Ukraine: Junge Urbanisten planen die Revitalisierung eines alten Fabrikgeländes

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Frunze Str. 35

Alltagsdemokratie: In der Frunze35 wurde einst mit gebrautem Bier Industriegeschichte geschrieben. Wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise stand die alte Fabrik lange leer. Eine kleine Gruppe von Urbanisten, entwickelte Ideen, um das Fabrikgebäude zu retten und das Gelände zu revitalisieren.

Die Bewohner des Kiewer Stadtteils Podil haben das Interesse an dem Gebäude Frunze35 längst verloren. Die einst schmucke Fabrik mit der ersten dem Jugendstil nachempfundenen Fassade der Stadt steht seit mehr als zehn Jahren leer und verfällt langsam. Die gegenüber liegende Bank nutzt das Gelände als Parkplatz, nur selten und vorübergehend wird noch mal etwas in den alten Räumen gelagert.

Dabei wurde hier einst Industriegeschichte geschrieben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brauchte die Lebensmittelindustrie in Podil keinen Vergleich mit dem Fortschritt in anderen Ländern zu scheuen. Ein in Frunze35 gebrautes Bier wurde 1895 auf der Lebensmittelmesse in Moskau sogar mit einer Silbermedaille ausgezeichnet.

Der derzeitige Besitzer des Gebäudes, ein ukrainischer Oligarch und Kunstsammler, hatte große Pläne und schrieb einen Architektenwettbewerb für ein Museum für moderne Kunst aus. Doch es wurde nie gebaut: aus finanziellen Überlegungen und weil die Zivilgesellschaft sich für die Restauration alter Gebäude zu interessieren begann. Danach wollte er das Gelände verkaufen. Doch wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise wollte niemand die alte Fabrik haben.

Da fand sich eine kleine Gruppe von Urbanisten zusammen und nahm sich vor, die Fabrikgebäude zu retten und Ideen zu entwickeln, um die Gelände zu revitalisieren. Mit dieser Idee klopften junge Aktivist/innen an der Tür der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew. Die beschloss die Initiative zu unterstützen – in der Hoffnung, dass aus diesem Fall eine Erfolgsgeschichte und ein Präzedenzfall wird. Auch der Eigentümer der alten Fabrik hat nach einer Verhandlungsrunde dem Workshop zugestimmt.

Das war die Stunde der Heinrich-Böll-Stiftung. Das Büro in Kiew schrieb eine Projektentwicklung ganz anderer Art aus: Junge Leute konnten sich für einen Workshop bewerben, auf dem sie im Mai 2013 gemeinsam einen Aktionsplan für die alte Mälzerei entwickeln sollten. Unter Leitung der italienischen Architektin Sandra Annunziata und der deutsch-portugiesischen Mediatorin Ursula Caser machten sich 16 Architekten, Urbanisten, Stadtplanerinnen und Geographen (zehn Frauen und sechs Männer) ans Werk – ergebnisoffen, wie die Heinrich-Böll-Stiftung betont.

Das Experiment war in vierfacher Hinsicht erfolgreich. Erstens: Die Kooperation ließ großen Enthusiasmus entstehen. Unter fachkundiger Moderation wurde in der Kürze der Zeit aus Menschen aus sieben Ländern und mit sehr unterschiedlichen Kenntnissen ein Team. Zweitens: Der als Modell entwickelte Workshop verlief sehr gut und kann schon jetzt als „best pratice“ gelten. Drittens: Es gibt eine gemeinsame Vision (nachdem zunächst zwei unterschiedliche Konzepte auf dem Tisch lagen). Viertens: Es gibt eine Strategie für die Nutzung und Entwicklung des Gebäudekomplexes. Kein grandioses Design für einen Investor, sondern sechs aufeinander aufbauende Entwicklungsetappen. Nach einer Anfangsphase mit kleinteiliger Selbstverwaltung werden aber auch größere Investitionen nötig werden.

Die Ergebnisse des Workshops wurden öffentlich in Form einer Pressekonferenz präsentiert. Der Eigentümer der Liegenschaft erhielt ein Strategiepapier. Igor Voronov ließ sich zunächst für das Projekt gewinnen, so dass bald weitere Schritte eingeleitet werden konnten, um das Fabrikgelände in der ersten Phase Bürgerinitiativen zur Verfügung zu stellen. Auch der geplante „Freundeskreis“ (Urban-Aktivisten, Architekten, Soziologen, Intellektuelle) für die weitere Revitalisierung fand sich bald zusammen, Frunze 35 hat inzwischen einen Aktionsplan beschlossen und eine Koordinierung eingerichtet.

Mit einer Vision haben sich die jungen Planerinnen und Planer von dem Workshop verabschiedet: „Im Jahr 2030 kann Frunze35 ein Zentrum der Künste in Kiew sein. Oder es kann eine kreative Umgebung bieten, wo Unternehmer visionäre Ideen entwickeln. Oder es kann ein Ort für Handwerker sein, die die Tradition von Exzellenz und Innovation fortführen, die hier vor über einem Jahrhundert praktiziert wurde. Und in jedem dieser Szenarios kann es Raum für ganz vielfältige Angebote für die Anwohner geben.“

„Wir – eine Gruppe junger internationaler Urbanisten, die von der Heinrich-Böll-Stiftung eingeladen wurde, um über Frunze35 nachzudenken – haben eine Idee entwickelt. Die übergeben wir nun an Kiew – an die Stadt, den Besitzer des Geländes, die Aktivisten und die Künstler, und die Leute, die in der Nachbarschaft leben und arbeiten. Wir gehen in unsere Länder zurück. Wir hoffen sehr, dass wir bald gute Nachrichten von hier bekommen. Und, wer weiß, vielleicht werden wir ja eines Tages wieder zurückgerufen, um die Revitalisierung dieses wunderbaren Ortes mit anzuschieben.“
 

P.S: Kurz nach dem Workshop kam der Maidan, nach dem Maidan die Annexion der Krim und der Krieg im Osten der Ukraine. Und damit der wirtschaftliche Absturz.

Noch hat sich in Frunze35 nichts getan. Dennoch: Die Chance für einen Neuanfang besteht.

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Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers "Für Demokratie - Vom Engagement der Heinrich-Böll-Stiftung in der Welt" und wurde im Rahmen der gleichnamigen Publikation erstellt.