Afghanistans verschenktes Potential

Afghanistans verschenktes Potential

2010 sorgten Meldungen über gewaltige Rohstoffvorkommen in Afghanistan für weltweite Aufmerksamkeit. Zuerst hatte Präsident Hamid Karzai von „der guten Nachricht“ gesprochen, dass „unsere Mineralienvorräte 1000 Milliarden Dollar wert sind“, dann bestätigte die „New York Times“, dass Studien des Geologischen Dienstes der USA zu diesem Resultat gekommen seien. Experten wiesen zwar darauf hin, dass diese Studien sich veralteter sowjetischer Karten bedient hätten und dass Afghanistans Rohstoffvorkommen auch schon lange bekannt seien. Aber die Hoffnung war geweckt, dass die natürlichen Ressourcen dem Land einen Weg aus 30 Jahren Krieg und der damit einhergehenden wirtschaftlichen Krise ebnen könnten.

Drei Jahre später zog ein Fachgespräch der Heinrich-Böll-Stiftung, mit dem Titel "Afghanistan's Transition in the Making? - Natural Resources, Conflict and Development", nun eine kritische Bilanz. Welche Rolle können die natürlichen Ressourcen spielen, wenn Afghanistan ab 2014 stärker selbst Verantwortung übernimmt und mit einem reduzierten internationalen Engagement wirtschaften muss? Ist deren Nutzung in einem Land mit großen Sicherheitsproblemen überhaupt machbar? Sind die politischen Voraussetzungen gegeben, damit Ressourcen nicht zum Spielball von Konflikten werden? Wie kann eine demokratische Beteiligung der Zivilbevölkerung gewährleistet werden?

Renard Sexton, ein Experte für internationale Beziehungen, Konflikte und Rohstoffe, hat 2012 sieben Monate in Afghanistan geforscht. Bei Ressourcen dürfe man nicht nur an Eisen und Kupfer oder fossile Brennstoffe denken, sondern auch an Land, Wasser und Holz, die die ökonomische Basis für das Leben der Bevölkerung bilden. Konfliktpotential gebe es traditionell bei Acker- und Weideland, neuerdings sei Grund und Boden aber auch in den extrem wachsenden Städten begehrt. Afghanistan sei ein vergleichsweise wasserreiches Land, doch nur etwa die Hälfte der Bevölkerung habe Zugang zu sauberem Trinkwasser. Insgesamt verschenke das Land sein Potenzial, den Wasserreichtum als Wirtschaftsfaktor zu nutzen – ein Aspekt, der von Khwaga Kakar, Beraterin des afghanischen Außenministers in Entwicklungsfragen, in einem zweiten Beitrag vertieft wurde.

Renard Sexton führte mit Blick auf Mineralien weiter aus, dass Halbedelsteine wie Lapislazuli oder Erze wie Chromit mit handwerklichen Methoden gewonnen werden, während die Kupfervorkommen in Aynak und das Eisenerz in Hajigak hingegen durch große ausländische Investoren aus China bzw. aus Indien und Kanada abgebaut werden sollen. Längst sei jedoch klar, dass die Erwartungen in Aynak viel zu optimistisch waren und die chinesischen Investoren über ihre anfänglichen Zusagen, dort eine Eisenbahnstrecke und ein Kraftwerk zu bauen, neu verhandeln wollen. Auch die von der afghanischen Bevölkerung erhofften Arbeitsmöglichkeiten sind wieder in weite Ferne gerückt.

Rohstoffe als Konfliktpotential

Streben nach Gewinnmaximierung und politischer Macht durch die Kontrolle natürlicher Ressourcen, aber auch die Konkurrenz um knappe Ressourcen sind drei der Haupttriebkräfte von Konflikten.

