Wirtschaft ist Care: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen

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Dass es Aufgabe der Haushalte ist, für das Lebensnotwendige zu sorgen, stand schon im vierten Jahrhundert vor Christus fest. Urheber/in: malloreigh . Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Putzen, Kochen, Kinderhüten: Warum ignoriert die Ökonomie immer noch jene Arbeiten, die viel mehr Frauen als Männer gratis in so genannten Privatsphären leisten? Ein Auszug aus dem Essay von Ina Praetorius.

In allen Lehrbüchern der Ökonomie, die ich kenne, wird Wirtschaft als arbeitsteilige Befriedigung menschlicher Bedürfnisse definiert, zum Beispiel so: „Es ist Aufgabe der Wirtschaftslehre zu untersuchen, wie die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse am sinnvollsten hergestellt, verteilt und ge- oder verbraucht werden.“

Oder so: „Arbeitsteiliges Wirtschaften ist eine gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität.“

Dieses weithin anerkannte definitorische Rahmenabkommen entspricht der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs Oikonomia. Er leitet sich von den griechischen Wörtern für Haushalt (oikos) und Gesetz (nomos) ab, bedeutet also ungefähr „Lehre vom Haushalten“ oder „Gesetz des Hauses“. Dass es Aufgabe der Haushalte ist, für das Lebensnotwendige zu sorgen, stand schon im vierten Jahrhundert vor Christus fest: der oikos ist für Aristoteles, der den Begriff in seiner „Politik“ erstmals systematisch entfaltet, die Basisinstitution des menschlichen Zusammenlebens, in dem „die notwendigen Güter“ her- und bereitgestellt werden, ohne die „man weder leben noch vollkommen leben“ kann.

Es ist wichtig, die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse intelligent arbeitsteilig zu organisieren. Denn es gibt keine nichtbedürftigen Menschen, und die Erde ist ein zwar großzügiger, gleichzeitig aber begrenzter Lebensraum, mit dem die Menschheit, will sie überleben, sorgfältig umgehen muss. Heute ist die Ökonomie deshalb zu einer Art Leitwissenschaft geworden, aus der viele Menschen ihre Anschauungen darüber beziehen, was normal und richtig ist, wer sie als Menschen sind und wie sie sich verhalten sollen. Ob Ökonominnen und Ökonomen die Welt angemessen beschreiben, ist also nicht nebensächlich.

Nicht nebensächlich ist zum Beispiel, dass die moderne Wissenschaft, die untersucht, „wie die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse am sinnvollsten hergestellt, verteilt und ge- oder verbraucht werden“ rund die Hälfte dieser Maßnahmen und Mittel gewohnheitsmäßig unbeachtet lässt: ausgerechnet diejenigen Maßnahmen zur Bedürfnisbefriedigung, die in den Privataushalten (oikoi) ins Werk gesetzt werden und ohne die kaum jemand als Kind überlebt hätte, kommen in der Wirtschaftswissenschaft heute nicht oder nur ganz am Rande und oft verzerrt als bloßer „Konsum“ vor.

Was hat es mit dieser massiven Auslassung auf sich? Warum werden diejenigen Mittel und Maßnahmen zur Bedürfnisbefriedigung, die, aller Emanzipation zum Trotz, von viel mehr Frauen als Männern gratis in so genannten Privatsphären geleistet werden, gewohnheitsmäßig als vor- oder außerökonomisch definiert? Um diese Frage, für deren Beantwortung es einer gedanklichen Reise durch die Geschichte des Abendlandes bedarf, geht es in diesem Essay.

Wenn Gleichstellung nicht die Lösung ist: Welche andere Politik braucht es?

Und es geht um mehr: Warum gilt der Großteil aller Tätigkeiten in Haushalten – Putzen, Waschen, Kochen, Pflegen, Kinderhüten... – noch immer tendenziell als „weibliche Natur“? Wie ist es zur sprichwörtlichen Dreiheit „Kinder, Küche, Kirche“ gekommen? Wie hängt die Tatsache, dass bestimmte Menschen, Sphären und Tätigkeiten nicht nur als „weiblich“, sondern gleichzeitig als besonders „natürlich“ oder „naturnah“ gelten, mit dem zusammen, was man inzwischen als ‚Raubbau an der Natur’ bekämpft? Was bedeutet die eigenartig gespaltene Sicht des Wirtschaftens für das Zusammenleben der sieben – bald mehr – Milliarden Erdenbürgerinnen und Erdenbürger, die mit unzähligen anderen Lebewesen den verletzlichen Lebensraum Erde bewohnen?

