Afghanistan: Fortschritt - Erfolg - Scheitern

Afghanistan: Fortschritt - Erfolg - Scheitern

Ein afghanischer Junge beäugt einen britischen Marinesoldaten in der Helmand Provinz, 2009 — Bildnachweise

Vorbemerkung: Afghanistan entwickelt sich zu einem Thema, das in Vergessenheit gerät und zum Ärgernis wird. Ich bin seit 2003 in Afghanistan – und es ist für mich dadurch schwierig geworden, die Ereignisse nüchtern und sachlich Revue passieren zu lassen. Dennoch: Wir sollten uns darauf besinnen, wie alles begann,[1] und warum sich viele Hoffnungen, die man 2001 mit der militärischen Intervention verband, nicht erfüllt haben. Das afghanische Volk verdient es nicht, an den Rand gedrückt zu werden, nachdem man auf zweifelhafte Art versucht hat, ihm einen Staat zu schaffen noch bevor die Gesellschaft die Zeit hatte, sich zu erholen und den Weg in eine selbstbestimmte Zukunft zu finden.

Bis Ende 2014 werden die Kampftruppen der ISAF aus Afghanistan abziehen. Die Hälfte der schweren Ausrüstung der deutschen Truppen wurde bereits in die Heimat verschifft, die verbliebenen Einheiten bereiten sich auf den Abzug vor. Die Intervention in Afghanistan, die 2001 im Rahmen des Kriegs gegen den Terrorismus mit der Operation Enduring Freedom (OEF) begann, ist zum längsten Krieg in der Geschichte der USA geworden und hat länger gedauert als Erster und Zweiter Weltkrieg zusammengerechnet. In Deutschland sah man in dem Einsatz lange Zeit keinen Krieg – offiziell wurde diese Terminologie erst 2010 verwendet –, obgleich gut informierte Teile der Öffentlichkeit und manche Fachleute die „Mission für die Stabilisierung“ schon frühzeitig als „Krieg“  bezeichneten.[2] Die überwältigende Mehrheit der Abgeordneten im Bundestag hatte kein Problem damit, das Mandat der deutschen Truppen zu verlängern, und das obwohl die Mehrheit der Bevölkerung den Einsatz zunehmend ablehnte. Seit Präsident Obama im Jahr 2010 verkündete, der Einsatz werden Ende 2014 auslaufen, wurde die „Übergangszeit“ dazu genutzt, sich auf ein Afghanistan ohne den mächtigen Schutz ausländischer Truppen vorzubereiten. Der Zeitraum bis 2024 soll ein Jahrzehnt des Wandels werden, eine Zeit in der im großen Rahmen Entwicklungspolitik unter afghanischer Regie stattfinden soll. So zumindest die Grundvorstellung, vereinbart auf den Konferenzen in Bonn (2011) und Tokio (2012), und unter diesen Bedingungen sollen weiter ausländische Mittel nach Afghanistan fließen, um das Land zu stabilisieren. Man kann also durchaus sagen, dass wir in Afghanistan die letzten Züge einer Schachpartie sehen.[3] Zu Recht stellt sich da die Frage: Was hat die Intervention alles in allem gebracht – war sie ein Erfolg oder ist sie gescheitert?

Afghanistan ist heute ein Land, das über 30 Jahre Gewalt und Krieg durchgemacht hat. In dieser Zeit kam es zu zahlreichen Vertreibungen.[4] Viele Rückkehrer sind zu Binnenflüchtlingen geworden und leben nicht in ihren ehemaligen Dörfern oder Regionen. Viele Menschen in dieser vom Krieg zerrissenen Nation wissen nicht, was „Frieden“ im Allgemeinen oder was er für sie bedeutet; viele sind traumatisiert, sind Opfer von Gewalt und Missbrauch. Andere haben es durch die Intervention zu Wohlstand gebracht und Ansehen gewonnen. Alle aber haben die Folgen der Intervention zu spüren bekommen, und alle werden die Folgen der „Periode des Wandels“ erfahren.

