"Ich möchte einfach keine Mutter sein"

"Ich möchte einfach keine Mutter sein"

Frauen die das Konzept der Mutterschaft ablehnen werden oft pathologisiert - als müsse etwas kaputt sein, wenn einer Frau beim Blick ins Babybett nicht das Herz übergeht — Bildnachweise

"Regretting Motherhood" heißt eine Studie aus Israel, die auch hierzulande Wellen schlägt: Frauen, die das Konzept Mutterschaft ablehnen, obwohl sie Kinder haben? Für viele Medien grenzt das an Fahnenflucht. Für Heide Oestreich ist es ein Zeichen des gesellschaftlichen Wandels. Der "Feministische Zwischenruf".

Sie bereuen ihre Mutterschaft. Regretting Motherhood, so heißt die Studie, die vor allem den weiblichen Teil der Gesellschaft in Wallung bringt. 23 israelische Frauen aller Altersstufen haben der Soziologin Orna Donath erzählt, dass sie zwar nicht ihre Kinder hassen, aber das gesamte Konzept Mutterschaft. Zum Beispiel Tirtza: geschieden, zweifache Mutter und mittlerweile auch Großmutter. "Seit den ersten Wochen nach der Geburt habe ich die Entscheidung bereut", sagt sie. "Eine Katastrophe. Ich habe sofort verstanden, dass das nichts für mich ist. Mehr noch: Es ist der Albtraum meines Lebens." Oder die 38-jährige Doreen: "Ich bereue es, Kinder bekommen zu haben - aber ich liebe die Kinder, die ich bekommen habe. Ich wünsche mir nicht, dass sie nicht hier wären, ich möchte einfach keine Mutter sein."

"Ich möchte einfach keine Mutter sein". Obwohl wir schon eine Weile über Kinderlosigkeit debattieren, obwohl wir seit Jahren über den Stress junger Eltern sprechen, der nahe legt, dass das eine oder andere Paar es einfach sein lässt, schlagen die Worte ein wie eine Bombe.

Auf Twitter häufen sich die Einträge, und Medien interviewen Psychologinnen zum Thema. Und da passiert etwas Interessantes: Der Satz ist so wenig aushaltbar, dass er wieder eingefangen werden muss. Zum einen werden ihm moralische Zügel angelegt: "Darf man das Muttersein bereuen?", fragen besorgt Regionalblätter von Kölnischer Rundschau bis Berliner Zeitung. Also, ob es verboten ist, Mutterschaft zu bereuen. Hä? Seit wann sind Gefühle verboten? Antwort: Seit es den Muttermythos gibt. Die negativen Gefühle der Mütter gegenüber ihren Kindern, sie sind gut verborgen hinter einem Gebirge von Mutterkitsch, schaumig und süßlich. Und das wird, nachdem Orna Donath einmal hineingebohrt hat, schnell wieder zugestopft.

So häufen sich auf Twitter die guten, lieben, gesellschaftlich akzeptierten Mütter und müssen betonen, dass sie ihre Kinder auf jeden Fall sehr lieben und eine freudenreiche Mutterschaft haben, auch wenn sie natürlich höllisch anstrengend sei. Fahnenflucht: undenkbar. Es stand zwar überhaupt nicht in Frage, dass viele Mütter eine positive Mutterschaft erleben, aber das Bedürfnis nach Abgrenzung ist offenbar groß. "Ich verurteile das! Natürlich ist es anders als vorher aber eine Mutter soll ihr Kind lieben und nicht bereuen!", schreibt eine Luise Woldt etwa.

Ebenso schnell werden die Frauen pathologisiert. Zwar hatte die Soziologin Donath betont, dass diese Frauen alle keine auffälligen Persönlichkeitsstrukturen hätten und durchaus in der Lage waren, ihre Kinder zu lieben, während sie Mutterschaft an sich ablehnten. Dennoch sprang die Pathologisierungsmaschine an. Tenor: Es muss was kaputt sein, wenn einer Frau beim Blick ins Babybett nicht das Herz übergeht. Es ist vom Perfektionismus der Mütter die Rede, und dass sie sich von ihrem Ideal zu wenig abgrenzen können.

Psychologinnen geben Tipps, wie entspannte Mütterlichkeit aussehen kann. Männerlobbyisten erklären, dass Frauen auch mal die Verantwortung abgeben müssen, was sie offenbar schwer können. Das ist sicher alles richtig, aber darum ging es in der Studie gar nicht. Niemand von den Befragten beklagt, dass alles zu viel geworden ist, zum Teil werden auch liebevolle und verantwortungsvolle Väter vermeldet.

Hinter diesem Einfangen stecken drei Gründe: Der erste ist ein allzu menschlicher: Wer etwas bereut, hat eine traurige Botschaft mitzuteilen. Es ist etwas in meinem Leben anders gelaufen, als ich es mir wünsche. Das halten fast alle schwer aus. Dass da etwas nicht durch einen fröhlichen Blick nach vorn aufgelöst wird, sondern einfach zur Sprache kommt. Schon daher kommt eine Tendenz, diese Aussage zu relativieren.

