Dossier: Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien

Dossier: Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien

Demonstration in São Paulo Ende März 2014. Foto: Mídia NINJA. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Als im Oktober 2007 Brasilien den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 2014 erhielt, brachen überall im Land Freudenfeiern aus. Und obgleich sich viele auch heute noch auf die WM freuen, ist Umfragen zufolge die Mehrheit der Brasilianer der Meinung, das Turnier müsse nicht unbedingt in Brasilien stattfinden. Spätestens seit den Massenprotesten im Juni 2013 hat auch die Weltöffentlichkeit begriffen, dass in Brasilien nicht alles so rund läuft, wie es die Erfolgserzählungen der letzten zehn Jahre glauben machten. Es wird die teuerste WM aller Zeiten bei der die öffentliche Hand über 80 Prozent der Kosten trägt – und dass bei einer andauernden Misere im Bildungs-, Gesundheits- und Transportwesen.
Das WM-Dossier der Heinrich-Böll-Stiftung in Brasilien widmet sich der Frage nach den Kosten und Nutzen der Weltmeisterschaft: Wem bringt diese WM etwas? Wer bezahlt was und wer verdient daran? Welche Ausnahmeregelungen wurden verabschiedet, um die Vorgaben der Fifa zu erfüllen? Auf wessen Kosten gehen diese?

Wir analysieren die Verkehrsinfrastrukturprojekte, die nicht nur handfeste Positiveffekte gebracht, sondern oft zu rechtswidrigen Zwangsräumungen geführt haben. Wir blicken auf die Protestbewegungen und zeigen wie nachhaltig die vermeintlich "Grüne WM" tatsächlich ist. Wir untersuchen auch wie die WM mit Prostitution und Sexarbeit zusammenhängt.
Das Dossier erscheint bereits vor dem Anpfiff und wird während der Weltmeisterschaft fortlaufend erweitert und aktualisiert. Dann rückt auch die Lage in den Spielorten der deutschen Nationalmannschaft in den Fokus.

Demonstrationen und Öffentliche Meinung

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Etwa 170.000 Menschen, so schätzt der Dachverband der brasilianischen WM-Volkskomitees, haben durch Zwangsräumungen ihre Heime und oft auch ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage verloren. Trotz internationaler Normen, die auch im brasilianische Recht gelten, werden viele Betroffenen nicht entschädigt.

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Im Juni 2013 gehen tausende Bewohner der Favela Rocinha in São Conrado, einem Stadtviertel im Süden Rio de Janeiros, auf die Straße. Sie protestieren gegen den Bau einer Seilbahn für Touristen in ihrem Viertel und fordern den Ausbau grundlegender Wasserversorgungs- und Kanalisationsanlagen.

Zwangsräumungen und Menschenrechtsverletzungen

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Für die Fußball-WM mussten tausende Familien ihre Häuser verlassen, um für neue Sportstätten Platz zu machen. Die Übersichtskarte unseres Brasilien-Büros dokumentiert die Zwangsräumungen sowie die künstlich angelegten Neubausiedlungen.

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Die Favelas genannten Armenviertel gehören zum Stadtbild großer brasilianischer Städte. Um die Sicherheitslage ist es jedoch nach wie vor miserabel bestellt. Daran ändern auch die eingesetzten "Einheiten der Befriedungspolizei" wenig.

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In diesem Interview spricht Orlando Alves dos Santos Júnior (Institut für Stadt- und Regionalplanung Universität Rio de Janeiro) über die derzeitigen Verletzungen des Menschenrechts auf Stadt in Brasilien.

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Antonieta Rodriguês wohnte einst in Campinho, einer Favela im Norden Rio de Janeiros. Die Siedlung musste für den Bau der Schnellstraße Transcarioca geräumt werden. Im Interview erzählt sie, wie brutal sich die Zwangsräumung abgespielt hat.

