Cities of Migration: Eine Agenda des Wohlstands für alle

São Paulo
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Großstädte wie São Paulo sind dynamische Orte mit großen Entwicklungsversprechen und -potenzialen

Eröffnungsrede von Mekonnen Mesghena, Referent Migration & Diversity

Heute in einer Woche, am 12. Juni, ist Anpfiff der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. Während die Welt gespannt auf die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien wartet, werden brasilianische Großstädte von Massenprotesten erschüttert. Hunderttausende Menschen gingen auf die Straßen von Fortaleza, Salvador, São Paulo, Rio de Janeiro und anderen Städten des Landes. Die Proteste richteten sich natürlich nicht gegen den Fußball, sondern gegen den Frust, die täglichen Ausgrenzungserfahrungen, gegen Korruption und gegen irrgeleitete Entwicklungsprojekte. Den Menschen geht es schlichtweg um bessere Lebensbedingungen, Sicherheit und um die Mobilität zur Arbeit zu gelangen. "Eine fortschrittliche Stadt ist nicht die, in der sich sogar die Armen ein Auto leisten, sondern diejenige, wo sogar die Reichen öffentliche Verkehrsmittel nutzen", sagt Enrique Peñalosa, früherer Bürgermeister von Bogotá.

Großstädte wie São Paulo oder Rio de Janeiro sind dynamische Orte mit großen Entwicklungsversprechen und -potenzialen. Sehnsucht und Hoffnung treiben jedes Jahr zahlreiche Menschen in diese Großstädte. Zumindest einigen gelingt es immerhin ein besseres Leben mit Zugang zur Bildung, Arbeit und besserem Wohnraum zu erreichen. Für viele bleibt die Sehnsucht nur ein Traum. Allein in Rio existieren ca. 1.200 Favelas, in denen rund 1,4 Millionen Menschen leben - also ein Viertel der Stadtbevölkerung. In São Paolo sind es rund 1,3 Millionen Menschen, die an den sozialen, ökonomischen und kulturellen Rändern der Stadt leben. Auf der ganzen Welt sind es heute ca. eine Milliarde Menschen, die in diesen prekären und extrem armen Verhältnissen leben.

In Zukunft könnte sich diese Situation in vielen Städten weiter zuspitzen. Weltweit wachsen Städte jährlich um rund 70 Millionen Menschen – das sind etwa 1,4 Millionen pro Woche. Heute lebt etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten – bis 2030 wird sich der Anteil auf 60 Prozent und bis 2050 auf 70 Prozent erhöhen. In den kommenden Jahrzehnten sollen auf nur 3 Prozent der Erdoberfläche etwa Dreiviertel der Weltbevölkerung 90 Prozent der Weltwirtschaft erwirtschaften. Auch in Europa verschiebt sich die Demografie der Regionen aufgrund von Migration und Veränderung der Altersstrukturen. Wachsende Städte, schrumpfende Regionen.

Das Wachstum der Städte ist einerseits das Ergebnis der Verlagerung des Lebens in die urbanen Räume und andererseits das Resultat der wachsenden Zuwanderung - vor allem aus der Europäischen Union, wo Unionsbürgerinnen und Unionsbürger Mobilitätsfreiheit genießen. Eine der größten Errungenschaften des europäischen Projektes, wogegen heute Rechtskonservative und populistische politische Bewegungen mobilisieren und Ängste schüren. Der Erfolg der populistischen Parteien in Österreich, Dänemark, Großbritannien und Frankreich ist aber nicht allein eine Reaktion auf die Eurokrise und ein Votum gegen nationalen Souveränitätsverlust innerhalb der EU. Es ist auch ein Statement gegen die internen und externen "Anderen" und somit ein weiterer Versuch einer Ab- und Ausgrenzung, die europäische Ethno-Identität und das Territorium als Marker für Zugehörigkeit verknüpfen und festschreiben will. Ein Angriff auf das Fundament der Europäischen Union, der Inbegriff von Multikulturalität und Diversty.

