Perspectives 02/2015: Bodies, Morals and Politics

Perspectives 02/2015: Bodies, Morals and Politics

Reflections on Sexual and Reproductive Rights in Africa
30. Nov. 2015
Heinrich Böll Stiftung
pdf
Veröffentlichungsort: Kapstadt
Veröffentlichungsdatum: November 2015
Seitenanzahl: 40
Lizenz: CC-BY-NC-ND 3.0
Sprache der Publikation: Englisch

Viele afrikanische Staaten haben sich zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet. Doch deren Umsetzung ist vor allem für Frauen kaum Realität. Gedanken zu sexuellen und reproduktiven Rechten in Afrika.

Die grundlegenden Ursachen für das schleppende Voranschreiten der Emanzipation der Frau und der Gleichberechtigung der Geschlechter in Afrika lassen sich, zumindest teilweise, auf die Widersprüche zwischen den bestehenden Wertesystemen zurückführen. Einerseits unterstreichen die universellen, durch internationale Verträge und nationales Recht geschützten Menschenrechtsgrundsätze, die Freiheit des Individuums und dessen Anspruch auf freie Wahl und Teilnahme an allen Lebensbereichen.

Andererseits räumen Wertvorstellungen und kulturelle Normen, wie sie in den traditionellen afrikanischen Gemeinschaftskonzepten verankert sind, dem sogenannten "kollektiven Interesse" den Vorrang vor den Rechten des Einzelnen ein. Die Tatsache, dass viele afrikanische Gesellschaften tief in religiösen Traditionen wie Christentum und Islam eingebettet sind, macht die Angelegenheit noch komplizierter. Diese verschiedensten Schichten von Werten und Normen regeln nicht nur die soziale Interaktion in den Familien, Gemeinden und innerhalb der Gesellschaft als Ganzes, sondern bestimmen auch, wie sich die Menschen selbst und andere definieren. Die Verfechter der allgemeinen Menschenrechte müssen  sich dieser Tragweite von Gemeinschaft und kultureller Identität sehr bewusst sein.

Die Frage nach der Vereinbarkeit dieser vielfältigen Wertesysteme ist im Kontext  der Förderung von sexuellen und reproduktiven Rechten für Frauen besonders kontrovers, da diese oftmals als direkter Angriff auf die Moralvorstellungen und das Wohlergehen der Gemeinschaft betrachtet werden. Religiöse, traditionelle Anführer von Gemeinden - die meisten von ihnen männlich - neigen daher dazu, Begriffe wie "Kultur" und "Tradition" dafür zu verwenden, den Status Quo zu wahren und Bestrebungen, Frauen durch politische, rechtliche und soziokulturelle Interventionen mehr Macht zu verleihen, zu unterbinden.

Dabei können sogar einige der Bräuche, die vermeintlich dazu bestimmt sind, die traditionelle Lebensweise aufrecht zu erhalten, die körperliche Unversehrtheit und die Würde der Frau unmittelbar unterminieren und schädliche Folgen für sie haben. Polygamie, Jungfräulichkeitsuntersuchungen, Beschneidungen und andere riskante traditionelle medizinische Praktiken haben zum Beispiel negative Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Frauen und erhöhen deren Anfälligkeit für Krankheiten. Trotz dessen werden Themen rund um die reproduktive und sexuelle Gesundheit von Frauen oft tabuisiert.

Darüber hinaus fördern traditionelle und religiöse Regelungen zur Ehe und zum Gebären, die auf überholten Familien- und Mutterschaftsmodellen beruhen, die gesellschaftliche "Inbesitznahme" des weiblichen Körpers und dessen Fortpflanzungsfähigkeit. Und  sorgen damit  für die Aufrechterhaltung des Patriarchats und die Unterwerfung der Frau. Wo sogar die staatliche Bereitstellung von sexuellen und reproduktiven Gesundheitsdienstleistungen auf derartigen Konzepten gründet, wird die ohnehin vielmals schon systematische  Abkoppelung zwischen diesen Dienstleistungen und der Realität im sexuellen und reproduktiven Verhalten der Menschen nur noch weiter verstärkt.

Dieser Text ist das Vorwort der November-Ausgabe 2015 von "Perspectives Africa: Bodies, Morals and Politics" (englisch).

 

Inhaltsverzeichnis:

Editorial

The Politics of Control and Ownership over Women’s Bodies: Discourses that Shape Reproductive and Sexual Rights in Zimbabwe
Kezia Batisai

Modifying the Female Form: Whose Call is it? Female Genital Mutilation and Labia Elongation Practices in Africa
Tammary Esho

African Cultures and the Promotion of Sexual and Reproductive Rights
Thelmah Maluleke

Teenage Pregnancy and Challenges to the Realisation of Sexual and Reproductive Rights in Nigeria
Onyema Afulukwe-Eruchalu

Too Much Mothering and Not Enough Options
Marion Stevens

Stagnating Progress: Fragmented Bodies  - The Politics of Sexual and and Reproductive Health and Rights in Africa
Nebila Abdulmelik

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