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Jeane, Luisa und Suely aus den Armenvierteln im Westen Rio de Janeiros erzählen in Interviews, wie die Stadtverwaltung sie zwang, ihre Häuser zu verlassen und in Neubausiedlungen zu ziehen. In den neuen Häusern fehlt jedoch nicht nur die soziale Gemeinschaft, sondern oft auch eine essentielle Infrastruktur.

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Den Preis für die neuen Strukturen rund um Brasiliens kostspielige Sportarenen zahlen vor allem die Bewohnerinnen und Bewohner der Favelas. Die Behörden nutzen aus, dass die Betroffenen oft über wenig formale Bildung verfügen und schlecht über ihre Rechte informiert sind.

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Eigentlich sollten die Bewohner/innen der Siedlung Vila Autódromo in Rio de Janeiro das formelle Nutzungsrecht ihrer Grundstücke erhalten. Als wegen WM-Bauvorhaben die Räumung droht, erarbeitet die neu entstandene Protestbewegung einen Volksplan, der die Bürger/innen aktiv miteinbezog und realisierbare Alternativen nannte.

"Nein, ich gehe nicht zur Weltmeisterschaft"

Das Video "No, I’m not going to world cup" ("Nein, ich gehe nicht zur Weltmeisterschaft") von Carla Dauden aus Los Angeles schauten sich Millionen Menschen auf Youtube an. Die 23-jährige Brasilianerin kritisiert darin die massiven Ausgaben öffentlicher Mittel, die Zwangsumsiedlungen und Polizeigewalt. Es erschien drei Tage vor den landesweiten Massenprotesten vom 20. Juni 2013.

"Ja, ihr könnt die WM besuchen - aber nur wenn.."

In Reaktion auf den überraschenden Erfolg und die vielen Reaktionen, veröffentlichte Carla Dauden einen Monat später ein weiteres Video. Diesmal mit dem Titel: "Yes, you can still go to the World Cup – If" ("Ja, ihr könnt die WM besuchen - aber nur wenn.."). Darin formuliert sie Bedingungen an die FIFA und die brasilianische Regierung, wie die WM in Brasilien tatsächlich aussehen müsste.

Wirtschaft: Finanzierung und Ausgaben

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Zwei Wochen vor WM-Beginn hat Brasilien mehr als die Hälfte der ursprünglich geplanten Baumaßnahmen nicht fertig gestellt. Über die Hälfte aller Projekte wird es nach der WM beendet. Lando Dämmer aus dem Stiftungsbüro in Brasilien, zieht kurz vor dem Anpfiff noch einmal Bilanz.

Wie teuer die Weltmeisterschaft für die Brasilianer/innen wird und was die FIFA an dem Turnier verdient, hat das Institut PACS (Instituto Políticas Alternativas para o Cone Sul) in einer Studie im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung untersucht.

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Vier große Bauunternehmen kontrollieren die zahlreichen Bauprojekte für WM und Olympia in Rio de Janeiro. Kartellähnliche Absprachen, manipulierte Ausschreibungen und überhöhte Kostenrechnungen sind Teil des Systems. Die Interessen der Bevölkerung bleiben auf der Strecke.

Frauen und die WM

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Elisangela Sena ist eine von vielen Frauen, die als Familienoberhaupt in Favelas und in den Peripherien brasilianischer Städte leben und von den Zwangsräumungen für die Bauten der Fußball-WM betroffen sind. Im Interview erzählt sie, wie sie ihr Haus verloren hat.

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Während der Weltmeisterschaft in Brasilien wird mit einer Hochkonjunktur auf dem Sexmarkt gerechnet. Zur Zeit befasst sich der Kongress mit einem umstrittenen Gesetzentwurf zur Regelung von Sexarbeit – doch dieser stärkt nicht die Rechte der Frauen, sondern vielmehr die Interessen der Sexindustrie.