Der zweite: Wir waren alle mal Kinder. Und eine der grausamsten Botschaften, die man einem Kind mitgeben kann, ist dass es nicht gewollt  war. Da läuft es vielen kalt den Rücken hinunter. Das war zwar wiederum nicht das Thema, aber das muss auf Twitter erst mühselig wieder herausgeschält werden. Es geht nicht darum, die konkreten Kinder abzulehnen, sondern die Mutterschaft als Konstrukt.

Der fatalste Mechanismus aber lautet: Es ist offenbar immer noch schwer vorstellbar, dass das Konzept Mutterschaft für einige Frauen einfach nicht taugt - egal, wie sie es anlegen. Sie wollten ein anderes Leben und nicht die Verantwortung für Kinder übernehmen. Das ist immer wieder eine grundstürzende Offenbarung in einer Gesellschaft, für die eine kinderlose Frau schlicht nicht normal ist.

Während Väter sich reihenweise aus ihren Familien verabschieden, ist das für Mütter immer noch kaum denkbar. Ein Grund ist, dass die meisten der heutigen Eltern mehr oder weniger vaterlos aufgewachsen sind. Der Papa ging zur Arbeit, und die Mama kümmerte sich um die Kinder. Wenn die auch noch von der Fahne geht, - wer bleibt dann? Dass Väter die fällige Bemutterung übernehmen könnten -  und in einigen Fällen, die Orna Donath referiert, auch tun, das ist noch nicht angekommen.

Gesellschaftlicher Wandel vollzieht sich in Schüben. Vielleicht haben wir gerade einen kleinen dieser Schübe erlebt.

Heide Oestreich schreibt monatlich einen feministischen Zwischenruf für das Gunda-Werner Institut.

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9 Kommentare

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Sylvia E.

Danke für diese klaren und nachvollziehbaren Worte! Unsere Gesellschaft braucht mehr davon.

Marcel

[Kommentar wegen Beleidigung und Sexismus gelöscht. Bitte halten Sie sich an die Kommentarregeln]

Belinda

Dieser Artikel zeigt einmal mehr, wie sehr wir es brauchen "einfach" sein zu dürfen und unserem Herzen folgen zu können sowie den Mut stets der Wahrheit treu zu bleiben und sie auch auszusprechen. Denn vorallem Kinder lesen zwischen den Zeilen und spüren auch die unausgesprochenenen Worte. Da bin ich definitiv für mehr Transparenz, welche auch Klarheit ins eigene Gefühlsleben bringt und letztenendlich einen besseren Umgang mit sich selbst und seinen Lieben um sich rum ermöglicht. So können auch "ungerne" Mütter, Menschen sein, welche kleinere Menschen auf Ihrem Weg begleiten ohne sich selbst zu verlieren.

Britta

Danke für diesen sehr guten Artikel. Und Belinda! Wenn doch alle so dächten! Ihre Worte machen Mut!

Sabrina

Darf ich am Rande auf die kommentierte Lesesammlung vom Vereinbarkeitsblog hinweisen? Wir haben versucht, so viele Meinungen wie möglich zum Thema einzufangen.

Lina

ICH KANN ES NICHT FASSEN. Das wird von der Autorin nun als positiver Schritt in die richtige Richtung gewertet? Mir fehlen die Worte. Und nach den Gründen für diese "Gefühle", wie es hier genannt wird, fragt sie nicht? Dass die Umstellung und die vielen (vorübergehenden) beruflichen und privaten Einbußen nach der Geburt eines Kindes nicht mit der ins Unermessliche steigenden Selbstausbeutung und Selbstoptimierung zusammenpassen? Dass wir daraufhin nicht unsere Einstellung zu Arbeit, Karriereutopien und Freizeitstress ändern sondern lieber das "Konstrukt Mutterschaft", was auch immer das sein soll, verurteilen oder gar abschaffen wollen?? Dass bei einer etablierten 30-h-Woche bei beiden Elternteilen und Konzepten, wie sie in skandinavischen Ländern verbreitet sind, die Sache für diese Mütter vielleicht schon wieder ganz anders aussähe? Dass, wenn wir mit der Gleichberechtigung endlich mal voran kämen und es in allen Berufsfeldern endlich verstanden würde, dass Menschen sich eben fortpflanzen, dass Kinder keine Spezies sind sondern einfach nur die nächsten Erwachsenen, und dass wir aufgrund der kollektiv defekten Psyche der Menschen in westlichen Gesellschaften jetzt leider nicht einfach aussterben können, jeder Mensch hier einfach ganz normal essen, schlafen, arbeiten, f*****, sch****** und sich fortpflanzen könnte, ohne sich ständig in irgendwelche verkopften, hypochondrischen Konstrukte zu verlieren!

