Warum und wie die NSA das Internet beherrschen will

Warum und wie die NSA das Internet beherrschen will

Supercomputer und Analyseprogramme führen uns in das goldene Zeitalter der Überwachung — Bildnachweise

Seit dem Schock von 9/11 verfolgt die amerikanische Regierung eine neue Überwachungsideologie. Das Ziel: Weltweit alle Daten erfassen, denn man brauche „den Heuhaufen, um die Nadel zu finden“, wie NSA-Chef Keith Alexander sagt.

Für alle Verantwortlichen in den amerikanischen Sicherheitsbehörden waren die Anschläge vom 11. September 2001 ein Desaster. Ein Heer von mehr als einem Dutzend Geheimdiensten hatte die Attentäter nicht rechtzeitig erkannt (und auch deutsche Behörden hatten nicht gewusst, welch monströse Pläne in der Marienstraße in Hamburg-Harburg geschmiedet wurden). Für NSA-Chef Hayden war es eine besonders tiefe Demütigung, denn es stellte sich bald heraus, dass Chalid al-Midhar und Nawaf al-Hamsi sowie drei weitere Attentäter Wochen vor der Tat nahe der NSA-Zentrale gelebt hatten.

Sie hatten sich im Valencia Motel in Laurel, Maryland, einquartiert, einem Ort, der nur 15 Autominuten von Fort Meade entfernt ist und als Schlafstadt für Angestellte des Geheimdienstes gilt. Die späteren Attentäter verbrachten hier mehrere Wochen, gingen einkaufen und essen und trainierten im Fitnessstudio. Wahrscheinlich liefen sie dabei mehrmals NSA-Mitarbeitern über den Weg. Ende August 2001 trafen auch Ziad Jarrah und Mohammed Atta ein, die zwei der Flugzeuge steuern sollten und zuvor in Hamburg Teile des Anschlagplans vorbereitet hatten. Die führenden Terroristen des 11. September versammelten sich direkt vor der Nase der NSA. Viele der in den darauffolgenden Wochen, Monaten und Jahren getroffenen Entscheidungen lassen sich nur vor dem Hintergrund dieses kompletten Versagens der Geheimdienste verstehen.

Diese Serie von kleinen und großen Pannen löste quälende Diskussionen darüber aus, ob die Attentate nicht hätten verhindert werden können, wenn beispielsweise für die NSA erkennbar gewesen wäre, dass einer der Anrufe in Sanaa aus San Diego gekommen war. Die Phase der Zermürbung dauerte allerdings nicht lange, das ließen US-Präsident George W. Bush und sein Vize Dick Cheney nicht zu. Noch unter dem frischen Eindruck des Anschlags auf Amerika begann die US-Regierung sehr schnell sehr weitgehende Entscheidungen zu treffen. So befahl Verteidigungsminister Donald Rumsfeld noch am Nachmittag des 11. September, mit den Vorbereitungen eines Vergeltungsschlages gegen den Irak zu beginnen - obwohl der Irak nichts mit den Anschlägen zu tun hatte und der NSA längst Hinweise vorlagen, dass die Atta cken von al-Qaida verübt worden waren.

Der 11. September und die Folgen

Neben den Kriegsvorbereitungen begann die Regierung unverzüglich, die Sicherheitsbehörden umzubauen. Vizepräsident Cheney war der Ansicht, dass die USA auf die akute Terrorgefahr mit einer massiven Aufstockung des Sicherheits- apparates und einer Ausweitung von dessen Kompetenzen reagieren müsse. Diese Einschätzung führte nicht nur zur Gründung neuer Behörden wie dem Ministerium für Heimatschutz, sie hatte auch weitreichende Auswirkungen für die NSA, wie aus einem 49-seitigen Bericht des für die Untersuchung interner Vorgänge zuständigen NSA-Generalinspekteurs hervorgeht – jenem Dokument, das Edward Snowden so empört hatte, dass er sich zum Handeln entschloss.

