Vertrauensprämie statt Exzellenz auf Antrag

Saalansicht mit Publikum und Podium
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Diskussionsveranstaltung "Wie breit ist die Spitze? Die Zukunft der Exzellenzinitiative" am 16.Februar 2016 in der Heinrich-Böll-Stiftung

Bei der Diskussion am 16. Februar 2016 über die Zukunft der Exzellenzinitiative ging es im Kern um die Frage, wie viel Vertrauen die Politik in die Universitäten hat und wie stark sie selber steuern will.

Der Schweizer Professor Dieter Imboden wünscht den deutschen Universitätsleitungen etwas, was Fußballtrainer bereits genießen: Vertrauen. Jedem Fußballcoach traue man zu, seinen Fußballclub voran zu bringen. "Aber den Universitätsrektoren traut man das nicht zu", beklagt Imboden. Das sei bedenklich. "Die Exzellenzinitiative muss dazu führen, dass die Governance der Universitäten gestärkt wird", fordert der Professor, dessen von ihm geleitete Kommission Ende Januar einen Bericht zur Evaluierung der Exzellenzinitiative vorgestellt hat und darin überraschende Vorschläge für deren Weiterentwicklung unterbreitet hat. Die Politik müsse den Hochschulleitungen Freiräume zugestehen, fordert er.

Für mehr Vertrauen in die Hochschulen wirbt auch die grüne Wissenschaftsministerin aus Baden-Württemberg, Theresia Bauer. Sie fordert aber zugleich, dass sich Rektorinnen und Rektoren trotz aller Freiräume gegenüber ihrer Hochschule und der Öffentlichkeit erklären und mitteilen, wie sie ihre Hochschule weiterentwickeln wollten. Ob man dabei auf Internationalisierung, wissenschaftlichen Nachwuchs oder Partnerschaften in der Region setze, solle jedoch jede Universität selbst entscheiden. Aus diesen Details müsse sich die Politik heraushalten, sagt die Wissenschaftsministerin.

Auch der Bildungspolitiker Michael Kretschmer spricht sich für starke Hochschulleitungen aus. Durch die Macht vieler Gremien herrsche in Teilen der Hochschullandschaft "kollektive Verantwortungslosigkeit". Diese Gremienstrukturen gelte es zu brechen. Nach dem Willen des stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sollen die Führungsgremien entscheiden, wofür an der Hochschule mehr und wofür weniger Mittel eingesetzt werden. Die Menschen an der Spitze der Hochschulen hätten es schwer, bei ihren Entscheidungen alle mitzunehmen. Für sie habe Kretschmer deshalb "unglaublich viel Mitgefühl". Das Publikum lacht.

Prof. Rainer Forst von der Universität Frankfurt am Main hebt hervor, mit den Exzellenzclustern seien in den Universitäten selbst Forschungseinheiten entstanden, die mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen mithalten und auf Augenhöhe kooperieren könnten. Die Exzellenzcluster seinen neue Kraftzentren, die für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler attraktiv sind.

Imboden will "aus dem Antragsmodus herauskommen"

Imboden glaubt nicht, dass kluge Konzepte allein die Hochschulen verbessern können. Nötig seien einflussreiche Rektorinnen und Rektoren, durchsetzungsstarke Präsidentinnen und Präsidenten, die die Entwicklung der ganzen Hochschule im Blick haben. Kein Wunder also, dass die von Imboden geleitete Kommission vorgeschlagen hat, in Zukunft auf die Evaluation dicker Zukunftskonzepte zu verzichten. Sie neigten dazu, „Schaufensterprojekte“ zu formulieren, deren Umsetzung oftmals zu wünschen übrig ließen. Stattdessen sollen die "past merits", die bisherigen Leistungen der Universitäten, darüber entscheiden, ob eine Hochschule zu den Exzellenz-Universitäten zählt oder nicht.

"Wir sollten aus dem Antragsmodus herauskommen", fasst Imboden an diesem Dienstagabend zusammen. "Es gibt Universitäten, die in der Vergangenheit gezeigt haben, dass sie exzellente Forschung in ihren Reihen haben." Diese Leistungen sollten für die Vergabe des Exzellenz-Titels entscheidend sein.

Die bisherige Begutachtung der Zukunftskonzepte führte in der Vergangenheit an vielen Hochschulen zu Kuriositäten: So flog eine süddeutsche Universität vor der entscheidenden Begehung einen Kommunikationscoach aus Basel ein, der Hinweise zur Körpersprache gab. Andere Hochschulen stellten Steckbriefe über die Gutachterinnen und Gutachter zusammen, inklusive Angaben zu Hobbys. Verbreitet waren auch Generalproben, bei denen Professorinnen und Professoren in die Rolle der Gutachter schlüpften.