Durch die Intervention hat sich die Gesellschaft Afghanistans grundlegend und unumkehrbar gewandelt – und eben nicht nur die Form oder die Zuständigkeiten von Staat und Regierung. Man kann hier durchaus von einer „Interventionsgesellschaft“ sprechen.[5] Bevor wir aber versuchen, das Ergebnis der westlichen Intervention ab 2001 zu bewerten, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass es nicht der erste internationale Einmarsch in das Land war, denn von 1978 bis 1988 war Afghanistan sowjetisch besetzt und schon seit spätestens den frühen 1970er Jahren mischten sich die Supermächte des Kalten Krieges hier erheblich ein. Der Sturz des Taliban-Regimes durch die Nordallianz 2001, der mit Unterstützung des Westens aber ohne ausländische Truppen erfolgte, war entsprechend nur ein Zwischenspiel. Erst durch die Ereignisse des 11. September wurde all dies neu interpretiert und Afghanistan zum Ziel im Krieg gegen den Terrorismus, da die Taliban für einige Zeit Osama bin Laden Schutz gewährt hatten. Die Operation Enduring Freedom (OEF) hatte ein deutlich anderes Ziel als die International Security Assistance Force (ISAF),  deren Einsatz 2003 begann.

Es war dies die sogenannte „Goldene Stunde“[6], das heißt, der Zeitraum nach einem Waffenstillstand in dem die Zivilgesellschaft wiederersteht und sich zahlreiche Möglichkeiten eröffnen, einen Staat neu aufzubauen – unter relativ friedlichen Bedingungen, mit Menschen guten Willens und einer deutlichen Zunahme von Freiheiten. In Afghanistan dauerte diese Goldene Stunde bis 2005, als die Taliban erneut angriffen, die Erwartungen sanken und man ernüchtert feststellen musste, dass der Weg hin zu Demokratie, Wohlstand und guter Regierungsführung noch sehr lang ist. Ich halte diese Goldene Stunde für eine tragische Zeit, eine vergebene Möglichkeit, in der man es versäumte oder daran scheiterte, einen Staat erfolgreich neu aufzubauen. Als dann unter Präsident Obama General McChrystal[7] die Aufstandsbekämpfung (COIN) leitete, war es schon fast zu spät, die Fehler der Vergangenheit wieder auszubügeln, aber immerhin stellte sein Ansatz die Bevölkerung in (und nicht nur die Eliten) ins Zentrum der Operationen, wodurch sich Möglichkeiten ergaben, die man zuvor verschenkt hatte. Die Militätoperationen seiner Nachfolger standen und stehen bereits im Zeichen des Abzugs 2014 und können nur als Provisorien gelten. Im Jahr 2012 schlossen die USA und Deutschland bilaterale Abkommen über die zukünftige Zusammenarbeit.[8]

Ein entscheidender Punkt für jeden zukünftigen Wandel ist jedoch ein Truppenabkommen mit den USA, in welchem geregelt wird, wie und wo in Zukunft mehrere tausend Soldaten stationiert werden. Die deutsche Seite macht dabei ihre Planungen für zukünftige Truppenentsendungen abhängig von der Unterzeichnung dieses Abkommens durch den afghanischen Präsidenten. Ob es zu einem solchen Vertrag kommt, der auch der afghanischen Seite Bedingungen auferlegt, ist einer von mehreren unklaren Punkten im Jahr 2014. Ein weiterer solcher Punkt sind die Präsidentschaftswahl im April und Mai 2014. Über mögliche Kandidaten und ihre Aussichten wurde wiederholt, öffentlich wie im Geheimen, spekuliert und diskutiert. Wenigstens elf Kandidaten werden wohl antreten, wovon drei chancenreich sind  und andereeher als Bewerber für das Amt eines der Vizepräsidenten gelten. Karzais Bruder wird sich nicht bewerben.

Selbst für Fachleute ist es sehr schwierig, Prognosen abzugeben; zudem ist es riskant, denn solche Prognosen haben oft politische Wirkung, sind aber höchst unsicher. Viele der Sicherheitsberater von Präsident Karzai glauben, der neue Präsident werde nach seinem Amtsantritt das Sicherheitsabkommen umgehend unterzeichnen Eine dritte Entwicklung, zu der es mit einiger Wahrscheinlichkeit kommen wird, ist ein rapider Anstieg der Arbeitslosigkeit, verursacht durch den Abzug der Truppen. Wie kann man darauf reagieren? Der Verlust der Arbeitsplätze bedeutet nicht nur, dass erfahrene und qualifizierte Personen ihre Stellen verlieren, es bedeutet auch, dass ihr Arbeitgeber sie nicht länger schützt. Viele dieser Personen beantragen Asyl bei der jeweiligen ausländischen Macht, was ihr Leben schützen mag, für Afghanistan aber die Abwanderung qualifizierte Kräfte bedeutet.

In den Gesprächen und Verhandlungen zwischen Interventionsmächten und Afghanen gab es in den vergangenen zehn Jahren zwei beherrschende Themen: Drogenanbau bzw. -handel und Korruption. Zwar sind Drogen ein erheblicher Störfaktor für die nationale und regionale Wirtschaft Afghanistans, und sie bestimmen zudem Teile der inoffiziellen Außenbeziehungen des Landes, dennoch ist Korruption das größere Problem. Hier zeigt sich, dass es für ein Land, das Ziel einer Intervention ist, schwierig ist,  souverän gute Regierungsführung zu entwickeln, während es gleichzeitig mit inneren Problemen zu kämpfen hat sowie mit Effekten, die durch die intervenierenden Mächte hervorgerufen werden. Die größte Herausforderung für die afghanische Regierung ist es, das eigene Gewaltmonopol abzusichern, und gleichzeitig ein Mindestmaß an rechtsstaatlichen Institutionen.  sozialen Einrichtungen und Sicherheitsorganen aufzubauen . Nicht in allen Bereichen der Regierungsführung hatte die Regierung Afghanistans Erfolg. Im Westen sieht man den Grund hierfür sehr oft in der Korruption.

Aber die Dinge liegen nicht so einfach: Nicht jeder Fehler hat seine Ursache in Korruption im engeren Sinne. Die afghanische Patronage und Klientelpolitik, in Verbindung mit ungeeigneten Maßnahmen der intervenierenden Mächte, Hilfsorganisationen und anderen ausländischen Einflüssen (in denen man häufig eine Bedrohung der eigenen Werte sieht), führen insgesamt zu ungünstigen Ergebnissen. Da die intervenierenden Mächte – ganz im Unterschied zu ihren ursprünglichen Absichten – moralische und humanitäre Ziele hintanstellen und mit einer Wirklichkeit zu kämpfen haben, in der es unmöglich scheint, ehrgeizige Ziele in kurzer Zeit zu erreichen, und in der es anhaltend zu Gewalt kommt – in einer solchen Lage ist den intervenierenden Mächten auch eine gerade noch ausreichende Regierungsführung recht. Im Besonderen gilt dies für Menschenrechte, die Emanzipation der Frauen sowie den Schutz bestimmter Lebensstile und von Minderheiten.
Einflüsse von außen setzen auch dem Potential Afghanistans, sich zu einem souveränen Staat zu entwickeln, Grenzen. Der ständige Konflikt mit Pakistan ist eines der wesentlichen Hindernisse für die Festigung des Landes.