Kämpfe um das nur gering zur Verfügung stehende Weideland zwischen nomadischer und siedelnder Bevölkerung oder die Nutzung lokaler Wasserressourcen zählen zu den Hauptkonfliktfaktoren im ländlichen Afghanistan. Während lokale Geschäftsleute, Warlords und Regierungsmitarbeiter um den äußerst ertragreichen Schmuggel von Zedernholz aus der Provinz Kunar nach Pakistan konkurrieren, werden gleichzeitig die Einkünfte aus der Nutzung extraktiver Rohstoffe, die von internationalen Unternehmen an Regierungen fließen, in erheblichem Umfang privat abgeschöpft. Darüber hinaus tragen Uneinigkeiten über die Nutzung der Wasservorkommen, die aus den Bergen Afghanistans in die Nachbarländer fließen, zu Konflikten auf regionaler Ebene bei. So kommt beispielsweise ein indisches Staudammprojekt am Fluss Hari-Rud in der Provinz Herat nicht voran, da sich die Nachbarländer Afghanistan und Iran nicht auf ein nachhaltiges Wassernutzungssystem einigen können, das für beide Länder Vorteile bringen könnte.

Derartige Konflikte führten dazu, dass es keine ausreichende Sicherheit für Investitionen gebe und sich somit die Erwartungen der Nato-Staaten, Afghanistans Wirtschaft über seine natürlichen Ressourcen auf eigene Füße zu stellen, nicht erfüllen können. Renard Sexton schloss mit konkreten Empfehlungen für Akteure im Umgang mit Ressourcen:

  • man muss sich bewusst sein, dass ein internationales Engagement in einem fremden Land stets auch unerwartete Folgen hat.
  • bei Projekten müssen von Anfang an technisches Knowhow und Kenntnis der politischen Gegebenheiten eng verzahnt sein.
  • Projekte müssen mit klarer Analyse ihres langfristigen ökonomischen Nutzens für die Bevölkerung geplant werden.
  • Projekte dürfen nicht von außen zu sabotieren sein.
  • gerade im Rahmen der Verwaltung von Wasserressourcen müsse man lokales Wissen nutzen.

Vor allem aber sei es wichtig, Investitionen in Initiativen mit großem öffentlichen Nutzen zu planen: Niemand kann einen Bewässerungskanal oder einen sauberen Fluss außer Landes schaffen, und selbst der Schmuggel von Nahrungsmitteln ist wenig lukrativ. Daher sei es sinnvoll, in die Wasserversorgung, in Wasserkraft, in Infrastruktur sowie in die Produktivität der Landwirtschaft zu investieren. Zudem sollten Einkünfte aus Ressourcen im Bergbausektor möglichst so eingesetzt werden, dass gesetzmäßiges Verhalten belohnt wird.

Korruption bleibt großes Hindernis

Die afghanische Wasser-Expertin Khwaga Kakar hat die Bedeutung von Wasser bei der Armutsreduzierung und Entwicklung untersucht und eine nicht ausreichende Versorgung mit Trinkwasser in Afghanistan festgestellt. Den offiziellen Statistiken zufolge habe es zwar in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte bei der Versorgung gegeben, aber die Qualität des Trinkwassers werde zu wenig untersucht. Verschmutzungen des Wassers tragen mutmaßlich zur weiterhin hohen Kindersterblichkeit bei.

Die Bewässerung wurde über Jahrzehnte auf lokaler Ebene durch traditionelle und auf Konsens basierende Systeme organisiert, die auch in Kriegszeiten noch funktionierten, aber von der internationalen Gemeinschaft nicht ausreichend genutzt bzw. aufrechterhalten wurden. In drei von vier Flussbecken habe ihr Team schlechtes Wassermanagement vorgefunden. So kann aufgrund unzureichender Speicherbecken für Niederschläge in niederschlagsarmen Sommermonaten zu wenig Agrarland bewässert werden, was zu geringeren landwirtschaftlichen Erträgen führt und den Bedarf der afghanischen Bevölkerung nicht deckt.

Immer wieder leide das Land unter einem Wechsel aus Überschwemmungen und Trockenperioden. Bei der Dürre von 2008 sei die Getreideproduktion von bewässertem Boden etwa auf die Hälfte gefallen, die von unbewässertem Land gar auf ein Fünftel. Dort hätten Familien 70 Prozent ihres Viehs verloren. Die ärmsten Bevölkerungsschichten in ländlichen Gegenden seien unter solchen Bedingungen in ihrer Existenz bedroht und gezwungen, in die Städte zu wandern. Afghanistan brauche daher dringend mehr Investitionen in die Bewässerung und Abkommen mit den Nachbarstaaten über das Management der grenzüberschreitenden Flusssysteme.