Diesem als «Streng geheim» eingestuften Dokument zufolge war es der damalige CIA-Chef George Tenet, der seinem NSA-Kollegen Michael Hayden unmittelbar nach den Anschlägen eine dringende Nachricht aus dem Weißen Haus überbrachte: Die NSA müsse die vorhandenen Lücken in der technischen Aufklärung benennen und solle Vorschläge erarbeiten, wie diese künftig zu schließen seien. Dabei wurde schnell deutlich, dass juristische Bedenken keine Rolle mehr spielen würden. "Gibt es etwas, das ihr tun könnt?", soll Tenet gefragt haben. "Nicht mit der gegenwärtigen Gesetzeslage", so Haydens Antwort. "Danach habe ich nicht gefragt", erwiderte Tenet. "Gibt es etwas anderes, das ihr tun könnt?" Tenet galt als Intimus des Weißen Hauses, er sollte in Cheneys Auftrag Druck auf den bis dahin politisch wenig eingebundenen Hayden ausüben.

Mindestens dreimal kam es in den ersten 20 Tagen nach dem 11. September dann auch zu persönlichen Treffen zwischen NSA-Chef Hayden und dem Vizepräsidenten Cheney. Über diese Gespräche, bei denen es darum ging, die Kompetenzen der Behörde auszuweiten, existieren angeblich keine Protokolle oder Dokumente. Gegenüber dem Generalinspekteur erinnerte sich Hayden daran, den Vizepräsidenten während der Termine darüber unterrichtet zu haben, dass das bis dahin praktizierte Fisa-Verfahren nicht flexibel und schnell genug sei, um der Terrorgefahr wirkungsvoll zu begegnen. Deshalb habe er sich dafür eingesetzt, künftig anhand von Metadaten – also den Informationen, wann wer wen wie lange angerufen hat – auch die Kontakte von US -Bürgern untersuchen zu dürfen, um auf verdächtige Beziehungen ins Ausland zu stoßen. "General Hayden betonte, dass Metadaten nicht demselben verfassungsrechtlichen Schutz unterliegen wie Inhalte", heißt es in dem Bericht.

Zudem habe der NSA-Chef gegenüber dem Vizepräsidenten klargemacht, dass es die Arbeit seiner Behörde erheblich beschleunigen und verbessern würde, wenn sie künftig die Kommunikation von US-Bürgern mit dem Ausland auch ohne Gerichtsbeschluss überwachen könnte. "Mister Vizepräsident", sagte Hayden, "wir können das, aber wie Sie wissen, müssen wir vorsichtig sein"; seit dem Church- Komitee stehe die NSA unter Beobachtung. Für Cheney muss es wie eine Ironie der Geschichte gewirkt haben: Als der NSA vom Church- Komitee erstmals rechtsstaatliche Fesseln auferlegt wurden, hatte Cheney unter Präsident Gerald Ford als Stabschef des Weißen Hauses gearbeitet. Als Vizepräsident setzte er nun alles daran, diese Fesseln so weit wie möglich zu lockern.

Rechtliche und technische Aufrüstung der Überwachung

Cheney trug Haydens Einwand bei George W. Bush vor, der den NSA-Chef zu sich lud. "Mike, danke fürs Kommen", sagte der Präsident. "Ich verstehe Ihre Bedenken, aber wissen Sie, wenn es Dinge gibt, die getan werden können, dann sollten wir sie tun." Für die Ausarbeitung einer entsprechenden Direktive wurde Hayden an Cheneys Berater David Addington verwiesen, einen Juristen und Hardliner, der den ersten Entwurf für die massive Ausweitung der NSA-Kompetenzen verfasste. Bereits am 14. September 2001 ordnete Hayden an, nach Telefonverbindungen zwischen Krisenländern und den USA zu suchen. Die Überwachung galt zunächst nur für Staaten wie Afghanistan, aber das sollte sich bald ändern. Nur drei Wochen nach den Anschlägen, am 4. Oktober 2001, unterschrieb George W. Bush die entsprechende rechtliche Anweisung, um "terroristische Akte in den Vereinigten Staaten zu verhindern". Damit durfte die NSA mit sofortiger Wirkung Internetkontakte und Telefongespräche von Zielen überwachen, die mit "internationalem Terrorismus" in Zusammenhang standen – selbst wenn sich ein Gesprächspartner in den USA befand. Das erweiterte das Spektrum der Überwachung erheblich.

Zudem reichte dafür bereits ein "begründeter Verdacht" aus, das Ziel könnte Kontakte ins Terrormilieu haben, was die juristischen Hürden zusätzlich senkte. Nach dieser Direktive durfte die NSA alles, im In- wie im Ausland, ohne jede Kontrolle. Der grenzenlosen Überwachung waren Tür und Tor geöffnet. Gemeinsam mit Addington überarbeitete Hayden die Order später zumindest insoweit, dass rein inländische Kommunikation zwischen Amerikanern von ihr ausgenommen war. "Wir sind ein Auslandsgeheimdienst", begründete Hayden diese Einschränkung, dabei solle es bleiben; er wolle nicht für Inlandsüberwachung ins Gefängnis gehen. Am 2. November 2001 unterzeichnete Bush die modifizierte Anordnung, Cheney weihte die sogenannte "Gang of Eight" ein, eine Gruppe der wichtigsten acht Vertreter von Republikanern und Demokraten in Senat und Repräsentantenhaus. Die Volksvertreter verzichteten auf ihr Recht, für die Sonderrechte ein Gesetz zu erlassen, und ließen die Regierung gewähren.

Der Umgang mit den neuen juristischen Möglichkeiten zur Überwachung war innerhalb der Regierung von höchster Geheimhaltung geprägt. Selbst die zuständigen Abteilungsleiter für die Terrorismusbekämpfung innerhalb der NSA, die damit arbeiten mussten, bekamen Bushs "Executive Order" vom 4. Oktober nicht zu Gesicht, sie wurde in Haydens Safe aufbewahrt und nur einer Handvoll seiner engsten Mitarbeiter gezeigt. Als der NSA-Justiziar Robert Deitz zur Absicherung um eine Kopie der Stellungnahme des für die verfassungsrechtliche Prüfung zuständigen Justizministeriums bat, wurde ihm diese ebenfalls verweigert.

Dick Cheneys Rechtsberater Addington las ihm lediglich ein paar Zeilen am Telefon vor, die signalisieren sollten, dass alles mit rechten Dingen zugehe. Es sei ihm bewusst gewesen, dass dieses Programm "politisch sehr sensibel und kontrovers" war und zu einem späteren Zeitpunkt kritisch geprüft werden würde, erklärte Hayden dem NSA- Justiziar. Er sei allerdings überzeugt, dass es rechtmäßig gewesen sei; dies habe die Rechtsabteilung des Nachrichtendienstes am 5. Oktober 2001 auch bestätigt. Der gleiche NSA-Chef, der "Thin Thread" noch unter anderem aus rechtlichen Gründen hatte stoppen lassen, wollte nun von juristischen Bedenken nichts mehr wissen.

40.000 Mitarbeiter/innen und ein Etat von über 10 Milliarden Dollar

Das geheime Plazet des Präsidenten vom 4. Oktober 2001 löste in Fort Meade hektische Betriebsamkeit aus. Am 6. Oktober 2001, einem Samstag, wurden erfahrene Analysten aus dem Wochenende geklingelt und der neuen Aufgabe zugeordnet. Am 8. Oktober, einem Feiertag, schwor Hayden die frisch zusammengestellte Truppe auf ihre Mission ein. In wenigen Tagen hatte die NSA einen neuen, speziell gesicherten Arbeitsbereich eingerichtet, das "Metadaten Analysezentrum" ("Metadata Analysis Centre"), das den Codenamen "Starbust" erhielt. 50 neue Server wurden aufgestellt, um die neu anfallenden Daten zu bewältigen. 90 erfahrene Analysten hatte der Dienst innerhalb von einer Woche zusammengezogen, die für das Programm in drei Schichten US-Bürger mit mutmaßlich verdächtigen Auslandskontakten 24 Stunden täglich, an sieben Tagen der Woche überwachten. Noch im Oktober 2001 begannen die privaten amerikanischen Telekommunikationsfirmen, massenhaft Telefondaten und Internetinhalte nach Fort Meade zu schicken. In den folgenden sechs Jahren erhielten mehr als 3000 Mitarbeiter die notwendige Geheimhaltungseinstufung, um an "Starbust" mitzuarbeiten.

