Protest gegen Goldabbau in Famatina: "Nie müde werden"

Protest gegen Goldabbau in Famatina: "Nie müde werden"

Ana Di Pangracio ist Spezialistin für Umweltrecht und stellvertretende Direktorin der Stiftung FARN (Fundación Ambiente y Recursos Naturales) in Argentinien. FARN setzt sich in ihrer Arbeit für eine nachhaltige Entwicklung und eine demokratischere Gesellschaft ein. Im Interview spricht Di Pangracio über Famatina, ein Dorf in der argentinischen Region La Rioja, welches sich mit Hilfe von FARN erfolgreich gegen ein Goldabbauprojekt zur Wehr setzte.

Im Gebirge von Famatina werden viele Tonnen Gold vermutet. In der Vergangenheit gab es immer wieder Interesse, diese Vorkommen abzubauen. Im Jahr 2011 verkündete die Regierung der Region La Rioja, dass das kanadische Bergbauunternehmen „Osisko Mining Corporation“ Erkundungen zum Abbau von Gold am Berg durchführen darf. Wieso kritisierte die ansässige Bevölkerung diese Entscheidung?

Die Menschen von Famatina verteidigten vor allem das Leben und den Zugang zu Wasser, denn dies ist eine wichtige Ressource in einer trockenen Umgebung wie in der Region La Rioja, in der sich Famatina befindet. Sie waren sich einig, dass dieses Megaprojekt negative Auswirkungen auf das Ökosystem haben würde und wiesen darauf hin, dass die Vorteile für die Gemeinschaft nur gering sein würden - wenn es überhaupt welche gäbe. In den Plänen rund um das großangelegte Projekt war eine nachhaltige Entwicklung für die Region nicht vorgesehen.

Die Menschen aus Famatina wollen so weiter leben wie bisher und sich der Weiterentwicklung des Tourismus im Ort und dem Anbau von Nüssen und Früchten widmen. Morgens beim Aufstehen schauen sie gerne auf ihr Gebirge und den Berg Famatina, so wie er ist. Damit sind sie glücklich, doch dies scheinen die Behörden nicht zu verstehen.

In welcher Weise ignorierte die Regierung das Recht der Bevölkerung, bei der Entscheidung für dieses Megaprojekt eingebunden zu werden?

Vor einigen Jahren erlaubte die Regierung erstmalig einem Unternehmen, Bergbau in dem Gebirge zu betreiben, musste aber wegen starker Proteste dieses Vorhaben fallen lassen. Trotzdem unterzeichnete sie dann vor drei Jahren den Vertrag mit Osisko Mining Corporation, ohne die Gemeinde vorher zu informieren. Die Menschen erfuhren über Nacht von der Realisierung des Megaprojektes. Die Provinzregierung gab keinerlei Raum für eine Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Deshalb fühlten sich die Menschen von den Behörden ausgebootet, ignoriert und schlichtweg unterschätzt. Aus diesem Grunde verlagerten sie die „Mitbestimmung“ nach draußen und organisierten sich in Versammlungen und Straßenblockaden.

Wie und in welcher Form organisierten die Bewohnerinnen und Bewohner ihren Protest?

Die Proteste wurden in demokratisch abgehaltenen Versammlungen, friedlichen Demonstrationen und Straßenblockkaden sichtbar. Die FARN begleitete und beriet bei Bedarf die Versammlungen juristisch, da diese oft von staatlichen Repressionsmaßnahmen behindert wurden. Die Versammlungen spielten bei der Sensibilisierung der Bewohnerinnen und Bewohner in Bezug auf die Gefahren eines Goldabbaus eine wichtige Rolle. Durch ihre Arbeit wurde die Solidarität unter den Menschen in Famatina und den Nachbardörfern gestärkt. Famatina schaffte es, persönliche oder parteipolitische Interessen außen vor zu lassen (man sah bei den Demonstrationen nur argentinische Flaggen) und gemeinsam für dieses eine Ziel zu kämpfen.

Wie reagierten die Verantwortlichen auf die Kritik der Bevölkerung?

Die Provinzregierung  verstand die Reaktion des Dorfes Famatina als „Widerstand gegen den Fortschritt“. Der derzeitige Gouverneur von La Rioja vertrat, als er noch Vizegouverneur war, offiziell die Meinung, dass das Leben und das Wasser der Region verteidigt werden müssten. Mit dem Aufstieg zum Gouverneur änderte sich seine Position radikal. Jetzt argumentiert er, dass der Bergbau die einzige Option für das Wirtschaftwachstum in der Provinz sei.

