Erklärung der ANC Youth League zum 100-jährigen Bestehen des African National Congress

Die Jugendliga des ANC hat zum 100-jährigen Jubiläum eine eigene Erklärung verabschiedet. Darin erinnert sie daran, dass es die ANCYL war, die in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Befreiungsbewegung radikalisiert und zu einer Massenbewegung gemacht habe. Nun aber müsse noch die ökonomische Freiheit erreicht werden. -> Aktuelle Artikel, Publikationen und andere Veröffentlichungen über und aus Afrika.

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Die Jugendliga des ANC, (ANC Youth League, ANCYL) hat zum 100-jährigen Jubiläum eine eigene Erklärung verabschiedet. Darin erinnert sie daran, dass es die ANCYL war, die in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Befreiungsbewegung radikalisiert und zu einer Massenbewegung gemacht habe. Die damaligen Führer, unter ihnen Nelson Mandela und Oliver Tambo, hätten ihr Ziel „Freiheit zu unseren Lebzeiten“ schließlich 1994 erreicht.

Perspectives Afrika: In dieser englischsprachigen Publikationsreihe wollen wir Fachleuten aus Afrika eine Plattform bieten, ihre Ansicht zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen ihrer Regionen zu veröffentlichen. Perspectives Africa legt dabei den Fokus auf Standorte im Süden, Osten und Westen des Kontinentes an denen die Heinrich-Böll-Stiftung mit Regionalbüros vertreten ist.

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Nun aber müsse noch die ökonomische Freiheit erreicht werden, die ANCYL sieht darin ihre zentrale Aufgabe. Sie  beruft sich dabei auf die „Freiheitscharta“, die am 26. Juni 1955  auf einer Versammlung des „Congress of Democrats“ angenommen worden war, zu dem neben dem ANC auch die damals  mit ihm verbündeten Organisationen des  South African Indian Congress, des  South African Congress of Democrats and des  Coloured People's Congress gehörten. Hier die Erklärung in Auszügen:

20. So, wie die Generation Nelson Mandelas  den Kampf um die Erlangung der politischen Freiheit für die Mehrheit unseres Volkes angeführt hat, so haben wir es uns zur Aufgabe und zum erklärten Arbeitsschwerpunkt gemacht, die ökonomische Freiheit in Südafrika zu verwirklichen. Ökonomische Freiheit sollte erreicht werden durch die Umsetzung und zeitgemäße Ausgestaltung der in der Freiheitscharta  enthaltenen Forderung, die Bodenschätze, Banken und Monopolindustrien des Landes in den Besitz des ganzen Volkes zu überführen.

21. Die Generation Nelson Mandelas in der Jugendliga des ANC hat den Lauf der Geschichte verändert und alles in ihrer Macht Stehende dafür getan, dass die Sache des Kampfes weder verraten noch um irgendeiner Sache unter dem Himmel willen aufs Spiel gesetzt wird.  Die Gründergeneration hat ihr Leben der Sache der Freiheit gewidmet und war bereit, ihr Leben zu opfern, damit wir alle in Freiheit leben können. Ihr Schlachtruf lautete »Freiheit zu unseren Lebzeiten«, getragen von der Entschlossenheit, die Freiheit zu erlangen oder zu sterben. Unser Schlachtruf, der Schlachtruf dieser Generation der Jugend, lautet »Ökonomische Freiheit zu unseren Lebzeiten«. Wie Nelson Mandela werden wir alles in unserer Macht Stehende tun, um das Ziel der »Ökonomischen Freiheit zu unseren Lebzeiten« zu verwirklichen.

29. Auch die heutige Generation der ANC Youth League nimmt im African National Congress eine wichtige Stellung ein. Über die Wahrnehmung ihrer Aufgabe hinaus, die Jugend hinter die Visionen des ANC zu scharen und deren Interessen zu vertreten, hat diese Generation die ANCYL politisch und organisatorisch neu positioniert, um genau die Rolle zu spielen, die die Jugendliga zu Zeiten von Nelson Mandela, Walter Sisulu, Oliver Tambo und Anton Lembede hatte. Die Jugendliga ist politisch und ideologisch gefestigt, engagiert und militant und spricht konsequent kritische Fragen in Bezug auf die sozioökonomische Transformation an. Was die ökonomische und die gesellschaftliche Transformation, Bildung, sozialen Zusammenhalt sowie das sich im Aufbau befindliche nichtrassistische Südafrika und die damit verbundenen Herausforderungen betrifft, führt die ANC Youth League  die Debatte bei nahezu allen die südafrikanische Volkswirtschaft betreffenden ideologischen und politischen Schlüsselfragen an.

30. Das politische Programm der ANC Youth League im einhundertsten Jahr des ANC und für die Zeit danach lässt sich zusammenfassen als Verwirklichung der »Ökonomischen Freiheit zu unseren Lebzeiten«  – und das bedeutet ganz einfach, dass alle in der Freiheitscharta enthaltenen wirtschaftlichen Programmpunkte zu unseren Lebzeiten mit praktischer Bedeutung erfüllt und umgesetzt werden sollten.  Die Forderung, das ganze Volk am Reichtum des Landes teilhaben zu lassen, darf kein bloßer Weckruf bleiben, sie muss in konkrete Programme umgesetzt werden, die auch die Nationalisierung der Bergwerke, der Banken und der Monopolunternehmen einschließen. Entsprechende Perspektiven werden derzeit entwickelt.

34. Wegen der besonderen Stellung, die die Freiheitscharta in der politischen Entwicklung Südafrikas einnimmt, kann ihre Vitalität innerhalb der Kongressbewegung gar nicht überbetont werden.  Die Freiheitscharta ist das Lebensblut der Kongressbewegung, und wer den Versuch unternimmt, sie als strategische Vision abzulösen, riskiert damit, die Allianz in eine kurzsichtige Veranstaltung zu verwandeln.  Sollte die Freiheitscharta ersetzt   – oder auch nur versucht werden, eine liberalere Auslegung durchzusetzen – würde sich das stark auf den ideologischen Charakter der Kongressbewegung  auswirken.

36. Die Bedeutung und Zentralität der Freiheitscharta für die nationale Befreiungsbewegung  darf weder in Frage gestellt noch aus den Augen verloren werden, gleich aus welchen Gründen.  Dem Abschnitt der Freiheitscharta zur ökonomischen Transformation vorangestellt ist der Aufruf »Das Volk soll am Reichtum des Landes teilhaben«. Diese Forderung wird in den folgenden Absätzen weiter ausgeführt, wo es ganz unmissverständlich heißt:

»Der nationale Reichtum unseres Landes, das Erbe alle Südafrikaner, soll dem Volk zurückgegeben werden. Die Bodenschätze, die Banken und die Monopolindustrie sollen in den Besitz des ganzen Volkes übergehen. Alle anderen Industrie- und Handelsunternehmen sollen im Interesse des Gemeinwohls kontrolliert werden. Alle Menschen sollen das gleiche Recht, Handel zu treiben, wo sie es wünschen, einem Gewerbe nachzugehen und jedes Handwerk und jeden Beruf frei zu ergreifen.«

39.  Im Kern besagt dies folgendes: In der von der Freiheitscharta entworfenen Gesellschaft beruht der Staat auf dem Willen der Menschen und kann somit zu Recht für sich in Anspruch nehmen, den Besitz und die Kontrolle über die strategischen Sektoren der Wirtschaft auszuüben und seinen Bürgern die Freiheit einzuräumen, in anderen Sektoren einem Gewerbe oder einem Beruf nachzugehen. Der Staat sollte die Bergwerke, die Banken und die Monopolunternehmen nationalisieren und das industrielle und produzierende Unternehmertum fördern, das Arbeitsplätze für die Mehrheit der Menschen erschaffen wird.  Weil der Staat die strategischen Sektoren der Wirtschaft  kontrolliert, liegt es auch in seiner Verantwortung, den industriellen und produzierenden Unternehmern leichteren Zugang zu Rohstoffen ermöglichen, finanzielle Unterstützung für die industrielle Entwicklung zu leisten und neben anderen Dienstleistungen für effiziente und robuste Verkehrs-, Kommunikations- und Energieinfrastruktursysteme zu sorgen – und bei alledem die Herrschaft des Gesetzes durchzusetzen und zu schützen.41. Diese Generation verpflichtet sich, alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, um das Ziel der ökonomischen Freiheit für alle zu ihren Lebzeiten zu verwirklichen. Dass der ANC nun seit einhundert Jahren besteht, sollte uns nur noch bestärken in unserer Entschlossenheit und unserem Fokus, alle in der Freiheitscharta festgeschriebenen Ziele zu erreichen.   Herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag, ANC. Die Zukunft leuchtet hell, weil der ANC uns im Kampf für ökonomische Freiheit zu unseren Lebzeiten anführen wird. Amandla! [Xhosa und Zulu für »Macht«]

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