Lässt sich die inzwischen als notorisches „Problem“ erkannte geschlechtsspezifische Arbeitsteilung durch das Konzept „Gleichstellung“ aus der Welt schaffen? Oder ist die gängige Identifizierung von Geschlechterpolitik mit Gleichstellungspolitik – und damit ihre Absonderung von so genannt allgemeinpolitischen Fragen – Teil des Problems, das sie zu lösen verspricht? Und wenn Gleichstellung nicht die Lösung ist: Welche andere Politik braucht es, um die Fehlleistungen im Kern nicht nur der Ökonomie, sondern der gesamten symbolischen Ordnung, von der die inzwischen den Globus dominierende westliche Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaft ein Teil ist, im Sinne eines guten Zusammenlebens aller zu korrigieren? […]

In der Ökologie als politischer Kraft liegt, dieser entscheidenden Differenz zufolge, das Potential, die Ökonomie an ihre Zweckbestimmung zurückzubinden: Die Befriedigung der Bedürfnisse aller sieben – bald mehr – Milliarden menschlichen Würdeträgerinnen und Würdeträger, die zusammen mit unzähligen anderen Lebewesen den verletzlichen Lebensraum Erde bewohnen, muss so reorganisiert werden, dass dieses komplex-symbiotische Zusammenleben auch in Zukunft möglich bleibt.

Nicht von ungefähr ist die ökologische Bewegung im Kontext dessen entstanden, was vorher „Naturschutz“ hieß. Beiden Initiativen geht es im Kern darum, von den Grenzen des Natürlichen her die Ökonomie – oder was sich heute fälschlicherweise so nennt – an ihre ursprüngliche Aufgabe zu erinnern.

Was wir „Natur“ nennen, hat allerdings, wie inzwischen klar geworden ist, zwei Seiten: einerseits ist Natur das materiale Substrat allen menschlichen Seins, Tuns, Denkens und Wirtschaftens, weshalb die Zerstörung des Natürlichen zwangsläufig mit der Zerstörung des Menschlichen einhergeht. Andererseits hat man, geleitet vom Interesse, ein möglichst „freies“, von den Bedürftig- und Beschwerlichkeiten der unabänderlichen Natürlichkeit aller menschlichen Existenz möglichst unbehelligtes Leben zu führen, immer wieder neu bestimmte Menschen und Sphären in die Natur hinein definiert. Während Platon und Aristoteles noch offen über den Wunsch (vermeintlich) freier Polis-Bürger Auskunft gaben, die Befriedigung ihrer Bedürfnisse herrschaftlich zu organisieren, also nach „unten“ zu delegieren, entwickelt sich die Identifizierung bestimmter menschlicher Tätigkeiten mit Natur im Lauf der Zeit zur unausgesprochenen Voraussetzung allen ökonomischen Denkens.

Es geht um die Arbeit, ohne die kein Wirtschaften Sinn ergibt

Diese inzwischen implizite Übereinkunft der dichotomen Ordnung hat weitreichende Folgen für die Organisation des Ganzen: Schon als Adam Smith, der Gründervater des Wirtschaftsliberalismus, Arbeit und Arbeitsteilung auf den ersten Seiten seines einflussreichen Werkes Der Wohlstand der Nationen kurzerhand auf diejenigen Bereiche der Volkswirtschaft reduzierte, die in „Erwerbszweigen“ organisiert sind, wurden die Weichen gestellt: „Die Arbeitsteilung dürfte die produktiven Kräfte der Arbeit mehr als alles andere fördern und verbessern. Das gleiche gilt wohl für die Geschicklichkeit, Sachkenntnis und Erfahrung, mit der sie überall eingesetzt oder verrichtet wird. Man kann den Einfluss der Arbeitsteilung auf die gesamte Volkswirtschaft leichter verstehen, wenn man sich zunächst klarmacht, auf welche Weise sie in einzelnen Erwerbszweigen durchgeführt wird...“

Ein großer Teil der Arbeit war aber schon zu Lebzeiten des professoralen Grund- und Hausherren Smith und ist bis heute nicht in der Form geldvermittelter Tauschakte, also nicht in „Erwerbszweigen“ organisiert, sondern wird ohne die angeblich als Arbeitsmotivation unverzichtbaren finanziellen Anreize gratis in der „Lebenswelt“ erledigt, die im Anschluss an Smith und andere „Klassiker des ökonomischen Denkens“ bis heute als systemextern gedacht, sentimentalisiert, naturalisiert und trivialisiert wird. Es ist genau diejenige Arbeit, ohne die kein Wirtschaften Sinn ergibt, insofern sie die raison d’être allen Wirtschaftens bereit- und immer neu wiederherstellt: die konsumierenden und produzierenden Menschen.

Von der begrenzten, verletzlichen Natur her die Ökonomie an ihre selbstgesetzte Zweckbestimmung zu erinnern, bedeutet also ein Zweifaches: das materiale Substrat allen menschlichen Seins wieder in den Fokus zu rücken und diejenigen in die Natur hinein trivialisierten und damit unsichtbar gemachten Hände, Sphären, Menschen und Tätigkeiten sichtbar zu machen und neu als Mitte allen Wirtschaftens zu denken: Umwelt- und Sozialpolitik hängen untrennbar, da ursächlich zusammen, und die Ökonomie muss wieder in die Mitte nehmen, was sie als ihre Mitte definiert hat: die „Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität“.

 

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem soeben in der Reihe "Wirtschaft und Soziales" erschienenen Essay von Ina Praetorius: "Wirtschaft ist Care - oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen".

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