Lina

Das wird von der Autorin nun als positiver Schritt in die richtige Richtung gewertet? Mir fehlen die Worte. Und nach den Gründen für diese "Gefühle", wie es hier genannt wird, fragt sie nicht? Dass die Umstellung und die vielen (vorübergehenden) beruflichen und privaten Einbußen nach der Geburt eines Kindes nicht mit der ins Unermessliche steigenden Selbstausbeutung und Selbstoptimierung zusammenpassen? Dass wir daraufhin nicht unsere Einstellung zu Arbeit, Karriereutopien und Freizeitstress ändern sondern lieber das "Konstrukt Mutterschaft", was auch immer das sein soll, verurteilen oder gar abschaffen wollen?? Dass bei einer etablierten 30-h-Woche bei beiden Elternteilen und Konzepten, wie sie in skandinavischen Ländern verbreitet sind, die Sache für diese Mütter vielleicht schon wieder ganz anders aussähe? Dass, wenn wir mit der Gleichberechtigung endlich mal voran kämen und es in allen Berufsfeldern endlich verstanden würde, dass Menschen sich eben fortpflanzen, dass Kinder keine Spezies sind sondern einfach nur die nächsten Erwachsenen, und dass wir aufgrund der kollektiv defekten Psyche der Menschen in westlichen Gesellschaften jetzt leider nicht einfach aussterben können, jeder Mensch hier einfach ganz normal essen, schlafen, arbeiten und sich fortpflanzen könnte, ohne sich ständig in irgendwelche verkopften, hypochondrischen Konstrukte zu verlieren!

Julian

Da sieht man wieder, dass kapitalistische Dogmen e.g. "Kind schadet Karriere" auch vor dem so schönen Feminismus nicht halt machen, welcher ja eigentlich der immer noch unerreichten Gleichberechtigung dienen sollte, nun aber eher zu einer Art Machtkampf der Geschlechter geworden ist.

Ja, genau. Aktuell sind meine Geschlechtsgenossen die Verlierer des Bildungssystems ( Vielen dank an Herr/Frau Genderismus!)

Um nochmals dabei zu bleiben. Mann und Frau sind einfach Menschen. Wenn Menschenrechte wirklich ausgeübt werden brauch man weder Frauen- noch Männerrechtler.
Unterschiede gibt es ja: Ich habe theoretisch* mehr Muskelmasse und eine bessere Raumvorstellung und bin deshalb für andere Aufgaben besser geeignet als eine Frau.
Die Frau wiederum verfügt theoretisch* über bessere Kommunikationsfähigkeiten und soziale Kompetenzen.
(* siehe Körperbau und Gehirnstruktur der Geschlechter)

@Lina: Kinder sind nicht nur die nächsten Erwachsenen, sondern die Zukunft der Menschen ;)

Wer Kinder ablehnt, lehnt Menschen ab. Abtreibung ist ok aber man sollte besser verhüten anstatt, dass sich Frau dann doch eines solchen nicht risikoarmen Eingriffes unterziehen muss.

Das Konzept Mutterschaft ist natürlich. Ein Vater kann diese Rolle selbstverständlich auch übernehmen. Oder besser: Man übt dies gemeinsam aus.

Natürlichkeit? Was meint der Autor dieser Zeilen damit?

Naja, dass man das tut, was die Evolution diktiert:
Essen, schlafen, sich fortpflanzen,sterben.

Ist ganz einfach und on Top bleibt noch Zeit für Kulturerlebnisse, Ausflüge, Sport, Diskussionen in Kommentaren und wonach es einem beliebt.

Ich kenne nicht den Sinn des Lebens. Aber das absolute ausleben der Instinkte in einem Rahmen, wo es keinem schadet ist erfüllend und wünschenswert.

Bedauerlicherweise zählt der Mensch nicht mehr.
Er ist nur Arbeitsmittel/Arbeitskraft (siehe Blutkohle aus China, Textilien aus Bangladesh, Kindersoldaten in Afrika und viele schöne Auswüchse des Konsumwahns mehr)

Klar, ich kann das mit der Fortpflanzug ablehnen aber wenn es soweit ist, dann sollte ich das Kind entweder behalten oder in die Obhut anderer geben aber nicht herumquengeln, wie unzufrieden ich doch bin.

Traurig, dass diese sonst so gern von mir besuchte Seite die psychologischen Krisen, welche manche Mütter durchleben, als etwas Gutes darstellt.

!Vorsicht:Satire!
Man könnte daraus ja die Schlussfolgerung ziehen, dass Menschen mit Depressionen auch gesund sind und man ihnen statt Therapie und Hilfe besser das Know-How und den Zuspruch für ihren eventuell gewünschten Freitod liefert.
!Vorsicht:Satire!

Julian

Immer dieser Karrieregedanke. Wofür das ganze Geld?
Weil ich ohne meine 400 Euro Handtasche nicht leben kann?
Weil ich ohne Sportwagen keinen adequaten Sexpartner kriege?

Das essentielle am Leben ist das Überleben und das generieren von Nachkommen.

Sobald man sich damit abfindet merkt man auf einmal, dass abwechslungsreicher Sex, gutes Essen und das Leben in Gemeinschaft mehr wert haben als diese materiellen "Güter".

Leider hat der liebe Kapitalismus uns Glauben gemacht, dass wir ohne diese Güter jenes nicht erreichen können.

Man merkt, dass sich da der Kater in seinen Schwanz beisst^^