren.

Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, können gemeinsame Ziele erarbeitet und konkrete Aktivitäten, die sich an fair gehandelten Produkten orientieren, entwickelt werden.

Zu denken wäre z.B. an:

  • Kampagnen, die den Erhalt des Amazonienwaldes mit dem Kauf von Fairtrade-Produkten aus nachhaltiger Fortwirtschaft aus dem Amazoniengebiet verknüpfen.
  • Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung von Fairtrade-Produzenten (existierende und neue) im Amazonienwald durch BMZ, GTZ und DED zusammen mit TransFair und FLO
  • durchgängige öffentliche Beschaffung (public procurement) von bio-Fairtrade-Produkten, insbesondere Produkten aus dem Amazoniengebiet.

 

Köln, im Februar 2008