Streitpunkt Bergbaugesetz

Javed Noorani, der dritte Referent des Fachgesprächs der Heinrich-Böll-Stiftung und als Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisation Integrity Watch Afghanistan (www.iwaweb.org) für die Untersuchungen des Bergbaus zuständig, ergänzte das Bild um zwei weitere bedeutende Aspekte.

Der „handwerkliche“ Bergbau gilt längst als sehr profitabler Teil einer Schattenwirtschaft in der derzeit 1400 Unternehmen oder Individuen aus einflussreichen Familien wertvolle Mineralien ohne Lizenz förderten und außer Landes schmuggelten. Umweltstandards würden dabei ebenso missachtet wie Sicherheitsanforderungen in den Bergwerken oder das Verbot von Kinderarbeit. Noorani wies dabei auf den neuen Entwurf eines Bergbaugesetzes hin, der von kommerziellen Interessen einiger Politiker und ihrer Geschäftspartner geprägt sei und im Verlauf ständiger Überarbeitungen inzwischen eine Verschlechterung der seit 2010 bestehenden Rechtslage darstelle. Der Entwurf enthält beispielsweise weder eine zivilgesellschaftliche Beteiligung bei Erschließungsentscheidungen, noch eine Forderung nach finanzieller Transparenz der Investoren. Bei den verpflichtenden vorbereitenden Studien zur Sozial- und Umweltverträglichkeit werden beispielsweise die Auswirkungen des extrem hohen Wasserverbrauchs, etwa beim Kupferabbau in Aynak, auf die umliegenden Gemeinden und letztlich auf die naheliegende Stadt Kabul nicht mehr untersucht. Javed Noorani vertritt daher die Einschätzung, dass es besser sei, „die Bodenschätze in der Erde zu lassen als sie zu fördern“. Integrity Watch habe seine Bedenken in Gesprächen mit der Regierung und den Parlamentariern deutlich gemacht. Jedoch würden etliche Abgeordnete versuchen, eigene wirtschaftliche Interessen im Bergbausektor durchzusetzen.

In der abschließenden Debatte der Expert/innenrunde wurde u.a. die Frage aufgeworfen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Ressourcen Afghanistans habe. Renard Sextons Einschätzung dazu war, dass eine steigende Erderwärmung zu einer geringeren Schneedecke im Hindukusch führe und die Ebenen somit in den Sommermonaten weniger Wasser zur Verfügung hätten. Khwaga Kakar ergänzte, dass von der Regierung etwa 30 Staudämme geplant seien, deren Finanzvolumen in Höhe von 10 Milliarden Dollar jedoch nicht gesichert sei. Sie verwies aber auch auf die Notwendigkeit, Projekte in kleinerem Maßstab zu planen und zu realisieren, sofern es die Sicherheitslage zulasse.

Diese bisher nicht getätigten Investitionen haben dazu geführt, dass Afghanistan sein Potenzial als Nahrungsmittelproduzent und Energielieferant für seine Nachbarn nicht ausschöpfe. Manche Bauvorhaben, wie das in Kooperation mit Pakistan am Kunar-Fluss geplante Bewässerungsprojekt, könnten laut Kakar darüber hinaus auch zur regionalen Sicherheit beitragen und somit einen unmittelbaren politischen Nutzen beinhalten.

 

Dokumentation des Fachgesprächs: "Afghanistan’s Transition in the Making? - Natural Resources, Conflict and Development" vom 28. Oktober 2013.

 

Mit:

Renard Sexton, Internationaler Experte für Ressourcen und Internationale Zusammenarbeit, New York University, USA

Interview zum Download (pdf, englisch)
 

 

Jawed Noorani, Soziologe und Experte im Bergbausektor und wissenschaftlicher Koordinator von Integrity Watch Afghanistan, Kabul
 

 

Khwaga Kakar, Beraterin des afghanischen Außenministeriums, Kabul
 

Interview zum Download (pdf, englisch)
 

 

Verwandte Inhalte

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben