Wohin steuert das junge Russland?

Wohin steuert das junge Russland?

Böll.Fokus: Russische Alternativen
Böll.Fokus ist der neue Podcast der Heinrich-Böll-Stiftung — Bildnachweise

Wie Honig einem russischen Dorf eine bessere Zukunft ermöglicht und was die junge Generation von Putin hält: Veranstaltungsbericht mit der neuen Folge unseres Podcasts Böll.Fokus über die Perspektiven junger Menschen in Russland.

In unserer Reihe "Russische Alternativen" sprachen wir am 24. November 2016 über Perspektiven junger Menschen in Russland. Auf dem Podium diskutierten: Guzel Sanzhapova, eine soziale Unternehmerin, die aus der familieneigenen Imkerei ein erfolgreiches Honig-Unternehmen entwickelt - in einem kleinen Dorf fern von Moskau; Elena Omelchenko, eine Soziologin an der St. Petersburger Hochschule für Ökonomie, die im Bereich Jugendstudien aktuell zur Solidarität unter jungen Menschen forscht. Weitere Panelisten waren Grigory Okhotin, Journalist, Mitglied bei Memorial International und Gründer der Medienplattform ovdinfo.org, die politische Repression in Russland dokumentiert, sowie Annegret Wulff, die Programmleiterin des Theodor-Heuss-Kollegs in Berlin.

Elena Omelchenko benutzt den Begriff Generation „Krim“ als Metapher für eine Prägung der heute 15-Jährigen durch die Annexion der Krim. Die militärische Besetzung der Halbinsel habe vor allem die Botschaft vermittelt‚Wenn Du etwas willst, benötigst du dafür nur die nötige Macht‘. Das schätzte sie als sehr gefährlich ein.

Staatlich ideologisierte Post-„Naschi“-Bewegungen (Naschi war eine von Putin gegründete, politische Jugendorganisation) seien nicht sehr populär und weniger verbreitet, beliebter wären dagegen auf Sport orientierte Organisationen und Bewegungen mit dem Ziel einer gesunden Lebensweise. Am neuen russischen Patriotismus und imperialen Ambitionen würden Jugendliche jedoch nicht vorbeikommen, sie hängen oft patriotischen Mehrheiten an, die Demonstration patriotischer Gefühle sei in bestimmten öffentlichen Bereichen obligatorisch.

Außerdem stellt sie unter ihren Studierenden ein wachsendes Interesse am Thema Gender fest, eine Entwicklung die auch das Gesetz gegen die Propagierung von Homosexualität mit unterstützt hat. Homophobie sei tatsächlich weniger verbreitet, als es die Propaganda nahelegen will. Ebenso kann sie eine generelle anti-europäische Haltung unter jungen Leuten nicht erkennen.

Guzel Sanzhapova beschreibt positive Veränderungen, die sie in der Gesellschaft beobachtet. Die Leute seien aufmerksamer und freundlicher im Umgang miteinander, würden Verantwortung übernehmen, um ihr eigenes Umfeld zu verbessern. Sie gründete in den letzten Jahren mittels crowd-funding ein erfolgreiches Honig-Unternehmen auf dem Dorf ihrer Großeltern, Maly Turysh, 200km von Ekaterinburg entfernt. In dem aussterbenden Ort beschäftigt sie mittlerweile 9 Angestellte, basierend auf shared economy Prinzipien. Außerdem hat sie dem Dorf mit einem Spielplatz einen öffentlichen Raum zurückgegeben, in dem die Menschen sich wieder begegnen und austauschen.

Annegret Wulff sieht in sozialem Unternehmertum eine Möglichkeit für gesellschaftspolitisches Engagement. Johannes Vosswinkel, Moderator der Podiumsdiskussion und Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau fragte, ob soziales Unternehmertum nicht vor allem eine Nische sei und wo weitere Freiräume zu verorten seien. Guzel Sanzhapova unterstrich jedoch ihre apolitische Haltung und betonte, sie sei überzeugt von der Bedeutung der eigenen Verantwortung und den Möglichkeiten, eigeninitiativ zu handeln.

In unserem Podcast Böll.Fokus stellt Ihnen Guzel Sanzhapova und die Perspektiven jüngerer Generationen in Russland ausführlicher vor.

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