Die Regierung reagierte mit Härte auf die Bürgerversammlungen und unterdrückte sie auf unfassbare Weise. Über diese heftige Reaktion berichteten viele Zeitungen, Radio- und TV-Sender, sodass der Gouverneur im Juli 2013 entschied, den Vertrag mit dem Unternehmen zurückzunehmen, da das Fehlen der Einwilligung der Bevölkerung die juristische Sicherheit des Projektes gefährdete. Dies bedeutet jedoch nicht, dass das Megaprojekt in Zukunft nicht wieder aufgegriffen werden könnte.

Die Entscheidung, vorerst vom Vertrag zurückzutreten, ist ein Erfolg für die Bevölkerung. Allerdings ist das Interesse an Rohstoffvorkommen in der Welt nicht geringer geworden. Was muss sich ändern, damit die Bevölkerung in Zukunft nicht wieder vor dem gleichen Problem steht?

Heutzutage werden Rohstoffe auf skrupellose Weise abgebaut. Von Nachhaltigkeit kann keine Rede sein. Diese Ausbeutung kollidiert mit den umweltpolitischen Grundsätzen, die von der internationalen Gemeinschaft beschlossen wurden, und verletzt gesetzliche Reglungen -  nicht nur in Argentinien, sondern in den meisten Ländern der Welt. Die Regierungen müssen sich dieser Situation bewusst werden. Das Umweltrecht bietet nützliche Werkzeuge, die zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen können. Das Prinzip des Generationenvertrags, also die Befriedigung der Bedürfnisse der jetzigen Generation, ohne die nächste in Gefahr zu bringen, kann so berücksichtigt und werden und sozio-ökologische Konflikte vermeiden helfen. Dieses Instrumentarium bietet uns also auch strategisch neue Möglichkeiten. Es ist wichtig, dass wir miteinander auf transparente und partizipative Weise übereinkommen, welches Entwicklungsmodell wir für unser Land wollen.

Auf der ganzen Welt gibt es Orte, in denen Bodenschätze abgebaut werden oder abgebaut werden sollen. Was können andere Widerstandbewegungen aus dem Erfolg von Famatina lernen?

Lehrreich ist die Arbeit der Versammlungen, bei denen auf demokratische Weise Entscheidungen getroffen und Unterschiede zwischen verschiedenen Ansichten überwunden wurden, um gemeinsam das Leben und die Umwelt zu verteidigen. Darüber hinaus ist die Zusammenarbeit mit den Nachbardörfern sehr wichtig gewesen, um auch dort ein Bewusstsein darüber zu schaffen, dass die Vorteile von solchen Megaprojekten sehr gering sind. Wichtig war es auch, dass der Bürgermeister des Dorfes die Meinung der Bewohnerinnen und Bewohner unterstützte, obwohl er der Partei des Gouverneurs angehört. Er trat dafür ein, den Vertragsabschluss juristisch in Frage zu stellen und bekam schließlich von dem Gericht der Region La Rioja Recht. Das Engagement des Bürgermeisters zeigte, dass der Rechtsweg immer eine Möglichkeit ist, um Projekte dieser Größenordnung zu verhindern, wie es in dem Gebirge von Famatina geplant war. Es ist wichtig, nicht müde zu werden. Im Fall von Famatina wurde zweimal versucht, Bergwerke zu eröffnen und beide Male triumphierten die Menschen, die dort leben, die dort auch bleiben wollen und durch ihr Engagement ein großes Abbauprojekt verhinderten.

 

Das Gespräch führte Nina Gawol, Heinrich-Böll-Stiftung

 

 

Video-Mitschnitt: Fallbeispiele - Konflikte ums Territorium und politische Gestaltung (Spanisch)

Maria Luisa Aguilar (Centro de Derechos Humanos de la Montaña Tlachinollan, México): Klagen gegen Bergbaukonzessionen in San Miguel del Progreso (Mexiko)
Ana Di Pangracio (Fundación Medio Ambiente y Recursos Naturales –FARN, Argentina): Erfolgreicher Widerstand in Famatina (Argentinien)

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