So lange der Westen, d.h. die USA, seinem unbeständigen Bündnispartner Pakistan gegenüber nicht klar Position bezieht, ist Afghanistan hier schädlichen Einflüssen ausgesetzt, sei es durch Grenzstreitigkeiten, durch grenzüberschreitende Drohnenangriffe oder durch Angriffe der von Pakistan ausgebildeten Aufständischen, vor allem der Taliban. Anders gesagt, ohne ein Ende des Konflikts zwischen den beiden Nachbarstaaten ist nachhaltiger Frieden unmöglich. Afghanistan selbst hat weder Mittel noch Macht, hier entscheidend einzugreifen. Ein weiteres außenpolitisches Problem ist der Iran – und das, obgleich sich die Zeichen mehren, es könne zwischen dem Iran und seinen Kontrahenten im Westen zu einer Entspannung kommen. Auch über weitere regionale Probleme sollte man nicht hinwegsehen: Der sogenannte „Istanbul-Prozess“ (seit November 2011 gab es drei Zusammenkünfte) tritt auf der Stelle. Dieser Prozess stellt die Bedeutung der regionalen Verflechtungen und der nachbarschaftlichen Beziehungen in den Mittelpunkt; er wurde von der Türkei mit angestoßen. Die Bedingungen, welche die wichtigesten ausländischen Partner und Geldgeber Afghanistans für eine Zusammenarbeit nach 2014 benannt haben (auf den Konferenzen in Bonn, 2011, sowie Kabul und Tokio, 2012), drehen sich wie zuvor im Kreise: Kampf gegen die Korruption, Kampf gegen Drogen, gute Regierungsführung sowie dass die Regeln eingehalten werden, die man für die gemeinsame Umsetzung von Programmen unter afghanischer Regie festgelegt hat. Einhalten lassen sich diese Regeln jedoch nur dann, wenn eine weitere Zusammenarbeit stattfindet, durch welche sich erst ein Staat aufbauen lässt, dessen Macht auf guter Regierungsführung basiert. Auf sich allein gestellt kann Afghanistan diese Regeln nicht einhalten – das Land benötigt in allen Bereichen des Regierens kräftige Unterstützung.

Hier bietet es sich jetzt an, die Frage zu stellen: War die Intervention ein Erfolg – oder ist sie gescheitert? Natürlich ist diese Frage doppelbödig; die Antwort hängt ganz vom jeweiligen Blickwinkel ab. Aus afghanischer Sicht war die Intervention zumindest teilweise ein Erfolg: Infrastruktur wurde modernisiert, Handel und Gewerbe, wenn auch in bescheidenem Rahmen, wiederbelebt, Schul- und Gesundheitswesen wurden verbessert sowie, das ist vielleicht am bemerkenswertesten, die Afghan National Security Forces (ANSF) aufgebaut. Fortschritte wurden also auf jeden Fall gemacht – nur sind sie sehr ungleich verteilt. Gleichzeitig war die Intervention, teilweise sogar ein Hindernis auf dem Weg, eine selbstbewusste, souveräne Nation zu schaffen. Das Ziel ist ja ein Staat, der in Zukunft ohne fremde Aufsicht gesellschaftliche Veränderungen bewältigen kann, in kulturellen, sozialen oder in Sicherheitsfragen  und bei den Menschenrechten. Auf dem Lande lässt sich in gewissem Maße eine „Rückkehr des Staates“ bemerken – soll heißen, man erwartet etwas vom Staat, man erwartet, dass gut regiert wird, und sieht in diesen Dingen nicht mehr allein die örtlichen Machthaber als Instanz. Für das Entstehen einer starken städtischen Mittelklasse fehlt genaues Zahlenmaterial, es deutet jedoch vieles darauf hin, dass dies der Fall ist (Daxner 2011b).

