I can’t eat GDP! Was ist dran am wirtschaftlichen Aufstieg Afrikas?

I can’t eat GDP! Was ist dran am wirtschaftlichen Aufstieg Afrikas?

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freundinnen und Freunde!

 

Ich freue mich, Sie alle im Namen der Heinrich-Böll-Stiftung zum heutigen Internationalen Forum „I can’t eat GDP! Was ist dran am wirtschaftlichen Aufstieg Afrikas?“ begrüßen zu dürfen. A very special welcome goes to our international guests! It’s a great pleasure to have you here!

Wenn Afrika als „Kontinent der Zukunft“ (Minister Gerd Müller, BMZ) oder – wie vom Bundesverband der Deutschen Industrie – als „Chancenkontinent“ bezeichnet wird, dann sind es vor allem ihre Perspektiven und Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Ideen, die uns zu diesen Aussagen nicht nur heute interessieren.

Wir sehen das heutige Forum oder unsere jüngste Ausgabe von Perspectives „Africa on the Rise“ natürlich nicht als einmalige Aktivitäten. Wir werden uns als Stiftung kontinuierlich mit unseren Partnerinnen und Partnern, mit unseren Regionalbüros in Nairobi, Abuja und Kapstadt in die Diskussion um die afrikanischen Entwicklungswege auseinandersetzen und einmischen.

Der Aufstieg Afrikas ist in aller Munde und insbesondere die rohstoffexportierenden afrikanischen Länder weisen beachtliche Wachstumsraten von über sechs Prozent auf. Es bewegt sich etwas auf dem Kontinent. Afrika sei sogar „ein Wachstumspol der angeschlagenen Weltwirtschaft“ – so eine OECD Studie vom letzten Jahr. Die Commerzbank sieht gar eine „Renaissance in Subsahara Afrika“ – fragt sich nur, auf was sie sich dabei beziehen. Und in Anlehnung an die asiatischen Tigerstaaten wird auch noch das Bild vom „Löwen auf dem Sprung“ bemüht.

Solch optimistische Einschätzungen zur wirtschaftlichen Zukunft Afrikas verdrängen zwar langsam aber sicher den jahrelang dominanten pessimistischen Blick – auch „Afropessimismus“ genannt. Das ist gut so, weil er in seiner Pauschalität so eh nicht gestimmt hat. Der Enthusiasmus bezieht sich vor allem auf den Ressourcenreichtum Afrikas. „Africa's agricultural, mining and energy resources could boost the continent's economic growth and pave the way for a breakthrough in human development”, so der African Economic Outlook 2013.

Ressourcen und damit neue Investitionsmärkte – das elektrisiert nicht nur deutsche und europäische Firmen, sondern auch die Emerging Economies wie China, Indien, Brasilien oder die Türkei, die ihre Direktinvestitionen in Afrika ausweiten wollen. Doch wem werden sie nutzen? Gibt es Strategien zur Diversifizierung der Wirtschaft, oder sind die Investitionen ausschließlich auf den mehr oder weniger unverarbeiteten Export der agrarischen und mineralischen Rohstoffe ausgerichtet? Wie viel Wertschöpfung bleibt im Land und vor allem wem kommt sie zugute?

Es sind Binsenweisheiten, dass Wachstum alleine nicht reicht und dass ein steigendes GDP absolut nichts über die Verteilungsgerechtigkeit in einem Land, geschweige denn über die ökologischen Folgekosten des Ressourcenabbaus, aussagt. Deshalb wollen wir mit diesem Forum eine differenzierte Analyse und eine kritische Sicht auf die sozialen und ökologischen Folgen des afrikanischen Wirtschaftswachstums richten. Das ist oft kompliziert und unbequem, aber für die Menschen Afrikas, die nach besseren Lebensperspektiven suchen, erfolgsversprechender, als simple Tierbilder wie das vom springenden Löwen zu bemühen.

Zwar hat sich infolge des Wirtschaftswachstums in einigen afrikanischen Ländern eine kleine Mittelschicht herausgebildet. Vom Wirtschaftsboom profitieren jedoch hauptsächlich die mächtigen Eliten. Von einem spürbaren Rückgang der Armut kann nicht die Rede sein. Die Einkommensungleichheit nimmt eher zu als ab – so ein gemeinsamer Bericht der OECD, der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB), des UN Entwicklungsprogramms (UNDP) und der Afrikanischen Wirtschaftskommission (ECA). Eine Halbierung des Anteils der in extremer Armut lebenden Menschen – das erste der Millenniumsentwicklungsziele – wird bezogen auf die Länder südlich der Sahara nicht erreicht werden.

Auch wenn immer mehr Investitionen nach Afrika fließen, konzentriert sich das wirtschaftliche Engagement der Industrie- und Schwellenländer zumeist auf einige ressourcenreiche und rohstoffexportierende Länder. Hier werden a) altbekannte (koloniale) Muster der Exportorientierung von Primärprodukten praktiziert. Die Verarbeitung findet woanders statt. Und b) wer profitiert von den Exporterlösen? Wie werden sie versteuert, um damit auch allgemeinwohlorientierte Maßnahmen wie Bildung, Gesundheit, Wohnraum zu finanzieren?

Und schließlich geht es um die ökologische Perspektive, die bisher keinen Platz im Aufstiegs-Diskurs und der Rohstoff- und Wachstumseuphorie hat. Katastrophale Umweltschäden (Wasser, Böden, Biodiversität) durch die Ausbeutung der Rohstoffe werden ebenso wie die Folgen des Klimawandels in den statistischen Prognosen ausgeblendet.

Welch Zukunftsvergessenheit! Wie fahrlässig und wie folgenschwer vor allem und wieder für die armen Bevölkerungsschichten, die die Konsequenzen durch Vertreibung, durch Gesundheitsschäden mit voller Wucht treffen. Es ist letztlich unfassbar, wie im Lichte massiver Einkommensunterschiede und des gerade in Afrika real existierenden Klimawandels die Wachstumseuphorie so sozial und ökologisch blind geführt wird.

Es gehört zum Kern unserer politischen Überzeugungen, dass Ökonomie nicht ohne soziale und ökologische Perspektiven gedacht wird. Wir werden alles dafür tun, damit diese sozialen, demokratischen und ökologischen Dimensionen des „Africa on the Rise“ zusammengedacht werden und ihnen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird – öffentlich und bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger/innen.

Das tun wir gemeinsam mit einer Vielzahl von Partner/innen, die eine ökologische, armutsreduzierende und demokratische Politik einfordern.

Keineswegs geht es darum, die bemerkenswerte Entwicklung auf dem Nachbarkontinent kleinzureden, sondern darum, die sozialen und ökologischen Herausforderungen gleichrangig zu adressieren und vereinfachende Sichtweisen zu hinterfragen. Ich bin mir sicher, dass wir mit Kumi Naidoo, dem Chef von Greenpeace International, einen großartigen Verbündeten haben und freue mich, dass er gleich zu uns sprechen wird.

Ich wünsche uns allen einen spannenden Austausch und fruchtbare Diskussionen.

Es ist mir nun ein besonderes Vergnügen, Kumi Naidoo zu begrüßen. Er ist seit 2009 Geschäftsführer von Greenpeace International. Kumi Naidoo the floor is yours!
 

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