Blühender Frust

Blühender Frust

Lügen und Wahrheiten, Teil 4 - Erinnerungen an ein paar Dachschäden und Freiräume im alten Prenzlauer Berg.  Der Dichter Andreas Koziol sorgte in den achtziger Jahren in Ost und West für Furore in den Feuilletons. Auch die Stasi war in dem Künstler-Biotop im Prenzlauer Berg leibhaftig präsent. In seinem Essay "Lügen und Wahrheiten" berichtet er von einer fast vergessenen Epoche Ostberliner Subkultur.

Blühender Frust

Mitlachen konnte ich bei den Stelldicheins mit den Stadtviertelfreunden nie so richtig, aber das lag nicht am Fehlen von Gründen zum Mitlachen, sondern an einer Muskulaturschwäche in der unteren Gesichtshälfte. Und ein angeborener Sehfehler verurteilte mich dazu, dem jeweiligen Gegenüber nie so richtig in die Augen sehen zu können – ein weiteres physisches Manko, das automatisch zu moralischen Fehldeutungen führen konnte, vor allem in Zeiten allgegenwärtigen Mißtrauens, wo die meisten einen geraden, festen und offenen Blick als fälschungssicheren Ausweis für Aufrichtigkeit ansahen.

Versehen mit dieser Laune der Natur war man mitunter schon als unaufrichtig abgestempelt, bevor man überhaupt so viel trinken konnte, um auf allen Vieren die Party zu verlassen. Intuitive Gesichtskontrolle als Funktionselement der Gesinnungsschnüffelei, und dabei doch gerade als Schutzreflex genau gegen eben jene gedacht. Paradox so was, und tendenziell auf Selbsttäuschung hinauslaufend. Statt echter Lebenszeichen nur die Kryptografie von Milieuschäden. Ostkopflektüre mit westentaschenpsychologischen Lesezeichen. Vergeblich, aber hinnehmbar. Und ohnehin: Wie konnte einer denn erwarten, nicht schief angesehen zu werden, wenn er selber, wenn auch unabsichtlich, andauernd die anderen schief ansah. Ich war es gewohnt, mit Worten wieder auslöffeln, was mir mein schräger Blick versehentlich eingebrockt hatte. Doch es ist auf die Dauer zu anstrengend, irgendwo dazugehören zu wollen und gleichzeitig ständig mit sich selber wie mit einem Mißverständnis für andere zu rechnen.

Irgendwann reichte es und reizte nur noch dazu, sich mit Gewalt zum Idioten des Vorurteils von anderen zu machen. Einer vergleichenden Beobachtung Heiner Müllers zufolge war der Ostdeutsche als solcher seinerzeit stets auch daran zu erkennen, daß er die Augen nicht ganz offenhielt. Der „verdeckte Blick“ als Symptom einer kollektiven Psyche, für die es, außer Westfernsehen, nichts zu glotzen gab. Und als physiognomisches Merkmal einer resignierten Wachsamkeit gegen mögliche Stasizuträger im eigenen Kollegenkreis, die natürlich den gleichen „verdeckten Blick“ besaßen und mit diesem schon sehr milieugenau getarnt waren.

Die Müller-Diagnose stimmte, stimmte aber nicht ganz mit dem Motiv überein, das ich damals hatte, meinen Blick zu senken. Ich wollte einfach nur nicht mehr alles doppelt sehen und mich in einer auf mich zurückprojizierten Schizophrenie winden müssen, bloß weil ich einen Knick in der Pupille hatte. Davor, daß etwas von mir in „falsche Ohren“ geraten könnte, hatte ich keine Angst mehr. Wozu sollte einer den Staat kritisieren oder abschaffen wollen, der mit ihm ohnehin nicht zu machen war? Das müßten „die“ doch langsam kapiert haben, die wußten doch sonst auch „alles“, wenn auch „alles“ bei „denen“ seine Grenzen hatte, innerhalb derer wahrscheinlich noch nicht mal ein Blatt Papier frei atmen konnte. Ich fühlte mich harmlos und, auch ohne die eingefleischten Faxen des Mißtrauens aller gegen jeden, so überflüssig wie eine unpassende Gewohnheit. Vielleicht war es höchste Zeit, sich selber abzuschaffen.

„Warum lebst du dann noch, wenn du eigentlich gar nicht mehr leben willst?“, fragt in der Erzählung „Der Mond“ von Wolfgang Borchert ein alter Mann einen jungen, während beide sich in einer Nacht des ersten Nachkriegswinters gemeinsam an einem, mit aus den Ruinen zusammengesuchten Brettern in Gang gehaltenen, Feuer wärmen. „Aus Trotz“, antwortet der junge, „aus reinem Trotz!“ Es ist vielleicht geschmacklos, daß sich fünfunddreißig Jahre später ein junger Mann unter vergleichsweise luxuriösen Lebensbedingungungen für genau dieselbe Antwort erwärmen konnte, wenn es ihm zu lange in der Seele fror. Doch eine bessere Antwort wäre mir trotz sogenannter „Gnade der späten Geburt“ und ausreichender Versorgtheit mit Grundnahrungsmitteln und halbwegs höherer Bildung zur Zeit der totalen inneren Krise auch nicht eingefallen.

Der Wind hatte sich gedreht, er blies mich in den Prenzlauer Berg und schüttelte dabei auch den seit den frühen 70ern gepflegten Hippiehabitus von mir ab wie faules Obst. Ekel vor der eigenen Schlafmützigkeit und Wut auf einen kaputten Traum entfalteten plötzlich sittenkritische, kognitive Energien: Wir waren nicht nur diejenigen, vor denen uns die Eltern immer gewarnt hatten. Wir waren sogar diejenigen, die sich vor sich selber warnten. Jetzt ging es plötzlich nicht mehr um Liebe und Frieden, sondern auf eine in die Enge getriebene Art um alles oder nichts. Es war der Zeitpunkt, zu dem das Gemüt die Punkform annahm. Müll wollte Wahrheit werden und als Lüge auf alles zurückfallen, was ihn hervorbrachte. Damals verstand sich diese Wegwerflogik fast schon von selbst. Die ihr verfielen, erkannte man daran, daß sie der ganzen Welt eine Abfuhr erteilten. Die Welt, haha, hat das nicht mitbekommen, obwohl sie in ihrem objektiven Status quo, dem sogenannten „Gleichgewicht des Schreckens“ zwischen NATO und Warschauer Pakt, durchaus selber buchstäblich auf der Kippe stand.


Arroganz zweiter Klasse

Das hier ist eine Zwischenbemerkung ohne genauen Bezug zum Vorhergehenden und Weiteren: Mir fiel im Laufe der ersten Jahre des „wiedervereinigten“ Deutschlands irgendwann einmal auf, daß unter den noch vor der Zeit des Mauerfalls in die alte BRD Ausgereisten ein mißbilligendes Kopfschütteln über ihre erst eigenen, dann ehemaligen und plötzlich auf einmal mit ihnen wiedervereinigten DDR-Schicksalsgenossen aufkam und umso entschiedener ausfiel, je früher die Betreffenden ausgereist waren, je länger sie also selber an den Einfügungen ihrer Lebensläufe in die Strukturen der alten Bundesrepublik zu arbeiten gehabt hatten.

Aber es fiel auch nicht sehr schwer, Verständnis für ihren gewissermaßen sekundären Wessi-Dünkel aufzubringen, mit dem sie nach der „Wende“ auf ihre ruckartig entgrenzten und noch so viel an Demokratielernstoff vor sich habenden Hinterbliebenen schauten, weil das Überkompensatorische an diesem menschlich eher unfeinen Verhalten auf der Hand lag. Um die bemühte Verständnislosigkeit eines schon viel früher im Westen gelandeten Ostdeutschen zu verstehen, brauchte es einfach nur eine Ahnung von dem, was jemand fühlen mochte, der selber große Opfer für die Überschreitung einer Grenze gebracht hatte, die plötzlich unter dem Druck der hinter ihr Zurückgelassenen einfach aufgehoben wurde.