Bei jeder Bewertung der Intervention müssen zwei Regeln berücksichtig werden, die außerhalb von Afghanistan nur wenig beachtet werden: Zum einen gibt es in Afghanistan nur wenige Fallstudien, die sich auf das gesamte Land übertragen lassen, das heißt, wir müssen uns mit disaggregierten Daten und Auswirkungsstudien arbeiten. Zum anderen müssen wir sorgfältig unterscheiden zwischen Bewertungen auf Systemebene (Regierungen, offizielle Erklärungen, Meinungen der Eliten) und Einschätzungen, die auf einer Ebene erfolgen, die dem afghanischen Alltag näher kommt. Die meisten Untersuchungen zu politischer Ethnologie, Soziologie sowie interdisziplinäre Studien zu den Folgen der Intervention auf mikro-sozialer Ebene haben wesentlich mehr Substanz als Verallgemeinerungen, die in der Regel nur das Wunschdenken oder die Legitimierung der Eliten wiedergeben.

Für eine Bewertung der Intervention in Afghanistan aus deutscher Sicht gibt es noch ein weiteres, entscheidendes Kriterium: Deutschland handelt in Afghanistan nicht vollständig souverän, speziell dann nicht, wenn es um Sicherheitsfragen und Militäreinsätze geht; die Führung der militärischen Operationen liegt nach wie vor bei den USA. Berücksichtigt man dies, kann man die offiziellen Leitlinien für den letzten Teil des Einsatzes den erst seit 2010 regelmäßig erscheinenden Fortschrittsberichten der Bundesregierung entnehmen.[9] Es ist bemerkenswert, dass in den Jahren nach der Petersberger Konferenz von 2001 Bundestag und Öffentlichkeit von der Regierung nicht besser informiert wurden. Im Vergleich dazu hat die US-Regierung, speziell der Congressional Research Service (CRS) und das United States Institute of Peace (USIP) von Anfang an besser und umfangreicher informiert[10], und auch andere Staaten, beispielsweise Kanada, haben die Intervention schon früher anaylsiert (cf. Sorenson 2008). „Fortschritt“ ist ein zwiespältiger Begriff; fortschreiten kann man in Richtung Erfolg oder auch Scheitern. Das Auswärtige Amt hat in seinen Berichten an den Bundestag zunehmend Erfolgsberichte abgeliefert, da dies Verluste und Kosten legitimiert, sowie auch die Übergabe der Verantwortung an die Afghanen nach 2014.

Im ersten Fortschrittsbericht von 2010 war dieser Ansatz noch glaubwürdiger als im Bericht von 2014 der Fall, wo fast gar keine Einschätzungen abgegeben werden und man stattdessen nur beschreibt, was Deutschland in der Zeit nach 2014 – unter bestimmten Bedingungen – zu tun gedenkt. Dass beim Aufbau eines Staats und beim Wiederaufbau Fragen der Sicherheit im Vordergrund stehen, ist verständlich. Übersehen wird jedoch oft, dass man Fragen der Sicherheit auch im Hinblick auf Normen des Regierens untersuchen muss; bis wenigstens 2013 schufen vor allem die intervenierenden Mächte sowohl die Institutionen (Regeln) als auch die Tatsachen. Erst vor Kurzem sind Fragen der Sicherheit in die Verantwortung von Afghanen übergegangen, weshalb in letzter Zeit die afghanische Regierung auch größere Verantwortung für Erfolge und Misserfolge in Fragen der nationalen Sicherheit übernommen hat. In anderen Bereichen wie der Regierungsführung, der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung usw. drehen sich die Argumente gleichfalls im Kreis: Es gibt Fortschritte, diese könnten jedoch größer sein und rascher erfolgen, gäbe es nur weniger Korruption, würde besser regiert und mehr Verantwortung übernommen – und wenn bestimmte Normen und Regeln der internationalen Gemeinschaft, das heißt der intervenierenden Mächte, besser umgesetzt würden.

Es überrascht, wie wenig man in den deutschen Fortschrittsberichten von Misserfolgen und falschen Annahmen der intervenierenden Mächte liest. Aus zahlreichen unabhängigen Quellen, beispielsweise vom Afghanistan Analysts Network (AAN) und neutralen Fachleuten, wissen wir, dass vermeidbare Fehler und Inkompetenz der intervenierenden Mächte oft zu Misserfolgen beigetragen haben. US-amerikanische Untersuchungen benennen dies auch deutlich. In seinem letzte Bericht als Special Inspector General for Afghan Reconstruction (SIGAR) zitiert John Sopko das Pentagon wie folgt:

Erfolgreiche Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit, nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung – all das braucht es, damit Afghanistan langfristig stabil bleibt. Dem stehen jedoch eine Reihe von Faktoren im Weg, u.a. Korruption auf breiter Front, geringe Schul- und Berufsbildung, Analphabetismus, Regierungsvertreter, die sehr selten ländliche Gebiete besuchen, wenig Abstimmung zwischen Zentralregierung, Provinzen und Distrikten sowie die ungleiche Machtverteilung innerhalb der Regierung Afghanistans. ... Die Regierung Afghanistans ist stark zentralisiert und die Verwaltungen für Finanzen, Haushalt und Dienstleistungen sind alle bei den jeweiligen Ministerien in Kabul angesiedelt. Dieser Grad von Zentralisierung führt dazu, dass auf Provinz- und Disktriktebene nur sehr begrenzte Dienstleistungen zur Verfügung stehen. Der Entwicklung der Leistungsfähigkeit auf lokaler Ebene sind Schranken gesetzt, da es an Humankapital mangelt und strukturelle Reformen von der Zentralregierung nur verzögert umgesetzt werden. ... Obgleich Afghanen mehr und mehr dazu in der Lage sind, kurzfristige Probleme zu lösen, fehlt jede systematische und proaktive Planung auf strategischer Ebene, bei der Haushaltsplanung sowie bei der Verstetigung.
(US-Verteidigungsministerium, November 2013)

Ähliches liest man, wenn auch weniger deutlich formuliert, in vielen deutschen Berichten. Aber diese Kritik ist entweder wissenschaftlich oder journalistisch bilanzierend[11].Wir gehen davon aus, dass die USA, als die militärisch und finanziell führende Interventionsmacht, ein größeres Interesse daran hat, das eigene Vorgehen sehr genau unter die Lupe zu nehmen – selbst dann, wenn einiges davon im Lande und international für Bauchschmerzen sorgt, beispielsweise schwere Menschenrechtsverstöße, oder wenn es bei Militäreinsätzen viele zivile Opfer gab. In Deutschland werden schwere Fehler wie der Beschuss der LKWs in Kunduz mit über 90 Opfern hingegen heruntergespielt.[12]

Die westliche Intervention in Afghanistan ab 2001 hat das Land unwiederbringlich von zahlreichen Traditionen abgeschnitten. Beim Wiederaufbau des Landes ist es den intervenierenden Mächten nicht gelungen, eine afghanische Identität zu formen, das heißt, einen Geist, der ein Individuum zum Teil einer Gesellschaft macht, die zu verteidigen sich lohnt. Es gibt Modernisierungen, in den traditionellen Lebenswelten ist einiges aufgebrochen, und es gibt Bereiche des Staatsaufbaus, die hoffen lassen. Wie aber können wir mehr Sicherheit in einem demokratischen Staat erwarten, in dem das, was Zivilgesellschaft und sozialen Zusammenhalt ausmacht, noch sehr schwach ist?