Doch das spektakulärste Wahrzeichen für die neue Ära der Überwachung entstand in Bluffdale, einem Vorort von Salt Lake City im Mormonenstaat Utah. In staubiger Wüstenumgebung, umrahmt von den Wasatch- und Oquirrh-Gebirgen, wuchs auf dem Armeegelände Camp Williams in den vergangenen Jahren das "Utah Datenzentrum" empor. Es ist ein Gebäude der Superlative, weniger wegen seiner Abmessungen oder Kosten von rund zwei Milliarden Dollar. Aufsehenerregend ist vor allem das Innenleben der vier Server-Hallen. Sie sind das Herz der Anlage, die jährlich so viel Energie verbrauchen soll wie eine Stadt mit 65.000 Einfamilienhäusern. Damit die Rechner voller Überwachungsdaten aus aller Welt nicht Heißlaufen, benötigen sie schätzungsweise sieben Millionen Liter Kühlwasser am Tag. Sie sollen das Tordeila-Gebäude in Fort Meade ergänzen, wo bislang in einem speziell gekühlten Komplex die meisten Server der Behörde stehen.

Die Begründung für die Dimension des Projekts sagt viel über das Amerika aus, dem Sicherheit über alles geht. "Wir haben es so groß gebaut, weil wir es konnten", sagt der Technikchef der NSA, Lonny Anderson. "Es ist das schönste Datenzentrum der US-Regierung und vielleicht das schönste, das es gibt." Auf jeden Fall dürfte es das leistungsfähigste sein, auch wenn die Angaben über das Fassungsvermögen auseinandergehen. "Es ist gebaut, um lange Bestand zu haben", sagt Anderson. Das Datencenter soll so etwas wie der Knoten des weltweiten NSA-Überwachungsnetzes werden, hier fließen die Daten der übrigen Standorte auf Hawaii, in Georgia und Texas zusammen.

Vor allem aber ist das Datenzentrum in Utah ein Symbol, das steinerne Selbstbild einer Behörde, die die Depression aus den Tagen nach dem 11. September 2001 längst hinter sich gelassen hat und die im letzten Jahrzehnt immer größer und mächtiger geworden ist. Die NSA scheint auf dem Zenit ihrer Möglichkeiten. Die Zahl der Mitarbeiter ist um ein Drittel auf mittlerweile rund 40.000 gestiegen, ihr Etat hat sich verdoppelt, auf 10,6 Milliarden Dollar im Jahr 2013. Insgesamt, das geht aus dem geheimen Budgetplan des Weißen Hauses hervor, hat die US-Regierung für ihre Geheimdienste im Jahr 2013 6 Milliarden Dollar beantragt, mit insgesamt 107.035  Planstellen. Hinzu kommt noch das Heer der privaten Vertragsfirmen, die für die NSA arbeiten - ihre Zahl hat sich nach einer Analyse der «Washington Post» seit 2001 mehr als verdreifacht.

Die Überwachungsideologie der "Informationsvorherrschaft"

Neben all diesen Superlativen hat sich noch etwas viel Wichtigeres verändert. Die Autorisierung des US-Präsidenten vom 4. Oktober 2001 war die Geburtsstunde einer neuen Überwachungsideologie. Wie die Geschichte der NSA und ihrer Vorläufer zeigt, hat die Behörde schon öfter Grenzen übertreten, die der Gesetzgeber vorgeschrieben hatte. Im Ausland war schon immer jede Person, die der NSA interessant erschien, ein Ziel ohne rechtliche Einschränkungen. Mit dem präsidentiellen Freifahrtschein, auch US-Staatsbürger im Inland mit verdächtigen Auslandskontakten ohne richterliche Genehmigung überwachen zu dürfen, fiel eine wichtige Schranke (auch wenn die NSA mittlerweile dafür zumindest das Fisa-Gericht anrufen muss). Und mit der Interpretation aus den Tagen nach dem 11. September 2001, dass Metadaten nicht wie Kommunikationsinhalte unter den Schutz des vierten Verfassungszusatzes fallen, war der Weg in ein neues Zeitalter der Überwachung geebnet.

Offiziell rechtfertigt die NSA diesen Anspruch, alle Daten überall sammeln zu können, mit dem 11. September 2001 und der Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus. In einem Sprechzettel für NSA-Mitarbeiter, die der Öffentlichkeit ihre Arbeit erklären sollen, findet sich die Aussage: "Ich erkläre Ihnen heute viel lieber unsere Programme, als Ihnen ein weiteres Ereignis wie 9/11 erklären zu müssen, das wir nicht verhindern konnten." Und weiter heißt es: "Nach 9/11 haben wir festgestellt, dass die Geheimdienst-Community vorhandene Erkenntnisfäden nicht verknüpft hat - nach 9/11 haben wir verschiedene Fähigkeiten entwickelt, die uns das ermöglichen."

Intern sprechen die Führungskräfte der Behörde ehrlicher über ihre Motive. Der Kampf gegen den Terror spielt auch hier eine wichtige Rolle. Aber es geht bei der Arbeit der NSA im Zeitalter der globalen digitalen Vernetzung längst um mehr. Die digitale Revolution habe der NSA eine "einzigartige Position" verschafft, argumentierte NSA-Chef Alexander in einem Strategiepapier vom Juni 2010. Alexander nennt als Vision die "global cryptologic dominance", eine weltweite Dominanz im Bereich der Kryptologie und Datensicherheit. Die Mission der NSA sei es, durch klandestine Operationen "unter allen Umständen einen Vorteil für Entscheidungen unserer Nation und unserer Alliierten" zu erlangen. Noch deutlicher wird ein hochrangiger Mitarbeiter der Abteilung für Rechtsfragen in einem internen Schreiben. Es gehe der NSA "um die weltweite Informationsvorherrschaft2.

Früher als fast alle anderen Behörden hat die NSA erkannt, was sich durch das Internet ändern würde. Schon im Juni 1996 erhielt der Nachrichtendienst eine neue Ausrichtung, die den Weg zur Totalüberwachung des Internets bereitete und die der damalige Direktor Kenneth Minihan in einer Mitteilung an alle NSA-Mitarbeiter so zusammenfasste:

"Eine Informationsrevolution fegt durch die Welt, die so radikale Veränderungen erzwingt wie einst die Entwicklung der Atombombe. So wie die Kontrolle der industriellen Technologie einst der Schlüssel zu militärischer und ökonomischer Macht während der vergangen zwei Jahrhunderte war, wird die Kontrolle der Informationstechnologie der Schlüssel zur Macht im 21. Jahrhundert. Wir müssen unseren traditionellen Anspruch auf technische Aufklärung und Informationssicherheit ausrichten, wenn wir relevant bleiben und eine führende Rolle als offensive und defensive Komponente einer neuen nationalen Bemühung spielen wollen, die einem einzigen Ziel dient - der informationellen Vorherrschaft für Amerika."

Es ist ein imperialer Anspruch, aus dem die NSA ihre offensive, aggressive Strategie abgeleitet hat. Michael Hayden hat uns darauf hingewiesen, dass der Anspruch der Vorherrschaft für die amerikanische Armee auch zu Wasser, Luft und Land gelte und dies lediglich die konsequente Fortsetzung amerikanischer Politik im digitalen Raum sei. Mag sein. Aber wenn ein Land das Internet beherrschen möchte, bedeutet dies automatisch, dass das Netz kein freies Medium mehr ist. Aus einer Behörde, die einst entstanden war, um im Kalten Krieg die Sowjetunion und deren Satellitenstaaten zu überwachen, ist eine Organisation zur Kontrolle des Internets geworden, ein maßloser Moloch, der über ein einzigartiges Arsenal verfügt. Die Waffen der NSA tragen Namen wie "Quantum", "Prism" oder "Tempora", und es gibt kaum einen Ort auf dieser Welt, an dem sie nicht eingesetzt werden. Zusammengenommen ergeben sie eine einzigartige Matrix der globalen Überwachung.

