Baustelle Weltmeisterschaft – eine Bilanz in Zahlen kurz vor dem Anstoß

Baustelle Weltmeisterschaft – eine Bilanz in Zahlen kurz vor dem Anstoß

Bauarbeiten am Fußball-WM-Stadion Itaquerão in São Paulo im Mai 2014
Bauarbeiten am Fußball-WM-Stadion Itaquerão in São Paulo im Mai 2014 — Bildnachweise

Von insgesamt 167 geplanten Bauprojekten in den Bereichen von Stadienbau, öffentlichem Nahverkehr sowie urbaner Infrastruktur werden bis zur WM voraussichtlich nur 68 vollständig fertig, berichtete jüngst die brasilianische Tageszeitung Folha de São Paulo. Dies entspricht einer Quote von 41 Prozent. Über die Hälfte aller Projekte (53 Prozent) sind nach wie vor nicht abgeschlossen, werden erst nach der WM beendet oder unfertig übergeben. Weitere sechs Prozent der Bauprojekte wurden bereits komplett abgesagt.[1]

Fortgeschritten ist lediglich der Bau der Stadien: Mitte Mai waren in etwa 80 Prozent der Projekte abgeschlossen. 20 Prozent sind noch unvollständig und müssen zur WM provisorisch übergeben werden. Ein Beispiel ist das Itaquerão Stadion in São Paulo. Der brasilianische Bauriese Odebrecht wird das Dach erst nach Weltmeisterschaft fertigstellen.

Die Gesamtkosten der WM-Stadien sind gegenüber den ursprünglichen Kostenvoranschlägen um 36 Prozent gestiegen. Ein Extrembeispiel ist die Arena Mané Garrincha, für welche sich die Kosten von 745 auf 1.400 Millionen Reais fast verdoppelt haben. Insgesamt belaufen sich die Kosten der WM-Stadienbauten auf acht Milliarden Reais – davon wird alles (99,4 Prozent), direkt oder indirekt, von der öffentlichen Hand getragen[1][2].

Viel zu geringe Auslastung der Stadien

Die zwölf WM-Stadien bringen es auf ein durchschnittliches Fassungsvermögen von 54.500 Zuschauern. Brasiliens erste Liga hatte in diesem Jahr hingegen durchschnittlich 12.600 Zuschauer[3]. Im regulären Betrieb ergibt dies eine theoretische Auslastung von 23 Prozent. Aller Voraussicht nach wird die durchschnittliche Auslastung der Stadien im Regelbetrieb sogar noch niedriger ausfallen. Denn einige der WM-Städte mit neuen Sportstätten wie Manaus, Brasília oder Natal, beherbergen nur niederklassige Amateurklubs. Zum Vergleich: Die deutsche Bundesliga brachte es in der Saison 2013/14 auf durchschnittlich 43.500 Zuschauer mit einer Stadienauslastung von über 92 Prozent.[4]

Prekärer präsentiert sich die Lage der Bauprojekte im Bereich des öffentlichen Nahverkehrs und Personentransports - dem Teil der WM-Investitionen von dem die brasilianische Gesellschaft, Wirtschaft und der Tourismus langfristig am meisten profitieren sollen. Nur insgesamt zehn Prozent der ursprünglich geplanten Bauarbeiten sind hier rechtzeitig zur WM fertig[1].

Insgesamt belaufen sich die WM-Kosten nach offiziellen Angaben auf 25,8 Milliarden Reais. Zum Vergleich: Das nationale Sozialentwicklungsprogramm "Bolsa Familia", mit welchem die Regierung Lula international berühmt geworden ist, kostet Brasilien jährlich fast das gleiche - 24,7 Milliarden Reais[2].


Anmerkung:
Die Tabelle der Tageszeitung Folha de São Paulo gibt eine Übersicht über den Fortschritt der Bauarbeiten in den zwölf WM-Spielorten (auf portugiesisch; Stand: Mai 2014).


Referenzen

[1] Folha de São Paulo: "A 30 dias da Copa metade das metas não foi cumprida; veja vídeo", 16. Mai 2014.

[2] Folha de São Paulo: "Custo da Copa equivale a um mês de gastos com educação", 23. Mai 2014.

[3] Globo.com: "O público do brasileirão-2014", 2014.

[4] Weltfussball.de: "Tabelle Bundesliga 2013/2014; Zuschauer; Heimspiele", am 3. Juni 2014.

 

Verwandte Inhalte

  • Dossier: Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien

    Massenproteste, Zwangsräumungen, Umweltzerstörung. Die teuerste WM aller Zeiten wird zu 80 Prozent aus öffentlichen Mitteln finanziert – trotz andauernder Misere im öffentlichen Bildungs- Gesundheits- und Transportwesen. Das WM-Dossier beleuchtet die Probleme und fragt: Was bringt diese WM und wem nützt sie?

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben