Modi als fesselnder Rhetoriker

Indischer Premierminister Narendra Modi
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Der neue Premierminister Narendra Modi hält zum ersten Mal die Rede zum indischen Unabhängikeitstag

In seiner ersten Rede zum Unabhängikeitstag verzichtete Indiens Premierminister Narendra Modi auf Panzerglasschutz und sprach über Gewalt an Frauen und Indien als Produktionsstandort. Ein Beitrag aus dem Indien-Blog.

Am 15. August 1947 hisste Jawaharlal Nehru, Indiens erster Premierminister, die indische Flagge auf dem Wall des Roten Fort in Delhi zum Zeichen der neu erlangten Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien. Seitdem ist es Aufgabe jedes indischen Premierministers, am gleichen Tag und am selben Ort die indische Fahne zu entrollen und eine Rede zu halten, in der er die Erfolge der jeweils amtierenden Regierung würdigt. Die meisten dieser Reden sind wenig originell und wenn der Premier auch noch ein schlechter Redner ist, was in der Vergangenheit häufig der Fall war, gerät die Ansprache zum Unabhängigkeitstag zu einer biederen und langweiligen Veranstaltung.

In diesem Jahr feierte Indien am 15. August seinen 68. Unabhängigkeitstag und nach zehn Jahren war es wieder ein neuer Premier, der die Flagge entrollte und eine Rede hielt. Der neue Premier wich in vieler Hinsicht von früheren Reden ab: Er hielt seine einstündige Rede (die zweilängste in der Geschichte der Unabhängigkeit) frei, verzichtete auf das Panzerglas, Symbol für das Gespenst Terrorismus, mit dem unser Land konfrontiert ist, und erwies sich als fesselnder Rhetoriker. In seiner Rede deckte Modi eine Vielzahl von Themen ab, inklusive die der einfachen Leute. Er sprach die Gewalt gegen Frauen an, ein Moratorium kastenbasierter und öffentlicher Gewalt, die Einführung eines Programmes „Sauberes Indien“, einen finanziellen Inklusion-Plan, der jedem Inder Zugang zu Finanzdienstleistungen und Versicherungen öffnen soll. Und er lud die Welt ein, Indien als Hersteller und Produktionsstandort attraktiv zu machen, mit dem einprägsamen Slogan „Come make in India“. Modi schlug auch radikale Veränderungen vor, um ökonomische Reformen zu ermöglichen, etwa die Abschaffung der Planungskommission, eines der letzten Bollwerke des Nehru-Sozialismus.

In der Reaktion auf die Rede hieß es in der Zeitung Asian Age:

„In seiner ersten Ansprache zum Unabhängigkeitstag erwies sich Premierminister Narendra Modi als hervorragender Redner und griff Themen auf, mit denen er sofort eine Verbindung zu seinen Zuhörern herstellte. Er fand einprägsame Worte, die ihren Weg in Schlagzeilen, Bildunterschriften und Tweets machten, so nannte er sich den „ersten Diener“ Indiens, sprach von „zero defect, zero effect“-Produktion und definierte e-Governance als „easy, effective and economic”. Er forderte ausländische Kapitalgeber auf „to make in India“ und als „made in India“ zu exportieren.

Der Artikel weist aber auch auf einige Widersprüche in der Rede hin:

“Allerdings hatte die Rede zwei beunruhigende Aspekte. Erstens zeigte Modi sich als eine integrative Persönlichkeit, was eindeutig nicht seinem bisherigen Image entspricht. Und zweitens bietet der wirtschaftliche Weg, den Indien Modis Meinung nach verfolgen sollte, weder die erforderlichen Antworten noch die erforderlichen Instrumente, um die  Ungleichheiten in der sozialen und wirtschaftlichen Struktur unseres Landes zu beheben.“

Auch wenn viele der Themen, die der neue PM ansprach, auch schon in den Reden seiner Vorgänger benannt wurden, ist es interessant, dass sie auf völlig andere Art angesprochen wurden. Kolumnistin Neerja Chaoudhary sagte in der Economic Times:

„Man mag ihm zustimmen oder nicht, aber Modi ist es gelungen, mit seiner Rede auf dem Wall des Roten Forts zu vermitteln, dass wieder eine Führungspersönlichkeit die Verantwortung übernommen hat. Es war die Art und Weise, wie er gekleidet war, wie er sprach, indem er das Panzerglas entfernen ließ und wie er mit den Kindern umging. Führer der Congress Partei wiesen darauf hin, dass viele der Themen, die Modi ansprach – die Sicherheit von Frauen, Herstellung und Produktion, e-Regierung und Armut —keineswegs neu waren und auch schon in Reden seiner Vorgänger, einschließlich Dr. Manmohan Singh, vorkamen. Der Unterschied lag aber in der detaillierten Ausarbeitung, der Rhetorik, dem Charisma und der cleveren Nutzung der Medien – sie alle schufen den Modi-Effekt.“

Es ist unbestreitbar: Narendra Modi ist ein Kommunikator par excellence. Seine Fähigkeit, eine Verbindung zu den Massen herzustellen und über Themen zu sprechen, die ihnen wichtig sind, ist außergewöhnlich. Das ist schon zu Beginn seiner Wahlkampagne deutlich geworden, die zu einem beispiellosen Sieg für ihn und seine Partei führte. Aber bald sollte er auch liefern, denn die Menschen werden nicht ewig mitgehen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem er seine Versprechen einlösen muss.

Indien sagt die Gespräche mit Pakistan auf Außenministerebene ab

Indien hat die geplanten Gespräche auf Außenministerebene zwischen Indien und Pakistan abgesagt, nachdem sich der pakistanische Gesandte mit Separatistenführern aus Jammu und Kaschmir getroffen hatte, obwohl der indische Außenminister ihn gebeten hatte, dies zu unterlassen. Solche Treffen mit Separatistenführern fanden auch in der Vergangenheit häufiger statt und man fragt sich, warum Indien sich gerade jetzt darauf konzentriert, insbesondere angesichts der Tatsache, dass der indische PM in seiner Rede zum Unabhängigkeitstag einige Tage vorher die üblichen Verweise auf die von Pakistan ausgehende Terrorgefahr vermieden hatte.

Die Times of India kommentierte am 19. August unter der Schlagzeile „Modi- Regierung zeigt Pakistan die starke Seite und sagt das Außenministertreffen ab“ wie folgt:

„Die Gespräche Pakistans mit den Separatisten in Kaschmir haben in New Delhi schon immer Bauchschmerzen verursacht, führten aber nie zu einem Abbruch des Dialogs. Mit seiner beispiellosen Reaktion auf die letzte Provokation aus Pakistan hat die Modi-Regierung die Messlatte für Islamabad hoch gehängt.“ 

Ein Sprecher des Außenministeriums begründete die Absage der Gespräche:

„Zu einem Zeitpunkt, zu dem Indien mit ernsthaften Initiativen bemüht ist, Fortschritte in den bilateralen Beziehungen zu erzielen, einschließlich die Wiederaufnahme eine Dialogprozesses, wirft die Einladung des pakistanischen Hochkommissars an die so genannten Führer der Hurriyat Fragen bezüglich der Aufrichtigkeit Pakistans auf und zeigt, dass die negativen Ansätze und Versuche Pakistans, sich in die inneren Angelegenheiten Indiens einzumischen, ungebrochen weitergehen.“ 

Separatisten aus Kaschmir nannten Indiens Entscheidung, die Gespräche abzusagen, „unglücklich“ und Islamabad bezeichnete sie als einen Rückschlag für den Friedensprozess.

Während die Absage der Gespräche von der regierenden Bhartiya Janta Partei bejubelt wurden, fragen sich viele Inder „Warum jetzt?“ und „Was nun?“. Einige gehen davon aus, dass die demnächst stattfindenden Wahlen in Jammu und Kaschmir, die wiederholten Angriffe Pakistans an der Grenze, die instabile und schwache Position der Regierung Sharif nach großen Demonstrationen der Pakistan Tehreek-i-Insaaf Partei von Imram Khan und der Pakistan Awami Tehrik Partei des Islamgelehrten Tahirul Qadri für die harte Haltung der Modi-Regierung verantwortlich sein könnten. Man hörte aber auch besorgte Stimmen, die Modi-Regierung könnte sich mit dieser Entscheidung in eine Ecke manövriert haben, aus der sie nur sehr schwer wieder herauskommt. Man wird mit der Zeit sehen, ob sich die Absage der Gespräche mit Pakistan als eine kluge oder als eine reine Reflexreaktion auf ein komplexes und schwer entwirrbares Problem herausstellen wird, das seit 70 Jahren ungelöst ist.