Die "Heuhaufen-Theorie"

Auf die Rückfrage, ob die bis dahin bereits bekannt gewordenen Spähprogramme nicht auf einen überbordenden Datenhunger der Behörde hindeuteten, sagte Alexander: "Sie brauchen den Heuhaufen, um die Nadel zu finden." Die Heuhaufen- Theorie ist die am häufigsten vorgetragene Rechtfertigung, warum die NSA möglichst alles wissen will. Damit erhebt der Geheimdienst unverblümt den Anspruch, die gesamte globale Kommunikation zu überwachen. Denn aus Sicht der NSA besteht "der Heuhaufen" aus sämtlichen verfügbaren Informationen aller denkbaren Kommunikationswege des digitalen Zeitalters.

Noch vor 25 Jahren war die Welt der Kommunikation vergleichsweise überschaubar. Die meisten Menschen in den Industrieländern verfügten über einen Festnetzanschluss, den sie kaum jemals wechselten, schon weil Anbieter wie die Deutsche Telekom staatliche Monopolisten waren. Ab und zu schrieben sie Briefe empfingen ein Paket, versendeten ein Telegramm oder ein Fax. Ein paar Freaks und Technikbegeisterte funkten nach Feierabend. Das war‘s. Doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten sind die Kommunikationsmöglichkeiten durch das Aufkommen der Mobiltelefone und vor allem durch den Siegeszug des Internets explodiert. Mit einem Smartphone können wir nicht mehr nur telefonieren, sondern unter anderem mailen, simsen, chatten, skypen, twittern, surfen und Facebook-Mitteilungen verschicken. Zugleich ist die Menge der Daten, die wir in unserem Alltag produzieren, exponentiell gewachsen. Unsere individuelle Datenspur beginnt vor unserer Geburt, mit den ersten Ultraschallbildern auf dem Rechner eines Gynäkologen, und sie hört nach dem Tod nicht auf. Die Möglichkeit, große Datenmengen zu speichern, wächst unaufhaltsam. Selbst unsere privaten Festplatten fassen inzwischen ein Terabyte (1000 Gigabyte) und mehr.

2012 wurden in jeder Minute zwei Millionen Google-Suchen gestartet und 48 Stunden neues Videomaterial bei YouTube hochgeladen. Bei Instagram wurden in der gleichen Zeit 3.600 neue Fotos gepostet und in Apples App Store 47.000 Apps heruntergeladen. Jede Minute wurden mehr als 204 Millionen E-Mails verschickt.

Für eine Behörde, deren Anspruch es ist, dass ihr kein relevanter Informationsschnipsel entgeht, ist diese Entwicklung auf den ersten Blick ein Alptraum - zumal viele Nutzer inzwischen in der Lage sind, ihre Kommunikation zu verschlüsseln. Am Festnetztelefon von einst musste man dafür noch in vorher vereinbarten Codes und Rätseln sprechen. Heute sind Techniken wie GSM, auf denen Mobilfunknetze basieren, automatisch grundverschlüsselt, das Gleiche gilt für Internetstandards wie SSL. Und auch Privatpersonen können sich mit geringem Aufwand Verschlüsselungssoftware für Chats oder E-Mails herunterladen. Auch deshalb finden sich in den von Edward Snowden geleakten Dokumenten der NSA viele Passagen, in denen von den enormen "Herausforderungen" die Rede ist, die die digitale Revolution für die Geheimdienste darstellt. Aus Sicht der NSA besteht diese Herausforderung vor allem in einer grundlegenden Verschiebung der zu überwachenden Infrastrukturen. Jahrzehntelang fokussierten die USA und ihre engsten Verbündeten, die "Five Eyes", ihr nachrichtendienstliches Interesse auf Satelliten.

Die Antennen der am weltumspannenden Satellitenüberwachungsnetzwerk "Echelon" beteiligten Stationen waren in den Orbit gerichtet und vor allem für das Abhören internationaler Telefonverbindungen gedacht. Dieses System läuft unter dem Namen "Fornsat" noch immer, wie eine Karte der Satelliten- Abhörstationen veranschaulicht. Die britische Satelliten-Abhörstation Bude im Norden Cornwalls trägt demnach den Codenamen "Carboy", ihr Pendant in den Vereinigten Staaten heißt "Timberline" - dahinter verbirgt sich der NSA-Standort Sugar Grove im Norden Virginias.