Wesentliche Ziele der Interventionen wurden nicht erreicht: Der Terrorismus hat sich andere Standorte gesucht. Afghanistan ist immer noch kein unabhängiger und souveräner Staat, der einträgliche Beziehungen mit seinen Nachbarn pflegt. Die Kosten der Intervention waren so hoch, dass die USA sich auf keinen weiteren Krieg einlassen können; vielen ihrer Verbündeten geht es ähnlich. Ein Ergebnis der Intervention ist jedoch, dass die westlichen Verbündeten sich viel stärker an der NATO und anderen Sicherheitsbündnissen beteiligen müssen. In Zukunft, soviel ist klar, müssen Maßnahmen zwischen allen Geldgebern und Beteiligten am Wiederaufbau besser aufeinander abgestimmt werden.Mittelmäßige Regierungsführung und abgespeckte Standards für Menschen- und Frauenrechte haben die Forderung nach guter Regierungsführung ersetzt. Das ist einer der Gründe, warum die Intervention und Deutschlands Beteiligung daran bei der deutschen Bevölkerung so unbeliebt ist.

Ein weiterer Grund ist, dass bis heute keine der intervenierenden Mächte erklären konnte, wer in Afghanistan der Feind war, wenn das, was wir dort hatten, „Krieg“ war. Bis vor Kurzem glaubten viele Amerikaner noch, der Krieg könne gewonnen werden. Aber was bedeutet das – den Krieg gewinnen? Schließlich: Zu keiner Zeit waren Sicherheit und Wohlergehen des afghanischen Volks für die intervenierenden Mächte so wichtig, wie sich selbst vor Terrorismus zu schützen und die eigenen Truppen abzusichern. Afghanistan kann sich wieder zu einem erfolgreichen, normalen Land entwickeln, vorausgesetzt viele Faktoren entwickeln sich in Richtung Demokratie und Selbstbestimmung. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass viele der intervenierenden Mächte zuerst für sich eine neue Rolle finden müssen, bevor sie zu einem solchen Erfolg beitragen können. An Interventionen ist eine ganze Nation beteiligt, und nicht nur ihr Militär. Die neuen Rollen zwischen den Intervenierenden bedeuten nicht nur eine abgestimmte Arbeitsteilung, sondern auch eine bessere Koordination zwischen militärischen und zivilen Zielen innerhalb der eigenen Strategie. Das ist in Deutschland jedenfalls nicht der Fall.

Nachtrag: Mein distanzierter und sehr kurz gehaltener Text sagt nichts über das Leiden des afghanischen Volks. Ich bin nicht in der Lage, über 30 und mehr Jahre Krieg und über eine 13 Jahren dauernde Intervention umfassend zu berichten. Afghanistan ist die Feuerprobe dafür, ob und wie die Schutzverantwortung (die „responsibility to protect“, R2P) als neues Prinzip der internationalen Politik taugt. Afghanistan zeigt auch, wie wenig Souveränität und nationale Eigenverantwortung in globalen Konflikten zählen. Was wir in über einem Jahrzehnt in Afghanistan gelernt haben ist: Sicherheit lässt sich nicht kaufen, Frieden sich nicht anordnen, Entwicklung sich den Menschen nicht aufzwingen, ohne dass man ihnen beibringt, sich selbst zu erkennen und zu entdecken, wie sie leben wollen. Was wir brauchen ist kein neuer Staat, wir brauchen eine neue Gesellschaft – und dafür braucht es erheblich mehr Zeit, als für einen „Wandel“.

 

[1] „How It All Began“ ist der Titel eines sehr aufschlussreichen Essays von Thomas Ruttig: Ruttig (2013)

[2] Merkel nennt es Krieg: Überschrift in der FAZ, 19. Dezember 2010. Damals wurde die Bezeichnung „Krieg“, die man zuvor abgelehnt hatte, offiziell von der Bundesregierung verwendet, s. Daxner/Neumann (2012): 19.

[3] Siehe Daxner (2013), Neumann et al. (2012)

[4] Marsden (2003); Secretary-General (2008); Schetter (2011); Rollin (2009)

[5] Siehe Daxner (2010b)

[6] Der Ausdruck „golden hour“ wurde in der Interventionsforschung u.a. von James Dobbins geprägt, s. Dobbins et al. (2007)p. 15f.

[7] McChrystal (2009)

[8] Bundesregierung (2012a); Government (2012)

[9] Bundesregierung (2010); Bundesregierung (2011); Bundesregierung (2012b); Bundesregierung (2013); Bundesregierung (2014)

[10] Katzmann (2009)

[11] Ein gutes Beispiel dafür ist Ruttig (2014), der klar zusammenfasst, was die Fortschrittsberichte nur schwach andeuten.

[12] Siehe Daxner/Neumann 2012: 60ff. Ein Großteil der deutschen Presse hielt den Freispruch von Oberst Klein (jetzt General Klein) für falsch und den deutschen Interessen abträglich, pressekompass, 12. Dezember 2013

Literatur:

Bundesregierung 2010: Fortschrittsbericht Afghanistan.

Bundesregierung 2011: Fortschrittsbericht Afghanistan, Berlin

Bundesregierung 2012a: Abkommen zwischen der Regierung des Bundesrepublik Deutschland und der Regierung der Islamischen Republik Afghanistan über die bilaterale Zusammenarbeit.

Bundesregierung 2012b: Fortschrittsbericht Afghanistan, Berlin.

Bundesregierung 2013: Fortschrittsbericht Afghanistan.

Bundesregierung 2014: Fortschrittsbericht Afghanistan, ( 2014).

Daxner, Michael 2010b: Das Konzept von Interventionskultur als Bestandteil einer gesellschaftsorientierten theoretischen Praxis, in: Bonacker, Thorsten/Daxner, Michael/Free, Jan/Zürcher, Christoph (Eds.): Interventionskultur : Zur Soziologie von Interventionsgesellschaften, Wiesbaden.

Daxner, Michael 2011b: Modernization Stress - Kabul and Mazar Revisited.

Daxner, Michael 2013: Afghanistan Endgame - No Lessons Learned?, in: Centre for Area Studies Working Paper Series 3, 36.

Daxner, Michael;/Neumann, Hannah (Eds.) 2012: Heimatdiskurs. Wie die Auslandseinsätze der Bu8ndeswehr Deutschland verändern, Bielefeld.

Dobbins, James/Jones, Seth G./Crane, Keith/DeGrasse, Beth Cole 2007: The Beginner's Guide to Nation-Building, Santa Monica, CA.

Government, U.S. 2012: Enduring Strategic Partnership Agreement between the Islamic Republic of Afghanistan and the United States of America, (State, Department of, U.S. Government: 2 May 2012), in: www.state.gov.

Katzmann, Kenneth 2009: Afghanistan: Post-War Governance, Security, and U.S. Policy, Washington, DC.

Marsden, Peter 2003: Afghanistan: the reconstruction process, in: International Affairs 79: 1, 91-105.

McChrystal, Stanley A. 2009: COMISAF'S INITIAL ASSESSMENT (30 August 2009).

Neumann, Robert E.;/Hadely, Stephen;/Podesta, John; 2012: Afghan Endgame, in: Foreign Affairs 91: 6, 167-170.

Rollin, Christine 2009: Migration in Intervention Society : The Case of Afghanistan), Berlin, unpublished manuscript.

Ruttig, Thomas 2013: How It All Began - A Short Look at the Pre-1979 Origins of Afghanistan's Conflicts (Occasional Papers), Kabul, in: www.AAN-Afghanistan.org./index.

Ruttig, Thomas 2014: Einiges besser, nichts wirklich gut. Afghanistan nach 34 Jahren Krieg - eine Bilanz. , in: WeltTrends 22: 94, 27-39.

Schetter, Conrad 2011: Flüchtling - Arbeitsmigrant - Dschihadist, in: Geographische Rundschau 63: 11, 8.

Secretary-General 2008: Report of the Secretary-General. The situation in Afghanistan and its implications for international peace and securtity, New York.

Sorenson, Kevin 2008: Canada in Afghanistan. Report of the Standing Committee on Foreign Affairs and International Development, Ottawa.

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