Ein kleiner Rückblick

Ein kleiner Rückblick

Urheber/in: Manuela Schneider. All rights reserved.


Ein kleiner Rückblick


René Böll, Sohn von Heinrich Böll, sprach zur Eröffnung des neuen Stiftungshauses.
Foto: Manuela Schneider

 

29. September 2008
René Böll, Sohn von Heinrich Böll

Sehr verehrter Herr Bundespräsident
liebe Barbara Unmüßig, lieber Ralf Fücks,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung
sehr verehrte Gäste,

es war ein weiter, oft schwieriger Weg von den ersten Vorgesprächen zur Gründung der Heinrich-Böll-Stiftung vor nunmehr über 20 Jahren bis zur Einweihung dieses großartigen Gebäudes, dass die Stiftung nun beherbergen wird und in dem ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weiterhin eine so erfolgreiche Arbeit wie in den letzten Jahren, nun schon Jahrzehnten wünsche.

Die ersten Gespräche fanden zwischen Lukas Beckmann, den ich hier herzlich begrüße, meiner Mutter und mir statt. Lukas wies uns auf die uns bevorstehenden Auseinandersetzungen hin, die nicht nur die Initiative zur Gründung der Heinrich-Böll-Stiftung hervorrufen würde, auch auf die Angriffe, denen wir ausgesetzt wären. Meine Mutter antworte darauf: „Wissen Sie, dass kennen wir und sind wir gewohnt die Stadt Köln hat 5 Jahre gebraucht, um zu diskutieren, ob mein Mann die Ehrenbürgerschaft bekommen soll.“ Initiative bedeutete einen  Zusammenschluss Unabhängiger unter denen auch einige Grüne waren.
Es war ein weiter Weg über erste Vorarbeiten in meinem damaligen Verlagsbüro 1986/87 und in der grünen Bundestagsfraktion, über ein erstes wenige qm großes Büro in Bonn, größere Büros in Bonn und Köln, schließlich den Zusammenschluss der damals bestehenden drei grünennahen Stiftungen und den Umzug nach Berlin vor nunmehr mehr als 10 Jahren. Von der Entwicklung zu einer Stiftung mit nunmehr fast 190 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern alleine in Berlin, den 16 assoziierten Landesstiftungen und den weit über 20 Auslandsvertretungen und einem Jahresetat von über 40 Millionen Euro konnte man vor über 20 Jahren nicht einmal träumen. Die Stiftung war zu Beginn eher grünenfern, dann grünennah, heute heißt sie „grüne Stiftung“. Diese Entwicklung sehen wir nicht unkritisch, es gilt zu beobachten, ob die vereinbarte Unabhängigkeit zur Partei weiterhin besteht, verändert hat sie sich auf jeden Fall seit der Gründung vor über 20 Jahren.

Es war ein weiter Weg hierhin mit vielen, oft in scharfer Form geführten Auseinandersetzungen, ob der Name eines Schriftstellers, noch dazu eines Mannes für eine grünennahe Stiftung überhaupt in Frage käme und geeignet sei.

Auch wir, die Familie Heinrich Bölls, stellten uns diese Frage, die keineswegs leicht zu beantworten war und ist. War dies in Einklang zu bringen mit dem was ich bei meinem Vater immer sehr bewundert habe, dass er sich seine Meinung vollkommen unabhängig bildete, sich von keiner Gruppe, keinem Lagerdenken, keiner  politischen Seite und keiner Partei abhängig machte und – und dies glaubwürdig – im selben Atemzug für die Rechte eines Solschenizyn und für die Rechte der beim Putsch von Allende 1973 in Chile Inhaftierten und Gefolterten einsetzen konnte ? Es gab für ihn kein Lagerdenken, sein Eintreten für Menschenrechte war unteilbar, keineswegs selbstverständlich zu Zeiten des Kalten Krieges. Er war nicht, wie so viele, auf einem Auge blind.

Auch dies ist erstaunlich und erfreulich: Zu Lebzeiten wurde Heinrich Böll von vielen Politikern bis hin zu amtierenden Bundespräsidenten und Bundeskanzlern  diffamiert und angriffen, heute gibt es diese Stiftung mit seinem Namen  und der amtierende Bundespräsident Dr. Horst Köhler feiert mit uns die Einweihung des neuen Domizils.
 