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Interview mit dem Abgeordneten Jean Wyllys über seinen Gesetzentwurf zur Regelung der Prostitution in Brasilien. Nach diesem sollen Bordelle legalisiert werden und Prostituierte ein Mindesteinkommen erhalten.

Die Geschichte von Elisângela

Der Kurzfilm "O Legado Somos Nós: A História de Elisângela" ("Wir sind das WM-Erbe: Die Geschichte von Elisângela") von Comitê Popular, thematisiert eine der vielen Zwangsumsiedlungen. Elisângela verlor ihre Arbeit und erhielt weder eine Entschädigung noch ein angemessenes Umsiedlungsangebot.

Umweltschutz- und zerstörung

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Umweltfreundlich und klimaneutral soll sie werden, Brasiliens Fußballweltmeisterschaft der Männer 2014: Die "Copa Verde" soll dem Land finanziellen und ökologischen Mehrwert bringen. Doch ein nachhaltiger Nutzen für die Bevölkerung ist noch nicht in Sicht.

Die Spielorte der deutschen Nationalmannschaft: Salvador, Fortaleza und Recife

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Salvador de Bahia gehört zu den Städten mit den höchsten Arbeitslosigkeits- und Gewaltraten Brasiliens. Die Stadtverwaltung preist die WM als Chance für mehr soziale Gerechtigkeit. Doch Nachforschungen unserer Autorin vor Ort zeigen, wie die Großprojekte rund um den World Cup gerade die Schwächsten ausgrenzen.

von

Rudrigo Rafael kämpft gegen die Fehlplanungen von Immobilienunternehmungen in Pernambuco sowie die Zwangsräumungen nahe des Stadions. In diesem Interview erzählt der Aktivist von den Enteignungen und Menschenrechtsverletzungen.

von

Um den Tourismus in Fortaleza anzukurbeln, investiert die Regierung über 90 Millionen Euro in den Bau eines Aquariums. Gegen die Ausgaben regt sich Protest, denn in der Küstenstadt fehlt es an weitaus wichtigerem - etwa an einer soliden Abwasserentsorgung.

von

Recife ist jene WM-Spielstätte, in der am 26. Juni Deutschlands Fußball-Elf gegen die USA antritt. Gegen die Bauvorhaben im Fußballviertel "Cidade da Copa" regt sich großer Widerstand. Bis heute kämpfen die Bewohner/innen gegen Fehlinvestitionen in ihrer Stadt und für vollständige Auszahlungen ihrer Entschädigungen.

Rückschau WM 2006

von

Christian Russau gibt in seinem Text einen Überblick über Sinn, Unsinn, Kosten und Nutzen der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Dabei beleuchtet der Autor die damalige Gesetzeslage, Gesetzesänderungen sowie das WM-Sicherheitskonzept im Rahmen der FIFA-Vorgaben.

Editorial

von

Das brasilianische Parlament und die Behörden haben zugunsten privater Interessen in den letzten fünf Jahren zahlreiche Ausnahmen von demokratisch wichtigen Regeln genehmigt. Die Brasilianer tun Recht daran, sich dagegen zu wehren. Auch dem Fußball zuliebe.

Kontakt

Autoren und Verantwortliche des Dossiers

Redaktion:
Dawid Bartelt, Marilene de Paula und Manoela Vianna
 
Redaktionsassistenz:
Julia Ziesche, Lando Dämmer und Mara Natterer

Übersetzung:
Kristina Michahelles, Anne Essel und Manuel von Rahden
 
Kontakt:
Dawid Bartelt, Email: Dawid Bartelt

Animationsfilm

Der Animationsfilm "Veja como o Brasil se prepara para a Copa" ("Wie sich Brasilien auf die WM vorbereitet"), der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Witness ist Teil einer Kampagne gegen Zwangsumsiedlungen. Er zeigt, wie Regierungen und Unternehmen das Menschenrecht auf Wohnen missachten.

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