Über die Ausstellung „Eingebrannte Bilder“ von Ernst Volland

Über die Ausstellung „Eingebrannte Bilder“ von Ernst Volland

Einführung

Über die Ausstellung „Eingebrannte Bilder“ von Ernst Volland

Ausstellung „Eingebrannte Bilder“ von Ernst Volland, Berlin, 29. Mai bis 2. Juli 2009

Zum Verhältnis von kollektivem Gedächtnis, Erinnerungskultur und Politik

Von Marianne Zepp
Eingebrannte Bilder, so nennt Ernst Volland seine Verfremdungen von Fotografien, die als Ikonen ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind. Was können wir anhand dieser Bilder ihrer Wirkmächtigkeit und  über unsere Erinnerungskultur lernen?

Bilder sind Verdichtungen, so die Ausgangsthese von Aleida Assmann. Den affektiven Impuls, den Bilder hervorrufen, wird verstetigt: durch eine leicht wieder erkennbare Bildinszenierung und durch Wiederholungen. Diese Inszenierungen, seien es Ausstellungen, Sammelbände, Retrospektiven, Alltagsmedien, kanonisieren und ikonisieren das Bild. Die Wirkmächtigkeit der Bilder schöpft  sich aus ihrer allgemeinen Verständlichkeit und ihrem Wiedererkennungseffekt.  Seine Deutungen hängen von den jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten ab.

Welche Funktion haben diese ikonografischen Bilder, warum erschafft sich eine Gesellschaft einen eigenen Bilderhaushalt und was lernen wir über diese Gesellschaft daraus? 

Die Bundesrepublik in ihren ersten drei Jahrzehnten verfügte über eine eher unscharfe Bilderlandschaft, so die These von Habbo Knoch. Die  unheroische Bürgerlichkeit  der deutschen Nachkriegsgesellschaft identifizierte sich nur eingeschränkt mit Schlüsselbildern, während die DDR über keine öffentliche Bildersprache jenseits der ideologisch gesetzten verfügte. Erst die Grenzöffnung hat eine neue Phase eingeleitet. Beispiele wie Brandts Kniefall in Warschau oder der Berliner Mauerfall sind über die Generationen hinweg zu Tableaus der Identifikation geworden, weil sie über soziale und kulturelle Grenzen hinweg eine mnemische Energie freisetzen, die immer wieder neu mit unterschiedlichen Affekten besetzt werden kann.

Am Beispiel vom Fall der Berliner Mauer wird die Ambivalenz deutlich: Das Kollektiv, das sich im Augenblick des Durchbruchs (im wörtlichen Sinne) selbst schuf, war flüchtig, es waren zugleich Bilder des Abschieds, des Endes einer Epoche. Mit dem Begriff der „instant history“ verweist Sunil Manghani (engl. Beitrag) auf die sofort einsetzende politische Vereinnahmung dieser Bilder. Das Revolutionären des Augenblicks, der zivile Enthusiasmus und das Gefühl der Solidarität  sind  in den Konflikten der Vereinigung untergegangen.

Die beiden Autoren Robert Hariman und John Louis Lucaites (engl. Beitrag) leiten daraus ihr Argument ab, dass ikonografische Bilder symbolisch Widersprüche und Spannungen im politischen Raum symbolisch überbrücken können. Sie konstituieren durch ihre spezifische Sprache eine öffentliche Kultur, die für eine Demokratie unerlässlich ist. Die bewegten Bilder der über und durch die Mauer vorwärts drängenden Menschen wurde zum ästhetischen Ausdruck demokratischer Selbstermächtigung.

Seit der Jahrtausendwende entfaltet sich ein globaler Bilderhaushalt – 9/11 und Abu Ghraib sind die bekanntesten Beispiele. Seither sind auch Bilder im nationalen Rahmen durchsetzt mit universellen Deutungen, je nach ihren kulturellen Kontexten mit unterschiedlichen Affekten besetzt.

Die in der Ausstellung gezeigten Bilder sind eine künstlerische Auseinandersetzung mit unserem Sehen und unserem Gedächtnishaushalt.

Wir erinnern uns und zugleich nehmen wir teil an dem, was das kollektive Gedächtnis genannt wird und was mit unseren politischen Werten und Normen in einem Wechselverhältnis steht. Das Ende der analogen Photographie hat zu einer Bilderflut geführt. Die neuen technischen Möglichkeiten erzeugen allerdings nicht Globalität oder damit verbunden Anonymität, sondern eine gesteigerte Form von Intimität, von Gruppenbildung und von virtueller Lokalität. Wie diese neue Art visueller Zugänglichkeit von Welt unser Sehen und unsere öffentlichen Wahrnehmungshaushalt verändern werden, werden wir, nun ja, sehen.

Dr. Marianne Zepp ist Referentin für Zeitgeschichte und Demokratie in der Heinrich-Böll-Stiftung

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