Die Welt der Commons - Muster gemeinsamen Handelns

Heinrich-Böll-Stiftung
19.99 €
Veröffentlichungsort
Bielefeld
Veröffentlichungsdatum
Oktober 2015
Seitenzahl
400
Lizenz
ISBN / DOI
978-3-8376-3245-3

 

Hinweis: Das Buch kann über die Website des transcript-Verlags auch als E-Book bestellt werden.

Die Logik des Kapitalismus heißt teilen. Nur teilen darin nicht die Menschen, sondern sie werden geteilt. Der britische Historiker E.P. Thompson befindet deshalb: "Es war immer ein Problem, Commons in kapitalistischen Kategorien zu erklären."

Wer die Welt der Commons betritt, begegnet einer anderen Logik, einer anderen Sprache und anderen Kategorien.

Autor/innen aller Kontinente erkunden in diesem Band die anthropologischen Grundlagen der Commons und stellen sie zugleich als konkrete Utopien (E. Bloch) vor. Sie machen nachvollziehbar, dass alles Commons sein oder werden kann: durch Prozesse geteilter Verantwortung, in Laboratorien für Selbstorganisation und durch Freiheit in Verbundenheit.

Commoners realisieren, was schon heute machbar ist und morgen selbstverständlich sein wird. Das zeigen über 40 Beispiele aus aller Welt.
Dieses Buch erweitert unseren Möglichkeitssinn für die Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Mit Beiträgen u.a. von Nigel Gibson, Marianne Gronemeyer, Helmut Leitner, Etienne Le Roy, Andreas Weber, Bernard Lietar, Rosa Luxemburg, Anne Salmond und David Sloan Wilson.

 

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Vorwort

Mit den theoretischen Grundlagen und der Praxis der Commons beschäftigen wir uns in der Heinrich-Böll-Stiftung seit Langem. Als wir vor acht Jahren die ersten neugierigen Blicke auf die Commons geworfen haben, ahnten wir noch nicht, auf welch lange Reise wir uns begeben würden. Auf diesem Weg ist neben der politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Auseinandersetzung um die Commons vor allem eine vertiefte Beschäftigung mit Kulturanthropologie nötig geworden. Wir haben entdeckt, dass die Commons und das Commoning überall in der Welt eine eigene Geschichte und spezifische Ausprägungen haben. Darin liegt auch ihr völkerverbindendes Potential, das auf neokoloniale Gedankenwelten und Politik genauso verzichten kann wie auf den Export von Demokratiemodellen, Institutionsformen und Patentrezepten für Entwicklung. Wenn sich Commons und Commoners Entfaltungsraum erkämpfen können, dann ist das ein großer Schritt für eine demokratische Entwicklung.

Unsere Commons-Arbeit ist Teil eines Erkenntnisprozesses und einer Suche. Wir wollen unter anderem wissen: Wie könnte eine gerechte Wirtschaft und Gesellschaft aussehen, die eine sozialökologische Transformation in den planetarischen Grenzen ermöglicht? Wer treibt mit uns gemeinsam die Überlegungen voran, wie wir künftig miteinander leben wollen? Wer denkt nicht nur über Zukunftsfragen nach, sondern probiert hier und heute bereits Neues aus?

Commons und Commoning sind Theorie und Praxis zugleich. Deshalb widmen wir beiden besondere Aufmerksamkeit als eine von mehreren möglichen Antworten auf die oben gestellten Fragen. Zu ihrer theoretischen Fundierung tragen wir seit Jahren bei und haben eine Trilogie geplant, deren erster Band im Frühjahr 2012 erschienen ist: Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat.

Er wurde breit rezipiert. In vielen Diskussionen und Netzwerktreffen der letzten beiden Jahre entstanden Ideen für diesen vorliegenden zweiten Band: Die Welt der Commons – Muster gemeinsamen Handelns.

Uns ist es wichtig, mit anderen an einer Vision zu arbeiten, die nicht nur Altbekanntes

reformieren will, sondern einen wirklich transformativen Charakter hat. Wir unterstützen diesen Prozess, weil wir überzeugt sind, dass daraus Räume für eine andere Logik, eine neue Sprache und neue Denkkategorien entstehen. Solche Räume können sich nur losgelöst vom politischen Alltagsgeschäft und dessen Pragmatismus entfalten.