Programm "Totale Informationserfassung"

Gleichzeitig ermöglicht die Digitalisierung für die Nachrichtendienste den Eintritt in eine neue Welt der globalen Überwachung. Die Jagd auf die Bits und Bytes ist eröffnet. Die Welt von heute mag zwar unübersichtlicher sein, als sie es vor 20 Jahren war, aber für die Geheimdienste bieten sich völlig neue Anzapfquellen. Es geht nicht mehr nur um die laufende, um die Echtzeit-Kommunikation. Sie sind  zunehmend auch an den sogenannten "ruhenden Daten" interessiert, die nicht nur auf Privatrechnern und Smartphones gespeichert sind, sondern auf den Servern kommerzieller Anbieter oder in der Cloud, virtuellen Festplatten.

Ist der Einbruch in diese reichen Datengründe erst einmal gelungen, übernehmen Supercomputer und ausgeklügelte Analyseprogramme in Fort Meade die Aufgabe, einen Großteil der abgefangenen Kommunikation zu filtern und zu analysieren. Das "goldene Zeitalter der Überwachung" sei angebrochen, heißt es in einem fünfseitigen Strategiepapier der NSA für die Jahre 2012 bis 2016. Es werde möglich, "jedermann" zu überwachen und fast in Echtzeit "jedes Endgerät" auf einer interaktiven Karte abzubilden, "jederzeit, überall". Das ist der Traum der NSA, darauf richtet sie ihre Anstrengungen.

Der Großteil der Daten, die täglich durch das Internet fließen, läuft durch Glasfaserkabel. Hunderte von ihnen umspannen den Erdball, sie bilden das Rückgrat des Internets und kommen dem nahe, dass der damalige amerikanische Vizepräsident Al Gore in den neunziger Jahren als "Daten-Highway" bezeichnete. Für die NSA sind diese Kabel wichtige Ziele, sie sind "Herausforderungen", wie es in einem internen Dokument heißt. Ein modernes Kabel sei in der Lage, innerhalb von 14 Sekunden den Inhalt der amerikanischen Kongressbibliothek zu übertragen. Ein einziges dieser Glasfaserkabel übersteige damit die Kapazität aller Satelliten zusammengenommen.

Die Antwort der NSA auf das Internet kann niemanden überraschen, der die Geschichte der Behörde durch die vergangenen Jahrzehnte verfolgt hat. Nur Monate nach dem 11. September 2001 hatte die Regierung von George W. Bush ein Programm mit dem vielsagenden Namen "Totale Informationserfassung" ("Total Information Awareness»") ins Leben gerufen, das von einer Forschungseinrichtung des US-Militärs geleitet wurde. Dieses Programm hatte die massenhafte vollautomatisierte Überwachung zum Ziel und sah unter anderem die Einrichtung einer Megadatenbank mit persönlichen Profilen von US-Bürgern vor. Nach massiver Kritik an dem Programm bewilligte der US-Kongress im Jahr darauf keine neuen Mittel, doch dank der Enthüllungen von Snowden wissen wir, dass wesentliche Teile des Projekts insgeheim weitergeführt wurden - unter anderen Codenamen und in Verantwortung der NSA.

Die NSA selbst beschreibt ihr Ziel für das digitale Zeitalter in einem Dokument aus dem Februar 2012 als "Owning the Internet" - sie will das Internet besitzen oder zumindest kontrollieren. Ähnlich drückt es das britische GCHQ aus. Eine Präsentation der Briten, die das großflächige Anzapfen von Glasfaserkabeln beschreibt, ist mit "Mastering the Internet" überschrieben, etwa: "Das Internet beherrschen."

Dieser Text ist ein mit Überschriften versehener Auszug aus dem Buch "Der NSA-Komplex – Edward Snowden und der Weg in die totale Überwachung" (2014) von Rosenbach und Stark. Er erschien soeben in der Publikation "Digitale Schwellen: Freiheit und Privatheit in der digitalisierten Welt" der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen, die auch zum Download bereit steht.

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