Der Geistbraus, vor dem es mich graust

Der Geistbraus, vor dem es mich graust

Sibylle Lewitscharoff
Sibylle Lewitscharoff auf dem Literaturfest München im November 2012 — Bildnachweise

Verfolgt man die aktuellen Diskussionen über Tugendterror, Homosexualität oder zuletzt über Reproduktionsmedizin, fragt man sich schon, ob sich der christliche Fundamentalismus vereint mit einem zweifelhaften Elitedenken einen Platz in der Mitte der deutschen Gesellschaft sichern möchte, um von dort aus alles zu bekämpfen, was nicht einem rückwärtsgewandten Normenkorsett entspricht. Man könnte dem keine weitere Bedeutung beimessen und es als Teil der Diskussionskultur ansehen, die angesichts einer krisenhaften Gegenwart nach Grenzen ruft, wenn diese Kräfte nicht im Namen einer offenen Gesellschaft argumentieren, die sie gleichzeitig in Frage stellen. Nach dem Motto, die Randgruppen, zu denen aus ihrem elitären Blickwinkel auch Arme und Frauen gehören, sollten sich mal schleunigst wieder unsichtbar machen.

Thilo Sarrazins Satz: „Die Stiefschwester der Gleichheit ist der Neid“ kommt mit seinem grammatikalischen Fehler noch eher lustig daher, nach dem Motto: alles Böse ist weiblich und wenn es nur das grammatische Geschlecht ist. Schwerer wiegt da schon die Hinwendung der AfD, der Partei aller Ressentimentbeladenen, zu einem christlichen Fundamentalismus á la Tea Party, der sich den „Schutz der christlichen Familie“ bei gleichzeitiger Ablehnung der Gleichsetzung mit gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften auf die Fahnen schreibt. Das ist gefährlicher als ein Herrenwitz nach Art von Matthias Mattussek, der sich zuletzt mit seinem „Verbalamoklauf“ gegen Stefan Niggemeier, mit dem er die Debatte über seine Homophobie abwürgen wollte, endgültig disqualifiziert hat. Zeitweise hatte ich das Gefühl, Autoren wie er wollten nur provozieren, um einen von der Arbeit abzuhalten und um sich lustvoll in ihren eigenen Worten zu wälzen, wenn die Betroffenen ihrer Attacken – und vor allem die Nichtbetroffenen, denn erst mit denen wird ja eine Debatte daraus – sich empören. Um sich dann wiederum darüber zu echauffieren, dass nicht alle stramm stehen und Hurra schreien, dass einer ausspricht, was angeblich alle denken, sondern einige auch zurückpöbeln. Ihr Lieblingssatz lautet: Man wird das ja wohl mal sagen dürfen.

Könnte man Matussek, Lucke, Martenstein oder Sarrazin noch als Männer der bedrohten Mitte, wie sie Aram Litzel in der taz bezeichnet hat, mit „Samenstaugewinsel“ abtun – es sind eben alte Kerle, die vor jungen Frauen mit ihrem Geschlecht herumwedeln, ohne dass die von ihrer Lektüre gewichtigerer Texte auch nur aufschauen –, so ist es im Falle der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff komplizierter, schon allein deswegen, weil hier eine Frau spricht, deren Literatur weithin geschätzt und die mit nahezu allen deutschen Literaturpreisen bedacht wurde.

Am ersten Sonntag im März wurde sie zur Dresdner Rede eingeladen, die zu halten in jedem Jahr Persönlichkeiten aus Kunst, Politik und Wissenschaft ins örtliche Schauspielhaus eingeladen werden. Sibylle Lewitscharoffs Rede hieß „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“, und die ersten 38 Minuten lang redete sie in der ihr eigenen, immer etwas überheblichen, aber nicht ganz unironischen Art über die Todesarten in ihrer Familie und das Sterben an sich. Das Ganze war gewürzt mit dialektalen Diminutiven, die der Rede etwas Behäbiges und zu gleich Sprachspielerisches gaben, als spräche da eine gemütliche Schwäbin, die es liebt, Sätze zu sagen, wie: „Das Glück ist ein flüchtiges Bürschle im Flatterhemd.“

Bisher habe ich Lewitscharoffs Lust an der Provokation, auch wenn ich selten ihrer Meinung bin, geschätzt, weil sie zum Widerspruch anregt. Sie zetert gerne, und in der Vergangenheit hatte das durchaus auch etwas Unterhaltsames. Es ging gegen den Präsens in der deutschsprachigen Prosa, das Theater, das den armen Büchner verhunzt, den Warenversand Amazon und den Staub Bulgariens. Bei der Dresdner Rede aber hat sie eine Grenze überschritten, auf die der Dramaturg des Dresdner Schauspielhauses, Robert Koall, in einem offenen Brief drei Tage nach der Veranstaltung hinwies und damit die Diskussion auslöste, die durch alle Medien ging: „Es gibt einen Punkt, der die Dresdner Rede vom 2. März gefährlich macht. Das ist das Tendenziöse, die Stimmungsmache, das tropfenweise verabreichte Gift“, hieß es bei Koall.

In der letzten Woche ist viel über das geschrieben worden, was Lewitscharoff ab Minute 38 den Zuhörern im Schauspielhaus sagte. Über die Sätze: „Ich übertreibe, weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.“ Lewitscharoff hat den Satz mit den Halbwesen fünf Tage später öffentlich zurückgenommen. Ich nehme an, weil ihr bewusst geworden sein muss, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen wäre, bis ein durch künstliche Befruchtung gezeugter Erwachsener sie wegen Verletzung der Menschenwürde angezeigt hätte. Auf die literarische Freiheit hätte sich Lewitscharoff schwer berufen können. Abgesehen davon, dass der Geist, der in dem Satz verborgen ist, nicht mehr in die Flasche zurückzustopfen ist, alle anderen Beleidigungen, Gemeinheiten und Behauptungen in ihrer Rede hat sie nicht zurückgenommen, auch nicht den Vorwurf, die Reproduktionsmedizin sei schlimmer als die Einrichtungen der Lebensborn-Heime im Nationalsozialismus.

Sibylle Lewitscharoff nahm den Satz von den Halbwesen auch zurück, wie sie im ZDF-Morgenmagazin sagte, weil sie ihn für unwesentlich für ihre Argumentation hält. Der Kern ihrer Rede ist der Vorwurf der Selbstermächtigung der Frauen, die sie mit Furor und kaum unterdrücktem Hass bekämpft, was bei Männern oben genannten Kalibers immer sehr gut ankommt, müssen sie doch die schwere Arbeit des „Miezentriezens“ nicht selbst tun. Zurück bleibt aber nichts als der schale Eindruck der Selbstermächtigung einer Autorin zu bestimmen, was richtiges Leben sei. Die dann, als die Empörung daraufhin groß ist,  behauptet, es sei nur eine Phantasmagorie gewesen, „die kurz durch mein Hirn zischt“. Frauen sind für Lewitscharoff nicht nur das andere Geschlecht, sondern das zweite, im Sinne einer Hierarchie. (Ausgenommen sie selbst und vielleicht noch Virginia Woolf.) Dass sie mit dieser Ansicht nicht allein ist, sieht man ja immer noch eindrucksvoll an der Anzahl der Frauen in den Akademien für Sprache und Dichtung und der Anzahl der Professorinnen an deutschen Universitäten.

Sibylle Lewitscharoff bekämpft in ihrer Rede alles verbal, was nicht als heterosexuelle Kernfamilie daherkommt, in der die Erzeuger des Kindes zusammenleben. Im Grunde genommen hat bei ihr schon Jesus keine Chance, schließlich ist eine unbefleckte Empfängnis nichts anderes als eine künstliche Befruchtung. Zwar erkennt sie Notsituationen wie Kriege an, in denen Frauen ihre Kinder ohne Männer aufziehen mussten, alleinerziehende Frauen aber, die das Ledigsein als Lebensform selbst gewählt haben, werden von ihr in Grund und Boden verdammt.

Antiaufklärerischer geht es kaum, es ist die Rolle rückwärts, von der Kritik an der Religion zurück in die Frömmigkeit und weg von der Selbstbestimmung des Menschen und dem „kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Für Lewitscharoff ein lächerlicher moderner Köhlerglaube. Das Schicksal des Menschen liege vielmehr in Gottes Hand, und da gehöre es auch hin: „Wurde Höhererseits entschieden, dass ein Kind krank geboren wird, hat eine Frau das Pech, von einem Mann ein Kind zu bekommen, der sich der Verantwortung entzieht, so mag das eine schwere Bürde sein. Aber die Annahme, es geschehe durch höhere Gewalt und nicht vermittels eigener Entscheidung, ist ungleich bekömmlicher für das Leben.“ Dass es höhere Gewalt sein soll, wenn ein Kerl vom Zigarettenholen nicht zurück kommt und keinen Unterhalt zahlt, klingt reichlich absurd.

Die Frauenbewegung ist ihr ein Schreckbild, eine Erinnerung der siebziger Jahre an der FU, die sie mit Worten geißelt, als müsse sie den Leibhaftigen abwehren: „Sie zeichnete sich vor allem durch eines aus: ihre eingewurzelte Abneigung gegen jede Form differenzierter Geistigkeit, sprich: Intellektualität, gepaart mit Selbstironie und Humor.“ Das könnte auch gut als Beschreibung des zweiten Teils ihrer Rede durchgehen. Zwar mag die frühe Frauenbewegung durchaus nicht selbstironisch und humorvoll gewesen sein, ihr aber als Ganzes eine Nähe zu Nazifrauen wie Gertrud-Scholz-Klink und Leni Riefenstahl zu unterstellen, ist nichts anderes als Denunziation. Dazu kommt noch die bewusste Verkürzung der Parole der zweiten Frauenbewegung „Mein Bauch gehört mir“. Eigentlich denunziert sie alle Frauen, die jenseits der bürgerlichen Familie Kinder bekommen, vor allem lesbische Paare, denen sie unterstellt, Männer als Spermienlieferanten zu missbrauchen. „Im Grunde liegt solchen Machinationen die Vorstellung zugrunde, Männer seien verzichtbar, oder ihr Einfluss sei auf das Notwendigste zu reduzieren, eben auf ihren Samen. Als Väter kommen sie jedenfalls nicht in Frage. Am Schönsten wäre es für diese Frauen gewiss, man könnte den Samen selbst auch noch künstlich erzeugen.“

Ich muss das hier nicht kommentieren, das haben von diesem Vorwurf betroffene Frauen und Männer schon eindrucksvoll getan.

„Als Protagonisten der Literatur kann man die Verrückten aufregend finden, im wirklichen Leben sind sie eine Pein für sich selbst und eine schwerwiegende Last für ihre Angehörigen“, hat Lewitscharoff in der Rede zur Verleihung des Büchnerpreises gesagt. Auf dem Papier aber bringe der „Geistbraus“ sie in Schwingung. Als literarische Figur könnte ich mir diese Lewitscharoff der Dresdner Rede gut vorstellen, in der Wirklichkeit graut es mir davor.

Mich als zeitlich und örtlich Außenstehende treibt seit Jahren die Frage um, warum einige derjenigen, die an den Unis der alten Bundesrepublik der siebziger Jahre als Teil irgendwelcher linken Splittergruppen mit großer Verve die verbale Vernichtung ihrer Gegner betrieben, heute so schrecklich rückwärtsgewandte Frömmler sind, die mit denselben Mitteln von damals arbeiten.

Interessant ist, dass es die ganze Zeit der Rede über mucksmäuschenstill war im Zuschauersaal, keine Buhrufe, weder zwischendurch noch hinterher, stattdessen ein lang anhaltender, wenn auch nicht euphorischer Beifall. Man könnte das damit begründen, dass ein bürgerliches Publikum im Saal saß, das zu distinguiert war, um laut zu protestieren, aber aus der Vergangenheit wissen wir, dass es bei solchen Anlässen sogar pöbeln kann. Erinnert sei nur an die Rede Thomas Braschs bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 1977, wo die Zuschauer sich kaum eingekriegt haben vor Empörung, nur weil Brasch der Filmhochschule der DDR für seine Ausbildung gedankt hat.
 

2 Kommentare

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ari Goetz

Danke für den schönen und differenzierten Kommentar !

Gerd Kueppers

"Im Grunde genommen hat bei ihr schon Jesus keine Chance, schließlich ist eine unbefleckte Empfängnis nichts anderes als eine künstliche Befruchtung."

Das ist ein in bildungsfernen Schichten verbreitetes Missverständnis. Hätte ich Ihnen so nicht zugetraut. Ansonsten stimmt's aber. Jesus war kein Familienmensch. Für Familialisten birgt nicht nur seine vaterlose Empfängnis einiges an Sprengstoff.