Ein Wissenschaftler mit der internationalen Erfahrung wie der 72-jährige Imboden weiß, wie schwierig es ist, solche Zukunftsversprechen zu evaluieren. Bei jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern könne man zwar ein Risiko eingehen. Doch bei älteren schaue man besser auf die Vergangenheit. "Denn die Vergangenheit ist ein sicherer Prädiktor auch für die Zukunft. Man weiß, was der oder die gemacht hat. Und die Zukunft ist offen", sagt Imboden. Was liegt also näher als statt Versprechungen auf die Zukunft die Erfolge der Vergangenheit zu bewerten?

Imboden überrascht mit Korrektur an seinem bisherigen Konzept

Das sieht auch Bauer so: Im Sport werde man deutscher Meister auf Grund dessen, was man in der Saison geleistet habe und "nicht aufgrund der Ansagen, was man in den nächsten zehn Jahren leisten will". Auf der Grundlage von Zukunftsversprechen Geld zu verteilen, sei außerhalb der Wissenschaft unüblich, sagt sie. Bauer hatte bereits im Herbst 2015 vorgeschlagen, einen "Exzellenzbonus" einzuführen und die besten zwölf Hochschulen für ihre Forschungsstärke zu belohnen.

Doch dann überrascht Imboden das Publikum mit einem neuen Vorschlag, der offenbar darauf abzielt, die Politik mitzunehmen, die sich mit dem Bericht der Imboden-Kommission teils noch schwer tut. Er räumt ein, es bestehe die Gefahr, dass die Aufbruchsstimmung an den Universitäten verschwinde, falls man nur die Erfolge der Vergangenheit evaluiere. Das heißt: Man soll der Hochschulleitung nicht einfach so Geld in die Hand drücken, ohne zu wissen, was man dafür bekommt. "Eine Prämie zu bekommen, setzt selbstverständlich auch voraus, dass die entsprechende Universitätsleitung eine Idee hat, auf welche Reise sie zusammen mit ihrer Universität gehen will", erklärt Imboden. Er schlägt vor, dass die Universitäten ein Konzept ausarbeiten sollen, das beschreibt, was mit der Prämie getan werden soll.

Hochschulen wollen keine neuen Zukunftskonzepte schreiben

Nun ist es Zeit für den Auftritt der selbstbewussten Rektorinnen und Rektoren im Publikum. Die ärgern sich über Imbodens scheinbare Kurskorrektur. Bernhard Eitel, Rektor der Universität Heidelberg, fragt Imboden, was ihn dazu bewogen habe, von den past merits plötzlich abzurücken und nun doch wieder von den Universitäten schriftliche Zukunftskonzepte zu verlangen. Da hält sich Imboden nachdenklich den Finger an die Lippe und scheint von der Wucht der Kritik getroffen.

Der Schweizer verteidigt sich. "Die Kommission ist eigentlich ein Anwalt der Universitäten." Er rudere nicht zurück. Aber: Er fürchte, dass die Politik die von ihm vorgeschlagene Zukunftsprämie aus irgendwelchen Gründen ablehnen werde. "Selbstverständlich braucht es Konzepte", betont Imboden, sie sollten aber nicht Gegenstand einer Begutachtung sein und nicht über den Exzellenz-Titel entscheiden.

Rektor: "Es muss mal gut sein mit den Zukunftskonzepten!"

Die Professorinnen und Professoren haben von einer überbordenden „Gutachteritis“ und „Antragsstellerei“ aber offenbar genug. Auch Rainer Forst warnt davor, die Universitäten zu überlasten. Man müsse gut überlegen, in wie viele Wettbewerbe man die deutschen Spitzenwissenschaftler noch schicken wolle. "Irgendwann ist mal gut." Forst beteuert, bei den bisherigen Anträgen zwar gerne mitgearbeitet zu haben. Doch irgendwann reiche es mit den vielen Wettbewerben und den endlosen Sitzungen.

Ein anderer Hochschulrektor aus dem Publikum fasst es so zusammen: "Es muss mal gut sein mit den Zukunftskonzepten!" Man müsse schauen, was wirklich erreicht worden ist. "Die klugen Rektoren", sagt er, bräuchten mehr Geld zur freien Verfügung, um die Hochschulen voranzubringen. Hier habe die Imboden-Kommission gute Vorschläge erarbeitet.

Dieter Imboden hofft nun, dass man das Eisen der Exzellenzinitiative "schmieden kann, solange es noch heiß ist" und die Politik das Prinzip seines Kommissionsvorschlags übernimmt. Seine Frau habe ihm gesagt, er solle doch mit mehr als 70 Jahren aufhören, zu arbeiten. Doch falls sein Konzept umgesetzt werde, könne er ihr antworten: „Es hat sich gelohnt.“

 

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