Deutschland geografisch mitten in Europa hat entgegen aller Vernunft und Realitätssinn viel zu lange seinen Zustand als Einwanderungsland vehement geleugnet - wo heute jede und jeder fünfte Staatsbürger/in einen Migrationshintergrund hat. Und Dank der ökonomischen Situation rangiert das Land laut dem aktuellen Bericht der OECD an zweiter Stelle der beliebtesten Einwanderungsländer - nach den USA. Und hier wird ein populistischer Mythos entlarvt: Obwohl die Einwanderungszahlen in den letzten 20 Jahren noch nie so hoch waren wie heute, ist die Zahl der Erwerbslosen in den letzten 20 Jahren noch nie so niedrig gewesen wie heute.

Allein in der Region Stuttgart, wo derzeit Vollbeschäftigung herrscht, können rund 63.000 Stellen nicht besetzt werden, weil die Arbeitskräfte fehlen. Auf der Suche nach besseren Lebensperspektiven mussten zahlreiche junge Menschen in den letzten Jahren ihre Familien, vertraute Umgebung und soziale Netzwerke zurücklassen, um woanders ein neues Leben zu beginnen. Die neue europäische Einwanderergeneration navigiert heute aber nicht unbedingt dorthin, wo es lediglich Arbeit und Brot gibt. Sie geht vor allem in die Städte, wo sie Funktionalität, Modernität und neue Entfaltungschancen zu finden glaubt. "Viele Italiener, Spanier und Griechen kommen nach Berlin, die Arbeitsplätze sind aber in West -und Süddeutschland", sagt die Soziologin Edith Pichler. Auf der anderen Seite habe die Wahl der Menschen nicht nur wirtschaftliche Gründe, sondern es ginge dabei auch sehr oft um die Möglichkeit, eigene Vorstellungen und Lebensentwürfe zu verwirklichen. Sie gehen nicht einfach nach Deutschland, Dänemark oder Großbritannien, sondern ganz gezielt nach Berlin, Kopenhagen und London. "Großstädte werden in Zukunft immer wichtiger sein und die Menschen werden ihre Identität zunehmend über sie definieren", sagt der Globalisierungs- und Entwicklungsforscher Ian Goldin.

Städte waren immer schon Laboratorien sozialer Innovation und Pioniere des Wandels – und zwar gerade aufgrund der sozialen und kulturellen Vielfalt, die sie kennzeichnen. In Städten wurde die Demokratie erdacht und gelebt, hier wurden die großen Erfindungen gemacht und neue Lebensstile erprobt. Hier werden auch innovative Formen des Zusammenlebens sowie der Partizipation in der Vielfalts- und multikulturellen Gesellschaft entwickelt werden müssen. Der Erfolg vieler Großstädte hängt zu einem großen Teil damit zusammen, dass sie Hoffnungen und Träume der Menschen wahr werden lassen können, die sich entschieden haben, sich in ihnen niederzulassen. Wenn sie Erfolg haben, kann das Ergebnis eine sozial und ökonomisch starke urbane Gesellschaft und ein dynamischer Kosmopolitismus sein. Hierbei spielt Migration schon seit Jahrhunderten eine dynamische Rolle in der Urbanisierung und Entwicklung von Städten.

Liberale und inkludierende Städte sind erfolgreich in der Schaffung von chancenorientierten Bedingungen, die Integration, Teilhabe und Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Gemeinsam können Städte und Einwanderer/innen zu einer sozial, politisch und ökonomisch erfolgreichen Gesellschaft beitragen. Scheitern sie, sind Segregation, Marginalisierung, Armut und soziale Spannungen die Folge.

Rechtliche Zugangschancen und Diskriminierungsfreiheit auf dem Arbeitsmarkt gehören zu den entscheidenden Faktoren, damit Migration positive Auswirkungen auf den städtischen Wohlstand haben kann. Städtische Politik hat einen großen Einfluss auf ökonomische Chancen und Initiativen bei der Selbstverwirklichung von Migrantinnen und Migranten. Diskriminierende und rassistische städtische und ökonomische Strukturen schaden nicht nur den Menschen, die direkt davon betroffen sind, sondern sie wirken sich auch negativ auf den Zustand und die Entwicklung der Stadt aus. 