Meine Mutter schrieb 1987 zur Gründung der Stiftung: „ Eine Stiftung, die den Namen meines Mannes trägt, sollte ein Sammelpunkt, ein Stützpunkt, ein Ort der Ermutigung und Unterstützung für Gruppen und Einzelpersonen sein, die versuchen, eine menschlichere, friedlichere und gerechtere Welt zu bauen – die versuchen fortzusetzen, was er als Einzelner oder zusammen mit Schriftstellerkollegen mit seinen begrenzten Möglichkeiten, aber mit Einsatz aller Kraft zu leisten versucht hat.“
Ich glaube, dass die Arbeit der Stiftung diesem Wunsch meiner Mutter entspricht, nicht nur in Deutschland, vielleicht noch mehr in den vielen Schwellen - und Entwicklungsländern, in denen sie tätig ist und dort eine wichtige Rolle spielt. Es fehlt leider hier die Zeit, auf einzelne Projekte einzugehen, deren sind es zu viele. Im Spiegel las ich Anfang der 90er Jahre von einem Projekt in Afrika. Es ging um die Förderung autochthoner Wirtschaftsstrukturen, einer Art Tauschhandel, der ja in keiner Statistik auftauscht. Ich sagte, solche Projekte sollten wir fördern, warum wir dies nicht täten. Der Vertreter des Fachbeirats Süd-Nord sagte mir. Aber René, das ist doch unser Projekt. Das hast Du selber mit beschlossen. So schnell kann man den Überblick verlieren.

1990 gründeten wir das erste Auslandsbüro in Prag, am geschichtsträchtigen 21. August. Am 21. August 1968 war ich mit meinen Eltern in Prag gewesen und hatte den Einmarsch der Truppen einiger Staaten des Warschauer Paktes miterlebt.
 Es erfüllt uns  auch mit Stolz, dass diese Arbeit mit dem Namen Heinrich Böll verbunden wird und  wir sind dankbar , dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung ihrerseits dazu beitragen, das Werk meines Vaters und das Andenken an ihn weltweit zu fördern. Ich konnte dies nicht nur bei einem leider nur sehr kurzen Besuch in Pakistan und Indien feststellen. Leider konnte ich einige andere Einladungen aus Gesundheitsgründen nicht wahrnehmen, hoffe aber, dies nachzuholen.
Für mich persönlich ist die Arbeit der Auslandsbüros von besonderer Bedeutung,  – ohne die Arbeit des Inlandsbereichs damit gering zu schätzen. In den Schwellen- und Entwicklungsländern zu arbeiten erfordert eine besondere Sensibilität, sich einerseits „einzumischen“, politisch tätig zu werden und dadurch Veränderungen zu bewirken, andererseits andere Kulturen zu achten und nicht zu glauben, unsere Art zu leben sei die allein seligmachende und die allein mögliche.

Unser besonderer Dank gilt der Unterstützung der Stiftung bei den über 10-jährigen Arbeiten für die „Kölner Ausgabe“ der Werke Heinrich Bölls, von der in diesem Jahr bereits der 21. Band erschienen ist.  Ich möchte hier die Arbeit von Jochen Schubert besonders erwähnen, ohne den diese Ausgabe nicht zustande gekommen wäre.

Viele Projekte der Stiftung sind zu wenig bekannt geworden, so taucht – jedenfalls meines Wissens nach – der Name Heinrich-Böll-Stiftung nicht im Zusammenhang mit der Entschädigung hunderttausender Zwangsarbeiter des Nazi-Regimes auf, zu dieser Entschädigung wurde ganz wesentlich durch die Arbeit der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“ beigetragen, die von der Stiftung maßgeblich über Jahre unterstützt wurde.

Die Stiftung sollte auch Menschen eine Chance geben, an führender Stelle mitzuarbeiten, die formal gesehen keine so gute Ausbildung haben, sich aber vielleicht gerade deswegen durch andere Qualitäten auszeichnen. Ich habe einmal bei einer Vorstandssitzung als es darum ging, dass unabdingbare Voraussetzung für eine leitende Stelle ein abgeschlossenes Universitätsstudium sei  – und nicht nur im Scherz - gesagt Heinrich Böll hätte nicht in der Stiftung arbeiten können , ihm hätte die formale Qualifikation dafür gefehlt.

Auch das Studienwerk ist für mich eine besonders wichtige Einrichtung gibt es doch Hunderten von Studenten die Möglichkeit sich weiterzubilden. Wünschenswert wäre es, wenn mehr ausseruniversitäre Ausbildungsmöglichkeiten gefördert werden könnten. Ich weiß, dem stehen die Bestimmungen der Ministerien entgegen, aber Bestimmungen können ja auch geändert oder auch einmal umgangen werden.

© René Böll / Alle Rechte vorbehalten

 
 


 

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben