„Afghanistan sieht einem erfolgreichen Jahrzehnt entgegen“

Habibullah Haqtash tritt als Kandidat bei den Wahlen zum Provinzrat von Kabul an. Er hat Politikwissenschaften an der Kateb Universität studiert und engagiert sich in Gesellschaft und Kulturleben. Wir sprachen mit dem jungen Nachwuchspolitiker.

Können Sie sich kurz vorstellen?

Ich heiße Habibullah Haqtash und bin der Sohn von Hadschi Ismail Laali. Geboren wurde ich in Kabul, habe im Jahr 2009 meinen Abschluss am Habibia Gymnasium gemacht und 2013 meinen Abschluss in Politikwissenschaften an der Kateb Universität. Ich bin ein friedlich gesinnter Mensch, jemand, der andere fair behandelt und an menschliche Werte glaubt.

In welchem Bereich haben Sie bislang gearbeitet?

Als Student war ich ziemlich aktiv und habe mich an verschiedenen Bürgerrechts- und kulturellen Aktivitäten beteiligt. Eine Zeitlang war ich Chefredakteur der Wochenzeitung Khat-e Awal und Vorsitzender der Stiftung Al-elm. Ich bin Mitglied des Vorstands der Citizen Foundation, Gründer und Direktor der Privatschule Al-elm, Vertreter der Privatschulen im sechsten Bezirk des Bildungsministeriums und stellvertretender Vorsitzender der Union of Private Schools in Kabul.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, Politikwissenschaften zu studieren?

Das Fach hat mich einfach interessiert. Außerdem braucht unser Land mehr politisch bewusste junge Menschen.

Was bedeutet für Sie gerechte Politik?

Politik ist dann gerecht, wenn sie aufrichtig ist, engagiert und von Liebe zum Volk geleitet.

Sehen Sie solche Politik in Afghanistan?

Die Erfahrung zeigt, dass engagierte Politiker, die ihr Volk lieben Erfolg haben, während unaufrichtige Politiker scheitern und im Laufe der Zeit an Ansehen verlieren. Probleme gibt es natürlich, da ist Afghanistan keine Ausnahme.

Inwieweit ist es unseren Politikern im vergangenen Jahrzehnt gelungen, gerechte Politik zu machen?

Jedes System hat natürlich seine Vorzüge und Fehler. Auch unsere Politiker haben Fehler gemacht. Alles in allem sollte man ihre Politik aber weder pauschal ablehnen noch bejahen.

Welche Rolle, denken Sie, sollten junge Politiker spielen?

Ganz allgemein gesagt, haben Sie eine beachtliche Rolle dabei gespielt, Ungerechtigkeiten anzuprangern.

Wie beurteilen Sie die politischen Aussichten Afghanistans in den kommenden zehn Jahren?

In einer Demokratie geht alle Macht vom Volk aus. Das bedeutet, die Aussichten werden davon abhängen, wie politisch bewusst das Volk ist. Wenn die Menschen die richtige Wahl treffen, werden wir in den nächsten zehn Jahren bestimmt erleben, dass sich das politische System verbessert.

Wo, glauben Sie, wird Afghanistan im Jahr 2024 stehen?

Es wird weniger turbulent zugehen als 2014. Wenn ein geordneter politischer Übergang gelingt und das Bilaterale Sicherheitsabkommen mit den USA unterzeichnet wird, dann sieht Afghanistan einem erfolgreichen Jahrzehnt entgegen – aufbauend auf den Erfahrungen und Fortschritten, die bislang gemacht wurden.

Wie wird sich die Sicherheitslage entwickeln?

Das wird vor allem davon abhängen, ob das Sicherheitsabkommen zwischen Afghanistan und den USA unterzeichnet wird. Geschieht dies und engagieren sich die USA weiter für uns, dann wird sich die Sicherheitslage verbessern.

Können die Menschen in Afghanistan aktuell ihre Rechte gleichermaßen ausüben?

In Übergangsdemokratien gibt es, was die Ausübung der Rechte angeht, in der Regel Ungleichheiten. Das ist auch in Afghanistan so. Es wird noch einige Zeit dauern, bevor wir eine optimale Situation haben.

Was können junge Menschen tun, um für Frieden und Sicherheit zu sorgen?

Junge Menschen sind eine bedeutende Kraft in unserer Gesellschaft und können in allen Lebensbereichen eine wichtige Rolle spielen. Junge Politiker können sich nicht nur aktiv für Frieden und Sicherheit einsetzen, sie können auch andere dabei anleiten.

Sie sind noch sehr jung. Wie kam es, dass Sie für den Provinzrat von Kabul kandidieren?

Als junger afghanischer Bürger ist es meine Pflicht, am gesellschaftlichen und politischen Leben des Landes teilzunehmen, und dazu beizutragen, dass es im Lande mehr energische und hart arbeitende junge Menschen gibt.

Wie stark können junge Politiker wie Sie in dem Umfeld, das wir aktuell in Kabul haben, überhaupt politisch tätig sein?

Da hat sich sehr viel getan. Heute haben junge Menschen viel mehr Möglichkeiten und entsprechend mehr Selbstvertrauen. Die junge Generation hat sich in unserer Gesellschaft bereits verortet und die Unterstützung, die ihr durch andere zuteil wird, ermutigt sie weiter.

Was können die Mitglieder des Provinzrats von Kabul tun, um die Lebensbedingungen in den Städten für diejenigen zu verbessern, die vom Land in die Stadt strömen?

Das ist in unserer Gesellschaft eines der größten Probleme. Verursacht wird es dadurch, dass sehr viele die Gesetze und Verordnungen nicht kennen. Um die Lage in Kabul zu verbessern, müssen wir mehr Bewusstsein schaffen. Bürgerliche Aktivisten, Geistliche und ganz besonders die Mitglieder des Provinzrates sind hierbei entscheidend.

Wie sehen Sie die Zukunft der jungen Generation von Politikern, der Sie angehören?

Obwohl es ziemlich kompliziert ist, in einem Land wie Afghanistan Politik zu machen, schreiten unsere ausgebufften jungen Leute zusammen mit den zukünftigen Führern des Landes einer glänzenden Zukunft entgegen.

Wie kann man das Politikmonopol einiger weniger zurückschrauben und durch eine Meritokratie ersetzen?

Zwar befindet sich die afghanische Demokratie noch in einer frühen Phase ihrer Entwicklung, aber man darf die Errungenschaften der vergangenen zwölf Jahre nicht unterschätzen. Heute können die Menschen ihren Präsidenten, Abgeordneten und die Mitglieder der Provinzräte wählen. Es sind nicht mehr Einzelne, die entscheiden, es ist das Volk.

Ihre abschließenden Worte?

Lasst uns zusammen ein Afghanistan schaffen, in dem es keine Ungleichheit gibt, und das von der Zivilgesellschaft regiert wird. Damit wir gemeinsam und mit Erfolg ein besseres Afghanistan schaffen können, braucht es zwischen den Menschen dringend mehr Solidarität. Wir dürfen es nicht bei Worten belassen. Wir müssen handeln, um eine Gesellschaft zu errichten, in der alle die gleichen  Rechte haben.