Einen wichtigen Anstoß, in Commons-Theorie und alternative Formen der Wirtschafts- und Gesellschaftsgestaltung in unserem eigenen gesellschaftlichen Umfeld in Deutschland und Europa zu investieren, sehen wir in der Agenda der Vereinten Nationen. Im Herbst 2015 werden in der Generalversammlung erstmals für alle Länder gleichermaßen gültige Nachhaltigkeitsziele verabschiedet. Zu ihrer Umsetzung verpflichten sich alle Länder entsprechend ihrer Leistungskraft. In den Industrieländern tragen wir jedoch eine besondere historische Verantwortung dafür, aus den Bahnen der eigenen Wirtschaftskultur der letzten 500 Jahre auszubrechen. Diese wurde vielerorts – wenngleich nicht immer freiwillig – nachgeahmt und besitzt nach wie vor eine hohe Anziehungskraft. Gleichzeitig wurde erkannt, dass dieses Modell nicht zukunftstauglich ist. Den Diskurs um die Alternativen wollen wir deshalb vor allem bei uns stärken und gleichzeitig Wege aufzeigen, die notwendige Transformation eines linearen und wachstumsorientierten Entwicklungsdenkens mit Modellen, Praktiken, Vorbildfunktion und Ausstrahlungskraft auch für die südliche Hemisphäre und für Osteuropa glaubwürdig zu machen, wo viele Menschen bislang auf ihr Recht auf eine nachholende Entwicklung bestehen.

Dieser zweite Band bietet Dutzende von Beispielen aus konkreten, erprobten Praktiken weltweit. Sie zeigen, wie Commoning gelingen kann. Sie zeigen Lern- und

Emanzipationsprozesse, die Menschen aus der Markt- und Konsumlogik befreien – aus einer Logik, die entfremdet und vereinzelt. Es entstehen neue Räume, in denen sie ihre persönliche Initiative und Verantwortung für die eigene Lebens- und Mitwelt entwickeln können. Für Berufspolitiker und Experten, die sich stark mit politischen Reformprozessen und Regulierungen auf der Makroebene und in Institutionen befassen, mögen diese Initiativen nicht bedeutend genug erscheinen, als dass sie effektiv zu Veränderungen beitragen könnten. Ich bin aber überzeugt, dass, neben Regulierungen, selbstorganisierte Veränderungen, die von Bürgerinnen und Bürgern getragen und miteinander vernetzt werden, entscheidend sind für die Transformation des Wirtschaftssystems. Gleichzeitig könnten sie dazu beitragen – das Buch nennt viele gelingende Beispiele, die zur Nachahmung einladen –, unsere demokratische Kultur zeitgemäß zu erneuern. Sinkende Wahlbeteiligung auf der einen Seite und Machtgewinn von Bürgerdemokratie auf der anderen stehen für zwei Seiten ein und desselben Trends.

Silke Helfrich und David Bollier sind Hirn und Herz unserer mehrjährigen Commons-Arbeit. Ohne sie wäre die große Reise nie möglich gewesen. Dafür meine ganz besondere Wertschätzung. Sie sind über die Jahre zu Commons-Fachleuten geworden, die weltweit große Achtung genießen. In einem verzahnten Arbeitsprozess entstand mit Patterns of Commoning die englische Fassung dieses zweiten Bandes.

Weiterhin möchte ich dem transcript Verlag danken, vor allem der Verlegerin Karin Werner. Sie ist eine großartige Unterstützerin des Projekts. Sie hat uns Mut gemacht, längerfristig am Thema zu arbeiten, die konzeptionellen Ideen reifen zu lassen und die Ergebnisse in einer Trilogie zu präsentieren. Es ist auch Karin Werner, die dafür gesorgt hat, dass dieser Band erneut im Rahmen der »Open Access Policy« des Verlages offen zugänglich sein wird. Ich bin ihr unendlich dankbar, dass es auf diese Weise für die Verbreitung des Buches – vor allem auch unter jüngeren Menschen – keinerlei Hürden geben wird.

Berlin, im Juni 2015
Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

 

 

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