Stricken und streiten: Impressionen vom taz-Kongress

Besucher/innen des taz-Gedönskongresses 2015
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So gemütlich war der taz-Kongress

Denkraum und Wohlfühlort zugleich: Auf dem taz.lab 2015 wurde diskutiert, was wirklich zählt: "Gedöns". Was sonst. Also Geschlechter, Sex und Familie. Impressionen der Veranstaltung.

Es war keine kuschelige Latte-Macchiato-Mütter-Sause in einem Kindercafé, die sich die taz für ihren diesjährigen Kongress ausgedacht hat, sondern ein Riesen-Event. Das Haus der Kulturen gleich neben dem Bundeskanzleramt, die "schwangere Auster", wird am letzten Samstag im April für rund 2.500 bis 3.000 Menschen zum Denkraum und Wohlfühlort zugleich. Man ist angenehm mittendrin in der Gesellschaft des eher linken Berliner Bildungsbürgertums. Und hat das Gefühl, irgendwie sind sie alle da, wenn es um "Gedöns" geht: Junge Eltern mit ihren Kleinen im Bauchgurt, den Mama und Papa abwechselnd umschnallen. Frauen, Männer, alte, junge, sie kommen vorbei, um Vorträge zu hören oder Leute zu treffen. Ganze WGs ziehen ebenso durch die Panels wie Eltern mit großen Söhnen und Töchtern, sie verbringen gemeinsam einen schönen Samstag. Am frühen Abend genehmigen sich dann einige auf dem Dach ein taz-Freibier. Daneben spielen Kinder Fangen zwischen den weißen Zelten, in denen noch immer heftig diskutiert wird.

Ältere Frauen sitzen im Restaurant am Fenster zur Terrasse und stricken, was zu einer Podiumsdiskussion mit der auch strickenden Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg passt. Sie betont, dass Stricken nicht nur private Handarbeit, sondern auch politische Selbst-Ermächtigung ist. Dass Stricken nicht nur Frauensache ist, darauf weist ihr Mitstricker Lutz Staake hin, der dazu auch ein Buch veröffentlicht hat, "Maleknitting". Überhaupt wird die Auflösung der Geschlechterrollen, der Übergang vom Männlichen ins Weibliche, an vielen Orten nicht selten provokant diskutiert: In der Mittagshitze fragt die Juristin Seyran Ates den Moderator, ob er denn beschnitten sei. Der verneint und bittet dann den Journalisten Nils Pickert, über seine Erfahrungen als Vater, der seinem Kleider-begeisterten Sohn zuliebe in der Öffentlichkeit einen Rock trägt, zu berichten.

Wer soll denn nun kürzer treten?

Dass sich nicht nur die Geschlechterrollen wandeln, sondern auch unser Familienleitbild, wird dann durch das "Wahlverwandtschaften"-Panel der Heinrich-Böll-Stiftung bestätigt. Die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim sieht das Modell des Familienernährers als deutlich ins Wanken geraten. Das bringt aber gerade die jungen Erwachsenen in Bedrängnis, die sich bei der Frage, wer denn nun kürzer treten soll, damit Kind und Karriere klappen, nicht einigen können. Dass wir alle dringend Brüder, Schwestern, Tanten, Enkel brauchen, selbst wenn wir keine Blutsverwandte haben, berichtet Christine Wichert, die den Verein Wahlverwandtschaften e.V. ins Leben gerufen hat und damit Menschen unterstützt, die auf der Suche nach einer Familie sind – für ein bisschen Zugehörigkeit. Und das, wo wir heute doch in einer postfamilialen Zeit leben, in der es nicht die eine Familie gibt, sondern viele Familien, wie der Grünen-Politiker Jan Schnorrenberg hervorhebt, die sehr unterschiedlich sein können.

Video-Mitschnitte des Panels "Wahlverwandtschaften - Welche Familie kommt nach der Familie?




Prof Dr. Elisabeth Beck-Gernsheim: "Politische Bedeutung der post-familialen Familie(n)"

Weitere Videos des Panels:

Alle Vorurteile gegenüber Themen, die sich um Familie, Senioren, Frauen und Jugend drehen, die Altkanzler Gerhard Schröder 1998 auf der Suche nach einer Ministerin für das zugehörige Bundesministerium zu "Gedöns" zusammengefasst hat, scheinen durch diesen Kongress entkräftet: Gedöns zieht, zweifellos. Die taz hat Recht gehabt mit ihrer Überschrift des Kongresses, "Was wirklich zählt"?
Wie kann eine zeitgemäße Politik nun auf die Emotionen einer Gesellschaft eingehen? Wie geht sie mit ihren Ängsten um, wie erkennt sie, was die Menschen wirklich bewegt, wann Zorn zu Ungerechtigkeit führt, wann Angst zu Stillstand? Dass das die wahre Mammutaufgabe ist, zeigt der Vortrag der renommierten Soziologin Eva Illouz, die, eingeladen von der Heinrich-Böll-Stiftung, den Kongress am frühen Morgen begonnen hat mit ihren Überlegungen über Gefühle, die eine Gesellschaft mehr beeinflussen als gedacht. Wer wir sind, wohin wir gehen, und mit wem, das bewegt uns alle geschlechter- und generationenübergreifend jeden Tag aufs Neue.

Video-Mitschnitt des Panels "Mehr Emotion wagen? Wie viel Gefühl verträgt eine Gesellschaft, die nach Gerechtigkeit strebt?"




Prof. Dr. Eva Illouz (Soziologin, Hebräische Universität Jerusalem) und Julia Encke (Autorin, freie Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Berlin