Das gilt natürlich nicht nur in Bezug auf Migration. Städtische Bevölkerungen sind heute heterogener. Vielfältig in jeder Hinsicht: sozial, kulturell, ethnisch, demografisch etc. Inwiefern sich Diversität allerdings in den kulturellen, politischen und ökonomischen Strukturen der Städte widerspiegelt, steht auf einem anderen Blatt. Städte gehen sehr unterschiedlich mit ihrer existierenden Heterogenität um - und sind oft auch unterschiedlich darauf vorbereitet.

Die Liberalität und Offenheit einer Stadt misst sich übrigens nicht allein daran, ob und wie sie die "Creative Class" - wie Richard Florida die Gruppe der supermobilen und hoch begehrten Professionals bezeichnet - anziehen und aufnehmen kann. Die Offenheit von Städten ist vor allem auch daran zu messen, wie sie Menschen, die wenig haben und mit wenig kommen, die des Schutzes und der Hilfe bedürfen, in die Gemeinschaft aufnehmen und ihnen Chancen bieten, damit sie möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen können. Alles andere schadet nicht nur den betroffenen Menschen, sondern auch der Gemeinschaft und gibt Marginalisierung und Rassismus Auftrieb. Die Besetzung öffentlicher Räume in Rom, Berlin, Hamburg, Amsterdam und mehreren europäischen Städten durch "Lampedusa-Flüchtlinge" und andere Flüchtlingsaktivistinnen und -aktivisten stellt Städte zweifelsohne vor großen Herausforderungen. Das Problem lässt sich aber mit Sicherheit nicht durch Ausschluss von Flüchtlingen aus städtischen Räumen und aus dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt aus dem Stadtbild retuschieren.

Eine humane und fortschrittliche Stadt benötigt inklusiven Geist und progressive Institutionen und Einrichtungen - Kindergärten, Schulen, Universitäten, Arbeitsmarkt, Verwaltungen, Medien, Theater, Museen etc. In all diesen Bereichen haben wir jedoch mit eklatanten Repräsentationslücken zu kämpfen. In unterschiedlichem Grad, aber das trifft auf die unterschiedlichen sozialen Gruppen zu: Frauen, Ältere, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderung etc. Die Politik und politische Institutionen gehören zu den Bereichen, wo eklatante Lücken zwischen Realität und Repräsentation existieren. Während jede/r fünfte Bundesbürgerin und Bundesbürger einen Migrationshintergrund hat, sitzen in den deutschen Stadtparlamenten gerade mal vier Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Ausgerechnet dort, wo Repräsentation das Kernstück der Demokratie ist. Der Anteil von Migrantinnen und Migranten in vielen deutschen Großstädten liegt teilweise bei etwa 50 Prozent.

In den Medien sieht die Situation noch schlechter aus. Lediglich jede 50. Redakteurin bzw. Redakteur gehört einer ethnischen Minderheit an. Die Situation auf dem Schulhof der Großstädte sieht ebenso düster aus. Trotz schnell wachsender Zahlen von Schülerinnen und Schülern mit Migrationsbiografie und kultureller und sprachlicher Vielfalt - in manchen Klassenzimmern bis zu 80 Prozent - gibt es gerade mal fünf Prozent Lehrerinnen und Lehrer, die einen Migrationshintergrund besitzen. Deutlich unterrepräsentiert sind Migrant/innen auch als Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes.

Vor dem Hintergrund rasant verändernder Stadtdemografien und wachsender Multikulturalität sind Städte gezwungen, politische und praktische Ansätze zu finden und zu formulieren, die die gesamte Stadtbevölkerung adressiert. Die progressive und tolerante Dynamik, die vom urbanen Zusammenleben ausgeht, darf nicht in visionslose Engstirnigkeit gepresst werden. Sie muss für den Rest der Republik erlebbar gemacht werden. Eine moderne und von sozialer und kultureller Vielfalt geprägte Stadtgesellschaft braucht eine Diversity-Politik, die Sichtbarkeit, Repräsentanz und Mobilität diverser Bevölkerungsgruppen im städtischen Raum und Leben auf mehreren Ebenen erhöht und Mitgestaltungsmöglichkeiten schafft.

Berlin, 5. Juni 2014 bei der "Cities of Migration Conference 2014"
http://2014conference.citiesofmigration.ca/