USA: Reisebericht von der Fracking-Tour

USA: Reisebericht von der Fracking-Tour

Die Bevölkerung in Pennsylvania protesiert nicht nur vor Gericht gegen das Fracking – Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung/Alexandra Magaard. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Fracking ist hochumstritten: In vielen Orten der USA hat die Technologie einen wirtschaftlichen Boom ausgelöst und gleichzeitig das Trinkwasser verseucht. Annette Kraus über ihre ersten Eindrücke von der Fracking-Tour 2015.

14 Partner/innen und Kolleg/innen der Heinrich-Böll-Stiftung aus neun Ländern reisen zur Zeit gemeinsam durch die USA, um zu sehen, was die „Shale Revolution“ den Menschen dort gebracht hat. In vielen Ländern sind Projekte der Gewinnung von Öl oder Gas durch Hydraulic Fracturing, „Fracking“ geplant. Die USA haben eine inzwischen jahrzehntelange Erfahrung mit der Technologie und die Gewinnung von Gas hat dort zu einem wirtschaftlichen Boom geführt. Die Tour soll eine Möglichkeit geben, die Folgen zu verstehen, um in anderen Ländern kritische Debatten zum Fracking anzuregen.

Die Tour führt nach Washington und Pennsylvania, wo unterschiedliche Personen aus Politik und Zivilgesellschaft einen Einblick in vielfältige Aspekte geben: Die gesetzlichen Regelungen auf föderaler, staatlicher und lokaler Ebene; die Auswirkung der Förderung auf das Leben und die Gesundheit der Menschen vor Ort und ihr Widerstand; Arbeitsmarkt und Sicherheit. Der Staat New York hat sich für ein Verbot des Fracking entschlossen. Hier wird sich die Gruppe zum Abschluss über die Gründe für diese Entscheidung informieren.

Eindrücke aus Susquehanna, Pennsylvania

Wassertruck mit Wasserbüffel – Urheber/in: Alexandra Magaard. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

In Teilen von Pennsylvania ist ein Wasserbüffel kein Tier. Es ist ein Wassertank, der neben einem Wohnhaus steht. Regelmäßig kommen Wassertanker und füllen diesen Tank wieder auf. So wird die Wasserversorgung des Hauses geregelt. Trinkwasser kauft man in Flaschen. In vielen Haushalten in Dimock im Nordosten von Pennsylvania ist das Brunnenwasser seit 2009 vergiftet und durchsetzt mit Methan. Dies sei eine Folge des in dieser Gegend teils in allernächster Nähe von Wohnhäusern durchgeführten Fracking finden Anwohner/innen und Umweltaktivist/innen. Das betreffende Öl- und Gasunternehmen dagegen sieht keinen Zusammenhang.

Wer den Film Gasland gesehen hat, kennt den Ort und die Geschichten. Die Behörden haben im Umfeld von neun Quadratmeilen ein Verbot für weitere Frackingaktivitäten ausgesprochen, bis die Methanwerte im Trinkwasser sinken – was sie nicht signifikant tun, da hilft auch regelmäßiges Messen nichts. Fröhlich sprudelt das in einen Plastikeimer fließende Wasser auch noch nach der Aufbereitung durch eine vom Gasunternehmen finanzierte Anlage im Garten von Bill.

Die Toilette spülen und seine Wäsche waschen kann man mit diesem Wasser schon, der kleine Enkel wird aber doch lieber im Wasser aus Trinkflaschen gebadet, zu viele Hautkrankheiten und Probleme mit den Atemwege haben die Menschen in der Nachbarschaft. Rays Wasserprobe fällt noch dramatischer aus: Ein beißender Geruch steigt aus dem Eimer auf, einige Wissenschaftler waren schon dort und haben versucht, herauszufinden, wo genau der Geruch herkommt. Ray hat sich, anders als sein Nachbar Bill, einer außergerichtlichen Einigung mit dem Unternehmen verweigert. Auf eine Wasseraufbereitungsanlage muss er daher verzichten. Statt dessen beginnt im November sein Prozess gegen das Unternehmen. Er selbst hat längst kein Geld mehr für den aufwändigen Kampf, Unterstützungsgruppen sammeln jetzt Geld für ihn.

Das Wasser kommt auch nach der Aufbereitung mit starkem Methangehalt aus der Leitung. Wie bei Mineralwasser steigen Blasen auf – Urheber/in: Alexandra Magaard. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Vera Scroggings hat uns zu Bill und Ray geführt. Sie führt unsere „Citizens Gas Tour“. Eine amerikanische Patriotin, die sich seit Jahren mit den Öl- und Gasriesen herumstreitet. Ihre starke Präsenz, allein oder mit Besuchsgruppen, in der Nähe von Bohrstellen, Pipelines und Kompressoranlagen hat dazu geführt, dass sie an vielen Orten richterliche Verfügungen auferlegt bekam – unser Bus darf beispielsweise keinesfalls direkt vor der Einfahrt einer Anlage anhalten.

Die Gewinnung von Erdgas durch Fracking ist mit hohen finanziellen Risiken verbunden, sie wird meist in kleineren Unternehmen durchgeführt, die ihr Vorhaben durch Banken finanzieren lassen. Der Druck, unter dem diese Unternehmen stehen, in Zeiten sinkender Ölpreise Geld zu verdienen, ist sehr hoch. Eine Bürgerin, die die Probleme offen beim Namen nennt, aktiv durch die Gemeinden geht und Informationen sammelt und noch dazu Gruppen die Orte des Geschehens zeigt, ist hier nicht willkommen.

Über 1000 Bohrungen gibt es allein im County Susquehanna, geplant sind 4000. Einen guten Überblick über die Vorhaben im gesamten Marcellus-Shale gibt die Website www.marcellusgas.org. Nur 180 Meter Abstand müssen die Anlagen von bewohnten Gebäuden haben. Das schließt Schulen und Krankenhäuser ein. Es hat in der Gegend bereits einige Explosionen in Kompressoranlagen gegeben. Auch kommt es regelmäßig vor, dass Gas aus Pipelines entweicht.

Nicht alle Betroffenen befinden sich in Konfrontation mit den Unternehmen: Diejenigen, die die Pachtverträge mit den Firmen abgeschlossen haben, gute Einkünfte erzielen und keine negativen Effekte verspüren, sind zufrieden. Andere lassen sich auf außergerichtliche Einigung ein, erhalten Entschädigung und sind ab dann an eine strenge Schweigepflicht gebunden. Diese Praxis hilft den betroffenen Familien zwar unmittelbar, verhindert aber, dass valide und gerichtsfeste Daten erhoben werden können.

Pennsylvania ist Bilderbuchamerika: Sanfte Hügel, großzügige Holzhäuser, gepflegte Gärten. Auf den ersten Blick eine Idylle. Tatsächlich zu schön, um wahr zu sein.

Dieser Beitrag erschien zunächst auf dem Blog "Klima der Gerechtigkeit".

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