Geniale Dilettanten

Es sei, in Form einer zweiten Zwischenbemerkung aus dem Stegreif, daran erinnert, daß im Gegensatz zu der bedrückenden Geschlossenheit der geopolitischen Systemgrenzen die Sinne der innerhalb wohnenden jungen Leute recht offen waren, z. B. gegenüber dem, was unter der Bezeichnung „erweiterter Kunstbegriff“ zu ihnen herüberkam und zu einer freien Anwendung auf die eigene Ausgangs- oder Aufbruchslage einlud. Gleicherweise erfuhr der zumeist mit experimenteller Punkmusik in Verbindung gebrachte sogenannte „Geniale Dilettantismus“ seine Wertschätzung bei denen, die aus der Not eines vorläufigen oder endgültigen Mangels an professionellen Kunstfertigkeiten eine eigensinnige Tugend zu machen gedachten.

Es war bestimmt nicht der Gedanke an den Genius Griechenlands, der sich als spontaner Geist der Selbstbefreiung aus allen möglichen für klassisch geltenden Ausdrucksmustern Bahn zu brechen versuchte. Es war eher der naive Glaube daran, daß die falschen Verhältnisse nur dann zu tanzen beginnen würden, wenn man ihnen bewußt falsche Töne vorspielte. Auch Aspekte des Futurismus und Dadaismus, der „Konkreten Poesie“ sowie der „L’Art Brut“, also der im frühen 20. Jahrhundert als Kunst entdeckten und „Kunst der Geisteskranken“ genannten Kunst von Insassen psychiatrischer Anstalten, wurden von manchen in den Container ihrer kreativen Reserven eingelagert.

Man könnte auf die Frage, was das nun eigentlich sollte, lapidar antworten: es war eben damals modern, aber müßte unbedingt hinzufügen, daß alles Moderne im traditionell internationalen Sinne des Worts in der DDR nur ein kurioses Schattendasein führte. Die offizielle Verlagspolitik des seinerzeit so titulierten „Leselands“ kam in ihrem Verhältnis zur Moderne nicht über limitierte Feigenblatt-Auflagen diverser grundlegender Autoren hinaus und hat erst im zunehmenden Sog der auf das Ende des Staates hinauseilenden Jahre immer mehr Neuheiten aus einer zuvor als „bürgerlich-dekadent“ eingeschätzten und ausgeblendeten Kunstvergangenheit zur Veröffentlichung freigegeben. Nochmals lapidar und weiter lockerlassend gesagt: Wer in der DDR etwas kulturpolitisch Ungenehmigtes oder grade mal noch so Geduldetes an sich hatte, war darin nicht selten einfach nur modern und konnte eigentlich nichts für den damit einhergehenden Anschein des Subversiven.

((Zwar besaßen und lenkten auch die ZK-Bonzen mit dem DDR-Staat ein bürokratisches Ungeheuer von massiver Modernität, hatten aber in Fragen des kulturellen Zeitgeschmacks zu viel Angst vor den Einflüssen des Westens. Sie waren ja in der Regel bereits von der eigenen Ideologie überfordert und umgaben ihr propagiertes Menschenbild, das marxistische Projekt vom freien Individuum in klassenloser Gesellschaft, mit dem biederen Rahmen ihrer eigenen kleinbürgerlichen Beschränktheit, die als solche zwar, auf andere Art, „ohne Klasse“, aber dennoch nicht das Schlechteste gewesen wäre, wenn sie nicht alliierte Politik nach dem Ende des Weltkriegs an die Spitze der ostdeutschen Aufbaugesellschaft gebracht hätte.))

(Heute erschließt es sich mir längst nicht mehr, was modern zu sein in einem vernünftigen Sinne noch bedeuten könnte. Die Kehrseite der Moderne ist nicht das Un- oder Antimoderne, sondern die ungehemmt progressiv und innovationstechnologisch tuende Verflachung der Dimension des allgemeinen Menschen, um von der technologiebesoffenen Herrenmentalität gegenüber der Natur hier gar nicht erst anzufangen.)

Auszüge aus dem unveröffentlichten Essay Lügen und Wahrheiten, Oktober 2014

Hier die weiteren Teile des Essays lesen.

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