“Die Politik muss sich ihre Werte bewusst machen“

“Die Politik muss sich ihre Werte bewusst machen“

Die Hamburgerin Elisabeth Wehling erforscht an der University of California in Berkeley die Bedeutung der Sprache in politischen Debatten. In ihrem Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht“ bringt sie zusammen mit dem Kognitionswissenschaftler George Lakoff Licht ins Dunkel unseres politischen Denkens. In Teil zwei der Interviewreihe zur grünen Erzählung erklärt die Linguistin, warum es so wichtig ist, dass die Grünen sich ihrer Werte rückbesinnen, um die Wählerinnen und Wähler wieder von sich zu überzeugen.

Heinrich-Böll-Stiftung: Frau Wehling, was ist eine politische Erzählung und welche Funktion hat sie?

Wenn man an die Öffentlichkeit herantritt, um bestimmte politische Anliegen zu kommunizieren, dann ist es dabei wichtig, sich bewusst zu machen, welche Frames man nutzt. Framing ist ein Begriff aus dem Englischen und meint das Setzen von Deutungsrahmen. Und solche Deutungsrahmen beinhalten im politischen Diskurs oft bestimmte semantische Rollen und Erzählstrukturen.

Sprachliches Framing kann in der politischen Debatte dazu dienen, Inhalte zu verdeutlichen, es kann dem aber auch im Wege stehen. Wenn man etwa die Frames eines politischen Gegners nutzt, dann kauft man sich damit gedanklich und sprachlich in dessen Welt ein. Wenn man aber eigene Frames entwickelt, dann schafft man es, seine Anliegen transparent zu machen.

Wir nennen das „kognitive Transparenz“: Das heißt, man macht sich zunächst die eigenen Anliegen und politischen Werte bewusst. Dann findet man eine Sprache, also Frames, die diese Anliegen in Zusammenhang mit den ihnen zugrunde liegenden Werten deutlich macht. Das ist das Prinzip des wertebasierten Framing im politischen Diskurs, das immer auch moralische Erzählstrukturen mitliefert.

Bleiben wir beim Begriff des Framing: Wann ist Framing in der politischen Debatte gelungen? Wo stößt es an seine Grenzen?

Wie gesagt, Frames aktivieren oft moralische Erzählstrukturen in unseren Köpfen. Nehmen wir als Beispiel den Frame der Steuerbelastung: Das Wort „Belastung“ impliziert, dass Steuern per se schlecht sind, da sie – als „Last“ – die Freiheit von Bürgern einschränken. Innerhalb dieses Frames haben Sie also ein moralisches Narrativ, nach dem es einen Bösewicht gibt, einen Helden, ein Opfer und eine Bedrohung. Die Bedrohung sind die Steuern, das tatsächliche oder potentielle Opfer ist der Steuerzahler. Der Bösewicht ist derjenige, der Steuern erhöhen will und der Held wäre schließlich derjenige, der die Steuern senkt. An diesem Beispiel kann man gut erkennen, wie anhand eines Begriffs ein moralisches Narrativ aufgespannt wird, das automatisch als Interpretationsmuster mitläuft, wenn man diesen Begriff kognitiv verarbeitet.

Zu der Frage, wo Framing an seine Grenzen stößt, möchte ich Folgendes sagen: Jedes Wort, das Sie nutzen, aktiviert einen Frame. Das beginnt schon bei ganz einfachen Begriffen wie „Hund“, oder „Garten“. Insofern ist Kommunikation immer auf Frames angewiesen. Wenn man mit politischen Sachverhalten zu tun hat, befindet man sich immer ein Stück weit auf der abstrakten Ebene. Abstrakt in dem Sinne, als dass Sie keinen direkten körperlichen Zugang zu diesen Konzepten haben. Deshalb ist das Framing, das sich oft aus sogenannten „kognitive Metaphern“ speist, absolut notwendig, um abstrakte Ideen mit Inhalten zu füllen und sie an das verkörperlichte Wissen anzubinden. Das verkörperlichte Wissen ist die Ebene, auf der der Mensch am stärksten mitdenkt und fühlt. Auf dieser Ebene können Ideen und Konzepte einleuchtend vermittelt werden.

Frames sind immer präsent, sie können überhaupt nicht vermieden werden. Deshalb ist es umso wichtiger, sich bewusst zu machen, welche Frames man nutzen will, um politische Ideen transparent zu machen.

Kommen wir zur grünen Rhetorik. Was sind die originären und originellen politischen Frames, die die Grünen bedienen können?

Die Politik muss sich ihre Werte bewusst machen und klar definieren. Dabei reicht es nicht aus, zu sagen, unsere Werte sind Freiheit und Gerechtigkeit. Das sind derart abstrakte Konzepte, dass sich dort keine wirklichen ideologischen Unterschiede finden lassen. Diese muss man auf einer tieferen Ebene suchen. Auf der Grundlage dieser Werteklärung müsste man in einem nächsten Schritt die sprachlichen Frames identifizieren, die die eigenen Werte – in diesem Falle grüne Werte – verkörpern. Und da es zu jedem politischen Thema eine Vielzahl von Frames gibt, die bereits die Debatten bestimmen, müsste man auch diese bereits vorherrschenden Frames gründlich daraufhin überprüfen, ob sie mit dem ideologischen Wertegerüst einer Partei – hier den Grünen – zusammenpassen.

Die Grünen sind im Bundestagswahlkampf zum Beispiel für hohe Steuern eingetreten. Die Frage dabei ist: Warum haben Sie für mehr Steuern geworben? Ich vermute, dass die Grünen Steuern als Grundlage des Allgemeinwohls betrachten, die es uns erlaubt, füreinander zu sorgen und gleichzeitig unsere individuelle Freiheit zu schützen. In diesem Falle wäre es hilfreich gewesen, schon im Vorlauf des Wahlkampfes solche Frames an die Öffentlichkeit heranzutragen, die eine solche moralische Sicht auf Steuern verdeutlichen; also ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Steuern die Grundlage individueller Freiheit sind. Ein entsprechendes Reframing der Steuerdebatte wurde nicht angegangen. Darüber hinaus wäre es auch wichtig, nicht solche Frames zu nutzen, die den eigenen Wertevorstellungen nicht entsprechen. Zum Beispiel sollten die Grünen die Nutzung das Steuerbelastungs-Narrativ überdenken.

Sie haben bereits den Bundestagswahlkampf 2013 angesprochen. Seitdem ist die öffentliche Wahrnehmung der Grünen stark von dem Bild der „Verbotspartei“ geprägt. Was hat die Partei in ihrer Rhetorik, zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Veggie-Day, falsch gemacht und was kann sie für die Zukunft daraus lernen?

Nun, der politische Gegner hat den Grünen den Frame der Verbotspartei gegeben – einer Partei die dem Rest der Nation vorschreiben will, wie man sich zu verhalten hat. Die moralische Narrative dieses Frames handelte von zwei Unwerten, derer sich die Grünen vermeintlich schuldig machten: Bevormundung und Wertedogmatismus.

Vermutlich war das Anliegen der Grünen nicht die Bevormundung, sondern der Schutz von Mensch und Natur. Das hätte man sprachlich auch anders umsetzen können. Mit der vorherrschenden Sprache konnte man nicht gegen den Frame der Verbotspartei gegen an.

Zum Abschluss: Am 25. Mai stehen die Europawahlen an. Wenn Sie den Grünen drei Tipps für Ihre Rhetorik im Wahlkampf geben könnten, welche wären dies?

In einem ersten Schritt muss eine Partei schlicht und ergreifend ihre eigenen Werte klären, und ihre Relevanz für die eigenen politischen Vorhaben gedanklich bis ins letzte Detail durchspielen. Das ist viel schwieriger, als es vielleicht klingen mag; und das ist Grundlagenarbeit, die schon lange vor Beginn von Wahlkämpfen stattfinden muss.

Der zweite Schritt wäre es, auf dieser Werteklärung aufbauend die richtige Sprache zu entwickeln. Das bedeutet zum einen, eigene sprachliche Frames zu identifizieren. Zum anderen – das wäre dann Tipp Nummer drei – heißt das, unbedingt davon Abstand zu nehmen, permanent die Frames der Gegner zu nutzen, diese in den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger zu aktivieren und damit auf lange Sicht kognitiv zu festigen.

 

Das Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und Ihre heimliche Macht“ von George Lakoff und Elisabeth Wehling, erschienen bei Carl-Auer, ist für ist für 26.90€ im Handel erhältlich.

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